Munch, der Gefeierte. Nach Einzelausstellungen in Bremen, Paris, Frankfurt am Main und London beleuchten derzeit das Essener Folkwang-Museum und das Kölner Wallraf-Richartz-Museum den prägenden Einfluss des Norwegers auf den Expressionismus. Mit einem wahren Highlight aber lockt jetzt das dänische Aarhus: Anhand der Lebensangst, die das Œuvre des an einer bipolaren Störung leidenden Künstlers wie ein Leitmotiv durchzog, zeigt das ARoS-Museum circa 100 Arbeiten, unter anderem aus der bedeutenden, selten außerhalb Norwegens zu sehenden Rasmus Meyer Collection. Dazu gehört auch „Woman in three Stages“, das Munch 1894 – ein Jahr nach den ersten Skizzen zu seinem berühmtesten Werk „Der Schrei“ – malte.
Edvard Munch: „The three Stages of Woman (Sphinx)“, ca. 1894, Öl auf Leinwand,
164 × 250 cm: Geprägt von Verlusterfahrungen und seelischen Konflikten seiner
schwierigen Kindheit, reduzierte Munch die weibliche Existenz auf drei Stadien, die
er anhand von Archetypen symbolisierte. Links im Bild träumt eine weiß gekleidete
Jungfrau hoffnungsvoll ihrer Zukunft entgegen. Provozierend und verführerisch
präsentiert in der Bildmitte eine Nackte mit grell geschminktem Gesicht ihren
Körper. Wie der Schatten des Todes wirkt dagegen die bleiche, verblühte Frau
unmittelbar neben ihr. Rechts am Rand steht ein dunkler Mann, den Munch in
späteren grafischen Arbeiten herausgenommen hat. Foto: The Rasmus Meyer
Collection, Bergen/ARoS Kunstmuseum
Wie der depressive „Schrei“ entstand auch das symbolträchtige Dreifrauenbild im Rahmen einer Serie, der Munch den Titel „Fries des Lebens“ gab. Die zentrale Position nimmt eine dämonisch wirkende Nackte ein, die breitbeinig, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen ihre Reize zur Schau stellt. Ihre schamlose Koketterie steht in krassem Kontrast zu den anderen Facetten ihres weiblichen Selbst, der durch die Farbe Weiß symbolisierten jugendlichen Unschuld und – rechts von ihr – der düsteren Verkörperung verbrauchten Frauseins. Munch sagte dazu: „In all ihrer Vielfalt ist die Frau ein Mysterium für den Mann – sie ist zugleich Hure, Heilige und unglücklich Ergebene.“ Darauf spielte auch der ursprüngliche Bildtitel „Sphinx“ an, den er später abänderte. In der antiken Sage bedrohte die alles verschlingende Sphinx die Stadt Theben. Auch Munch fürchtete sich aufgrund seiner traumatischen, bigotten Herkunft vor der wilde Körperfreuden verheißenden femininen Natur – und beschrieb damit zugleich ein Frauenbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
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„Frau in drei Stadien“ verdeutlicht seine tiefe Kenntnis von Literatur und Philosophie. Ödipus löste als Einziger das Rätsel der Sphinx. Sie hatte nach den drei Entwicklungsstufen des Menschen Jugend, Reife und Alter gefragt. Im Untertitel des Bilds zitierte Munch das Theaterstück „The Balcony“ seines Zeitgenossen Gunnar Heiberg: „All die anderen sind einer – und Du bist tausend.“ Umgekehrt inspirierte Munchs innovativer Symbolismus andere Künste: Der Dramatiker Henrik Ibsen, der „Frau in drei Stadien“ 1985 besichtigte, bezog daraus das Thema für sein letztes Stück „Wenn wir Toten erwachen“. Sabine Schuchart
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