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Sterbebegleitung in Rumänien: Die Chance, etwas zurückgeben

Dtsch Arztebl 2012; 109(42): A-2101 / B-1713 / C-1681

Helten, Anke

Ein halbes Jahr Freiwilligeneinsatz – für ein neues Hospiz in Bukarest

Kurz den Alltag vergessen: In einem Sommercamp können Kinder, deren Eltern oder Geschwister in einem Hospiz versorgt werden oder gestorben sind, für kurze Zeit wieder Kind sein. Die Autorin, Anke Helten (Mitte), reiste als Betreuerin mit. Fotos: privat

Seit dem Sturz des Ceauşescu-Regimes 1990 ist in Rumänien inzwischen der 20. Gesundheitsminister am Werk. Das System ist ein Stückwerk, Ärzte und Pflegekräfte, obwohl gut ausgebildet, verdienen wenig und wandern ins Ausland ab. Schmiergelder von Patienten sind Zuverdienst und gang und gäbe. Nicht so bei den Ärzten und Schwestern von „Hospice Casa Speranţei“ (Hospiz Haus der Hoffnung). Beim rumänischen Arm der britischen Wohltätigkeitsorganisation „Hospices of Hope“ (Hospize der Hoffnung) werden die Mitarbeiter angemessen bezahlt und nehmen keine Schmiergelder an.

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Neue Erfahrungen

Für ein halbes Jahr sammelte ich Einblicke in den Auf- und Ausbau der Sterbebegleitung in Rumänien – einem Land der Europäischen Union immerhin, in dem jedoch andere Standards gelten. Die Krankenhäuser sind überfüllt, Krebspatienten werden in der Regel zu spät diagnostiziert, und Sterbebetten gibt es nur wenige. Dagegen wurden 2011 geschätzte 150 Millionen Euro in Privatkliniken investiert. Dürfen in Rumänien nur reiche Menschen in Würde sterben?

Hausbesuche wie bei dem MS-Patienten Marius waren die Basis dafür, um die Arbeit der Hospize in der Öffentlichkeit authentisch und bereichert durch eigene Erfahrungen darstellen zu können.

Als Mitarbeiterin von Glaxosmithkline (GSK) unterstützte ich im Rahmen eines Freiwilligenprogramms, das GSK 2009 ins Leben gerufen hat, das rumänische Hospiz „Hospice Casa Speranţei“ in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising (Mittelbeschaffung). Die karitative Organisation benötigte Spezialisten für bestimmte Funktionen, die sie selbst nicht abdecken kann. Und das ist genau das, was das Corporate-Social-Responsibility-Programm von GSK bietet: Nach einem aufwendigen Bewerbungs- und Auswahlprozess werden GSK-Mitarbeiter, ihren Fähigkeiten entsprechend, an gemeinnützige beziehungsweise Nichtregierungsorganisationen weltweit „verliehen“. Das Gehalt der Volontäre wird in dieser Zeit weiter von GSK getragen. Ziel des Programms ist es, die Situation von Patienten und Bedürftigen in armen Ländern zu verbessern und dabei neue Erfahrungen zu sammeln, die auch der eigenen Arbeit im Unternehmen zugutekommen. Bisher haben 290 GSK-Mitarbeiter das Angebot genutzt und bei 81 Partnerorganisationen in 49 Ländern gearbeitet. 2012 sind 94 GSK-Volontäre für 52 Organisationen in 25 Ländern im Einsatz.

Die Organisation „Hospices of Hope“ baut in Südosteuropa palliative Einrichtungen auf. Diese kombinieren ärztliche Hilfe mit psychologischem, pädagogischem und geistlichem Beistand und sollen ein schmerzfreies und würdiges Sterben ermöglichen – auch für arme Menschen. In der rumänischen Stadt Braşov, dem siebenbürgischen Kronstadt, eröffnete vor 20 Jahren das erste große Lehrhospiz mit ambulanter und Tagesklinik, einem stationären Bereich mit Sterbebetten sowie einer pädiatrischen Abteilung, das seither als „Center of Excellence“ für Südosteuropa gilt. Seitdem wurde mehr als 12 000 Kindern und Erwachsenen sowie deren Familien geholfen.

Wenige Hospizbetten

In Bukarest dagegen leben zwei Millionen Menschen, aber Hospizbetten gibt es nur wenige. Nur wer sich einen Aufenthalt in einer Privatklinik leisten kann, hat Aussicht auf ein weitgehend schmerzfreies Sterben. Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge benötigt Bukarest etwa 250 Hospizbetten. „Hospice Casa Speranţei“ unterhält in Bukarest eine ambulante Tagesklinik und ein Home-Care-Team, bestehend aus Schwestern und Ärzten, die Patienten kostenfrei zu Hause versorgen. Nach dem Kronstadter Vorbild soll nun das erste Lehrsterbehospiz mit 20 Betten für Erwachsene und zehn Betten für Kinder aufgebaut werden. Baubeginn ist noch in diesem Jahr, 2013 sollen erste Patienten aufgenommen werden.

Bei meiner Arbeit für „Hospice Casa Speranţei“ ging es darum, weitere Unterstützer für den Bau des Hospizes zu finden, dessen Kosten von 3,2 Millionen Euro auf mittlerweile fünf Millionen Euro gestiegen sind. Durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sollte sowohl die rumänische Öffentlichkeit aufgeklärt als auch internationale Firmen als Unterstützer gewonnen werden. Auch spezifische Fundraising-Aktionen gehörten dazu, wie die Beteiligung am Wohltätigkeitsmarathon oder die Organisation von Events, beispielsweise ein VIP-Event, um einflussreichen Bukarester Persönlichkeiten die Hospizbewegung näherzubringen.

Die Kunstausstellung mit Patientenbildern – ein Highlight: Als Basis dienten Kinderbilder von kleinen Patienten, die von „Hospice Casa Speranţei“ betreut werden. Die Künstlerin Roxana Ené erarbeitete mit Hilfe einer Technik namens „Overpainting“ daraus ihre Kunstwerke und stiftete diese. In Kombination mit dem Originalbild des Kindes und seiner Patientengeschichte wurden die Bilder ausgestellt und versteigert.

Um den Aufbau des Hospizes durch Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising unterstützen zu können, war unter anderem der Einblick in den Alltag der Ärzte und Schwestern sowie in die Patientensituation wichtig. Daher gehörte auch die Begleitung des Home-Care-Teams zu meinen Tätigkeiten. Unter anderem lernte ich einen Patienten im fortgeschrittenen Stadium von Lungenkrebs kennen und Maria, fünf Jahre alt, bei der ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Sehr berührend waren die Besuche bei Marius, einem 50-jährigen Mann, der an multipler Sklerose in finalem Stadium erkrankt ist. Oder die Begegnung mit Flori, einem tapferen achtjährigen Mädchen, das an Mukoviszidose leidet. Bei diesen Besuchen wurde mir immer wieder deutlich, wie essenziell die Hospizarbeit ist.

Das Engagement ging jedoch über Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising hinaus. Eine Woche habe ich in einem Sommercamp als Betreuerin mit den Kindern verbracht. Dort wurden Kinder betreut, deren Eltern oder Geschwister in einer Einrichtung von „Hospices of Hope“ versorgt werden oder gestorben sind. Die Kinder können für kurze Zeit ihren Alltag vergessen und wieder Kind sein.

Ich bin tief beeindruckt, was die Ärzte, Schwestern und Sozialarbeiter in dem armen Land mit wenigen Mitteln für ihre Patienten leisten. Das GSK-Programm hat mir die Chance gegeben, für einen guten Zweck zu arbeiten und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Dr. Anke Helten, Glaxosmithkline

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