POLITIK

71. Bayerischer Ärztetag: „Humanisierung statt Industrialisierung“

Dtsch Arztebl 2012; 109(42): A-2066 / B-1686 / C-1654

Gerst, Thomas

Die Delegierten fordern, Fehlanreize, die ausschließlich ökonomische Ziele verfolgen, abzuschaffen und sich stattdessen an der Umsetzung von Qualitätsindikatoren zu orientieren.

Max Kaplan: „Empathie und Zuwendung gehen verloren, wenn Begriffe wie Effizienzsteigerung dominieren.“ Foto: Franz Höck

Kommerzialisierung, Ökonomisierung, Industrialisierung der Medizin – ein schon länger von Ärzten empfundenes Unbehagen über die Entwicklung ihres Berufsstandes hat sich in den vergangenen Monaten konkretisiert. Es waren vor allem die Vorgänge in der Transplantationsmedizin und die im Zusammenhang damit publik gewordenen Zielvereinbarungen beim Gehalt, die auch in der Ärzteschaft die Auseinandersetzung damit vorangetrieben haben. So befasste sich der 71. Bayerische Ärztetag, der vom 12. bis 14. Oktober in Augsburg tagte, bei der festlichen Auftaktveranstaltung im Goldenen Saal des Rathauses wie auch bei seiner Arbeitstagung mit der „Industrialisierung der Medizin“.

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Fehlanreize abschaffen

In einer Entschließung fordern die Delegierten die in der Verantwortung stehenden Politiker sowie Krankenkassen- und Klinikleitungen auf, „sämtliche Fehlanreize, die auf Kosten einer qualifizierten und humanen Patientenversorgung ausschließlich ökonomische Ziele verfolgen, abzuschaffen und stattdessen an Kliniken und Praxen Qualitätsindikatoren, Patientensicherungssysteme, qualifizierte Weiter- und Fortbildung sowie Kriterien für Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit einzuführen“.

Die Implementierung von Konzepten und Anreizmechanismen aus der Industrie bewirkten spürbare Nachteile für die flächendeckende Versorgung der Patienten und Fehlanreize für Ärzte, die sowohl zu Leistungseinschränkungen als auch zu Leistungsausweitungen führen könnten, heißt es in der Entschließung. „Die wichtigen zwischenmenschlichen Aspekte der vertrauensvollen Beziehung zum Patienten treten bei den Industrialisierungstendenzen in den Hintergrund. Humanisierung statt Industrialisierung ist zu fordern!“

Grundsätzlich stelle sich die Frage, sagte Dr. med. Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, inwieweit sich die Ökonomisierung mit dem Berufsbild des Arztes einerseits und dem Solidarprinzip in der gesetzlichen Krankenversicherung andererseits vereinbaren lasse. Die Diskussion auf dem Bayerischen Ärztetag solle auch für eine entsprechende Medienresonanz sorgen. „Wir müssen das Problem der Industrialisierung und Ökonomisierung in der Medizin in die Gesellschaft bringen.“

Ein wenig Kontra hierzu gab es von Prof. Dr. med. Georg Marckmann, Leiter des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der LMU München. Vordringlich sei es nicht, die Probleme nach draußen zu tragen, sondern sie selbst anzupacken. Beispielsweise sei die ärztliche Indikationsstellung „die entscheidende Stellschraube für den Ressourcenverbrauch im Gesundheitswesen“. Die Ärzte selbst müssten dafür sorgen, so Marckmann, dass Überflüssiges nicht passiere. Die Ethik habe nur eine Chance, wenn sie in die Ökonomie hineinkomme.

Michael Philippi, Vorstandsvorsitzender der Sana-Kliniken AG, wollte bei der Eröffnungsveranstaltung auf dem Podium nicht für Fehlentwicklungen in der medizinischen Versorgung verantwortlich gemacht werden. Er warnte vor einem Katastrophenszenario: „Wir haben noch nie so erfolgreich Medizin gemacht wie heute.“ Wenn man Veränderung wolle, so könne das wiederum nur über die Ökonomie erfolgen – indem man etwa die sprechende Medizin gegenüber der Apparatemedizin aufwerte.

Votum gegen Gesetzentwurf

Intensiv diskutiert wurde in Augsburg auch über den Gesetzentwurf der Bundesregierung, mit dem die Beschneidung minderjähriger Jungen legalisiert werden soll. Trotz der dringlichen Empfehlung einiger Delegierter, sich in dieser Angelegenheit nicht öffentlich zu Wort zu melden, sprach sich der Ärztetag mit großer Mehrheit gegen den Gesetzentwurf aus. „Der 71. Bayerische Ärztetag stellt fest, dass die körperliche Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht des Menschen über dem Recht zur Religionsfreiheit Dritter (hier der Eltern beziehungsweise religiöser Glaubensgemeinschaften) steht und nicht verhandelbar ist.“

Thomas Gerst

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