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SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Richard Hamilton (1922–2011): Die Schöne und die Kunst

Dtsch Arztebl 2012; 109(44): [60] / [60] / [60]

Schuchart, Sabine

Beinahe in identischer Haltung präsentieren sie ihren entblößten Körper: Giorgiones „Schlafende Venus“ (um 1508/10), Tizians „Venus von Urbino“ (1538), Manets „Olympia“ (1863) sowie – hier im Bild – Hamiltons schöne Nackte, mit der er sich bis zu seinem Tod 2011 beschäftigte. Wie ihre Vorgängerinnen, alle Ikonen der Kunstgeschichte, liegt sie ausgestreckt auf einem Diwan, Kopf und Schultern gegen dicke Kissen gelehnt, das linke Bein hat sie über das rechte geschlagen, ihr Körper ist dem Betrachter zugewandt. Die Farbe ihres Kopfschmucks erinnert an die Blüte im Haar von Manets betörender Kurtisane, ihre Schambehaarung ähnelt der von Tizians erotischer Venus. Wie Giorgiones Frauenakt hat sie die Augen geschlossen, aber ihre schläfrige Entrücktheit geht weit darüber hinaus. Fast scheint es, als wäre sie nur körperlich anwesend und völlig von einem bezaubernden Traum absorbiert – im ruhigen Bewusstsein ihrer körperlichen Wirkung.

Richard Hamilton: „Balzac“ (b), 2011, Inkjetdruck auf Leinwand, 112 × 176 cm: Auch in seinem letzten, unvoll­endeten Werk setzte sich der renommierte britische Künstler, der als Begründer der Pop-Art gilt, mittels moderner digitaler Bildtechniken mit Kunst und Literatur der Vergangenheit auseinander. Es gibt drei Versionen des groß­formatigen Bilds, die derzeit in der Londoner National Gallery ausgestellt sind.
© Courtesy of the Estate of Richard Hamilton

Ob die drei Männer im Hintergrund sie anschauen oder nicht, kümmert sie nicht. Es sind Koryphäen der Kunstgeschichte, links ein nachdenklicher Nicolas Poussin, daneben der jugendliche Courbet im Gespräch mit dem weißbärtigen Tizian. Richard Hamilton ließ sich zu der Komposition von Balzacs Novelle „Das unbekannte Meisterwerk“ inspirieren: Darin treffen die zwei Künstler Poussin und Porbus im Paris des 17. Jahrhunderts auf den Altmeister Frenhofer, der seit zehn Jahren an seinem letzten Bild, einem vollkommenen Porträt der Kurtisane Catherine Lescaut malt. Sie brennen darauf, das Werk zu sehen, Poussin überlässt ihm sogar die eigene Geliebte als „Modell“, doch als Frenhofer das Gemälde endlich enthüllt, sind nur bizarre Linien und Farben sichtbar, aus denen die Spitze eines Frauenfußes ragt. Der Alte verbrennt daraufhin sein Œuvre und geht zugrunde.

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Hamilton, einer der intellektuellsten Vertreter der Gegenwartskunst, bereitete gerade seine sehenswerte Ausstellung in Londons National Gallery vor, als er mit 89 Jahren bei der Arbeit an „Balzac“ verstarb. Die Kuratoren, beeindruckt von den bestehenden Versionen, in denen der visionäre Brite wieder einmal aus der Rückschau in die Zukunft weist, stellten diese ins Zentrum der posthumen Schau. In ihrer Ausstellungsrezension schrieb die Kunstkritikerin der britischen „Times“, Rachel Campbell-Johnston, die Allegorien und historischen Zitate des Bilds würden „Kunstliebhabern Rätsel für Jahrzehnte aufgeben“. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Richard Hamilton: The Late Works“
The National Gallery, Trafalgar Square, London WC2N 5DN
www.nationalgallery.org
tgl. 10–18, Fr. 10–21 Uhr
bis 13. Januar 2013


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