THEMEN DER ZEIT

Niederlande: Erste Bilanz einer Sterbeklinik

Dtsch Arztebl 2012; 109(46): A-2296

Klinkhammer, Gisela

Viele Hausärzte sind nicht bereit, Sterbehilfe oder Tötung auf Verlangen zu leisten.

Seit ihrer Eröffnung Anfang März half die niederländische Levenseindekliniek in Den Haag 51 Menschen beim Sterben. Das gab die Klinik anlässlich eines Kongresses am 1. November bekannt. Bei 21 Patienten führte ein Klinikarzt die Euthanasie durch, in 30 Fällen habe der jeweilige Hausarzt die aktive Sterbehilfe übernommen. In der Klinik können jährlich etwa 1 000 Niederländer Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Außerdem stellt sie ambulante Teams mit jeweils einem Arzt und einem Pfleger zur Verfügung, die Betroffene zu Hause besuchen und dort Sterbehilfe leisten. Mehr als 450 Menschen haben sich bereits bei der Klinik angemeldet.

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Kritik an den sogenannten mobilen Teams

Im Nachbarland ist die Euthanasie seit zehn Jahren unter bestimmten Voraussetzungen zulässig. Unter anderem muss ein Arzt sich davon überzeugt haben, dass der Patient seinen Wunsch freiwillig und nach reiflicher Überlegung gestellt hat. Das Leiden des Patienten muss aussichtslos und unerträglich sein. Außerdem muss ein zweiter Arzt zugezogen werden. Diese Regelung ist in der Bevölkerung weitgehend akzeptiert. Bei der Ärzteschaft gab es allerdings von Beginn der Gesetzgebung an auch Bedenken. Viele Hausärzte sind nicht bereit, aktive Sterbehilfe beziehungsweise Tötung auf Verlangen zu leisten. Die Koninklijke Nederlandsche Maatschappij tot bevordering der Geneeskunst (KNMG) übte ebenfalls Kritik an der Gründung der sogenannten mobilen Teams, weil zum Sterben ein vertrauensvolles und stabiles Arzt-Patienten-Verhältnis gehöre. Nur der Hausarzt könne nach einer langen Behandlungszeit feststellen, ob das Leiden ausweglos und untragbar sei. Die KNMG kritisierte außerdem, dass die Aufenthaltsdauer von drei Tagen in der Klinik deutlich zu kurz sei. Das gelte vor allem für psychisch kranke Menschen.

Neben der KNMG haben auch Kirchen und christliche Parteien Bedenken geäußert. Sie fürchten, dass zu leichtfertig auch Nichttodkranken oder psychisch labilen Patienten der Todeswunsch erfüllt wird. „Wir halten uns streng an das Gesetz“, betont dagegen die Vorsitzende der niederländischen Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende, Petra de Jong. Doch die Sorgen sind nicht unberechtigt. Von den Patienten der Klinik hat nach Angaben de Jongs immerhin jeder zweite ein psychisches Leiden.

Auch in Deutschland stieß die Gründung der Klinik auf scharfe Kritik. Die damalige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands, Dr. med. Birgit Weihrauch, vertrat die Ansicht, dass „nicht durch eine immer besser organisierte Sterbehilfe, sondern nur durch eine fürsorgliche Begleitung durch Hospizbewegung und Palliativmedizin schwerstkranken und sterbenden Menschen Angst, Schmerzen und Verzweiflung in einer ihnen häufig ausweglos erscheinenden Situation genommen werden können“. Wenn Menschen in ihrer Verzweiflung um Hilfe zum Sterben bäten, dann resultiere das vielfach daraus, dass sie allein gelassen und nicht ausreichend hospizlich und palliativ versorgt würden.

Gisela Klinkhammer

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