KULTUR

Brandenburg: 9 000 Opfer, 8 000 Namen

Dtsch Arztebl 2012; 109(46): A-2319 / B-1887 / C-1851

Jachertz, Norbert

Eine Gedenkstätte in Brandenburg/Havel erinnert an die Euthanasieopfer der T4-Aktion.

Im Gedenkort „Anstaltsscheune“ liegt ein Buch mit den Namen der Opfer aus. Foto: Georg Neuhold

Eine informative und berührende Ausstellung vervollständigt seit kurzem die Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ in Brandenburg/Havel. Sie erinnert an die Opfer der Aktion T4 (benannt nach der Berliner Tiergartenstraße, wo das Mordprogramm verwaltet wurde), die in Brandenburg begann. Hauptaufgabe der Gedenkstätte sei es, sagte Helmuth Markov (Die Linke), der stellvertretende Ministerpräsident des Landes Brandenburg, die Information über die Geschehnisse an die nächste Generation weiterzugeben. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei eine Grundvoraussetzung für die Ausgestaltung der Demokratie.

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Mobile Krematorien

Die Ausstellung gibt eine Übersicht über die Aktion T4, bei der in sechs Tötungsanstalten mehr als 70 000 Menschen umgebracht wurden, und informiert speziell über die Mordanstalt in Brandenburg. Zwischen Januar und Oktober 1940 wurden hier nahezu 9 000 Menschen mit Gas getötet und in mobilen Krematorien verbrannt. Mitten in der Stadt, in einer Scheune auf dem Gelände des alten Gefängnisses. Mehr als 8 000 Namen von Opfern konnten gesichert werden; sie stehen in einem Gedenkbuch. Die Identifizierung ist der Kuratorin, Dr. Astrid Ley, und zwei weiteren Medizinhistorikern, Dr. Anette Hinz-Wessels und Dr. Dietmar Schulze, zu verdanken. Das sei Pionierarbeit gewesen, lobte der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Prof. Dr. Günter Morsch.

Blick in die Ausstellung, die über die Mordanstalt in Brandenburg informiert. Fotos: Friedhelm Hoffmann

Die Ausstellungsmacher scheuten sich nicht, auch die Täter beim Namen zu nennen. Brandenburg kam bei T4 eine makabere Pionierrolle zu: Im Januar 1940 erprobte eine aus Berlin angereiste Delegation, welche Tötungsmethode am praktischsten sei. Man entschied sich für Kohlenstoffmonoxid. An diesem auch als Probetötung bekannten Experiment nahmen unter anderem der „Reichsärzteführer“, Dr. med. Leonardo Conti, teil sowie die beiden T4-Beauftragten Adolf Hitlers, nämlich sein Kanzleichef („Reichsleiter“) Philipp Bouhler und sein Begleitarzt Prof. Dr. med. Karl Brandt. Mit dabei war auch Dr. med. Irmfried Eberl, der später Leiter der Tötungsanstalt Brandenburg wurde und persönlich den Gashahn aufdrehte. Nach dem Ende von T4 brachten Eberl wie auch viele andere „T4-Experten“ ihre Erfahrungen in die Vernichtungslager im Osten ein.

Gedenktafel in Brandenburg

Allgemein wurde bei der Ausstellungseröffnung am 17. August bedauert, dass die Gedenkstätte erst so spät komme. Weshalb, das vermochte niemand recht zu erklären, nicht einmal die Oberbürgermeisterin der Stadt Brandenburg, Dietlind Tiemann (CDU). Doch immerhin wurde in Brandenburg eine Gedenktafel platziert. Dazu wurde 1997 ein Erinnerungsort auf den freigeräumten Fundamenten der zur Gaskammer umfunktionierten Scheune errichtet.

Norbert Jachertz

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