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Nepal: Chirurg dringend gesucht!

Dtsch Arztebl 2012; 109(46): A-2329 / B-1897 / C-1861

Drews, Arne

Seit 2003 hat der deutsche Unfallchirurg Wolfhard Starke im „Amppipal Hospital“ operiert. Nun ist er in den Ruhestand gegangen. Nepalmed e.V. sucht einen Nachfolger.

Die Faszination der Bergwelt des Himalayas mit seinen friedlichen Einwohnern zieht viele Reisende in ihren Bann. Doch schon am ersten Tag meines ersten Besuchs in Nepal 1992 waren das Elend und die Armut der Bevölkerung nicht zu übersehen. Als Arzt aus einem reichen westlichen Land war mir klar, dass es hier jeder Hilfe bedarf. Ich suchte Gleichgesinnte im Freundeskreis und an der Universität Leipzig, wo ich damals Medizin studierte, und im Jahr 2000 gründeten wir den gemeinnützigen Verein „Nepalmed“, der nepalische Initiativen im Gesundheitswesen unterstützt. Unsere Mitgliederzahl ist von anfangs 13 auf mittlerweile mehr als 340 europaweit gestiegen.

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Seit 2010 erfüllen wir die Kriterien der Initiative „Transparente Zivilgesellschaft“. Begonnen haben wir mit der Vermittlung von Medizinstudierenden zu Praktika im „Kathmandu Model Hospital“, später auch in entlegenere Krankenhäuser. Mittlerweile haben wir so mehr als 330 Studenten den Einblick in die Medizinversorgung in der Mangelwirtschaft ermöglichen können. Ich bin sicher, dass ein solcher Aufenthalt das Verständnis der angehenden Mediziner für die Probleme der Menschen in den weniger entwickelten Ländern wachsen lässt und den weiteren beruflichen und privaten Weg dieser jungen Leute nachhaltig beeinflusst.

Das Amppipal Hospital: Im Jahr 2012 wurde der Neubau eines Teils des Hauptgebäudes abgeschlossen.

Das staatliche Gesundheitswesen in Nepal ist nur dürftig entwickelt und erreicht vor allem nur die Großstädte mit etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Daran hat sich in den zwölf Jahren leider wenig verändert. Die hauptsächliche Bremse in der Entwicklung des Gesundheitswesens des Landes war sicher der Bürgerkrieg bis 2006, der dem geradezu feudalistischen Gesellschaftssystem sowie der Korruption und Ignoranz der herrschenden Elite geschuldet war. Doch die folgenden Versuche einer demokratischen Umgestaltung führten seither noch nicht einmal zur Verabschiedung einer Verfassung.

Unser hauptsächlicher Partner ist seit 2003 das „Amppipal Hospital“, das auf einer Höhe von 1 020 Metern in der mittleren Bergregion des Distrikts Gorkha liegt. Der Einzugsbereich des Krankenhauses umfasst etwa 200 000 Menschen, die meist Gehzeiten von einer bis drei Stunden benötigen, zum Teil aber auch einen bis drei Tagesmärsche entfernt leben. In diesem kleinen Krankenhaus mit derzeit 46 Betten arbeiten mittlerweile 37 Angestellte.

Das medizinische Wissen und Können des Personals ist gut. Die Mitarbeiter wurden nacheinander alle zu Auffrischungskursen in große Krankenhäuser entsendet. Angeboten wird ein großes Spektrum der Medizin: Innere und Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Neurologie/ Psychiatrie, Allgemein- und Unfallchirurgie. Es stehen eine komplette zahnmedizinische und Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Behandlungseinheit zur Verfügung. Zahnextraktionen und professionelle Zahnreinigung sind ständig möglich. Zahnfüllungen werden im Rahmen von Camps durch westliche Zahnärzte vorgenommen. Zur Diagnostik stehen Röntgen- und Ultraschallgeräte, EKG und Labor zur Verfügung. Die Apotheke verfügt über eine Grundausstattung. Für chirurgische Prozeduren stehen Osteosynthesematerialien (Platten, Drähte, Nägel, Fixateur externe) und entsprechende Instrumente wie Hand- oder Akkubohrer bereit. Außerdem können mittlere Allgemeinchirurgie, Kaiserschnitte, abdominelle und vaginale gynäkologische Operationen durchgeführt werden. Bisher kommen Spinal- und Plexusanästhesie, Allgemeinnarkosen und i.v.-Kurznarkosen zur Anwendung.

Der Einzugsbereich des Krankenhauses umfasst etwa 200 000 Menschen, die meist Gehzeiten von einer bis drei Stunden benötigen, zum Teil aber auch einen bis drei Tagesmärsche entfernt leben. Fotos: privat

Auch bauliche Veränderungen konnten realisiert werden. Neben dem Bau einer Feldstraße zur Anbindung des Krankenhauses an das zwei Kilometer entfernte Dorf, ermöglichten wir die Sanierung der Dächer, der Toiletten, der Umkleideräume des Wachpersonals, der Wäscherei, des Gästehauses und den Ersatz verschlissener Instrumente und Geräte. Mit großem Engagement versorgte unser ehrenamtlicher Arzt vor Ort, Dr. med. Wolfhard Starke, seit 2003 mit dem nepalesischen Personal täglich zwischen 50 und 120 Menschen in der Ambulanz, im Operationssaal und auf Station. Seiner Führung ist die finanzielle Sanierung und der Ausbau des Hauses zu verdanken.

Im Jahr 2008 konnte ein Mehrzweckgebäude für den Umzug der Verwaltung, der Bibliothek, für Aufenthaltsräume der Schwestern und für einen Besprechungsraum fertiggestellt werden. Mit Geldern der deutschen Botschaft wurde 2009 ein hygienisch einwandfreies Patientenbad gebaut. 2012 konnte der Neubau eines Teils des Hauptgebäudes abgeschlossen werden. Nun sind neben einem hellen und großen Operationssaal auch eine kleine Wachstation und eine gynäkologische Station eingerichtet worden.

Alle diese Erfolge beruhten vor allem auf der zielstrebigen Arbeit vor Ort durch Dr. Starke. Als Allgemein- und Unfallchirurg und weitgehend einziger Arzt lag die medizinische Verantwortung und der größte Teil der chirurgischen Arbeit in seinen Händen. Sein breites chirurgisches Spektrum führte zu einem kontinuierlich wachsenden Strom an Patienten. Im Distrikt besteht keine weitere chirurgische Behandlungsmöglichkeit. Komplizierte Fälle werden in die Hauptstadt Kathmandu oder nach Pokhara verlegt. Regelmäßig kommen deutsche Ärzte zu Kurzeinsätzen nach Amppipal. So können „medical camps“ für plastische Chirurgie, Zahnmedizin und HNO angeboten werden. Augenheilkunde und Epilepsie-Camps finden regelmäßig mit nepalesischen Kollegen statt.

Seit Dr. Starke mit 68 Jahren im März 2012 seine Arbeit in Amppipal beendete, konnte der chirurgische Betrieb nur lückenhaft mit deutschen Einsatzkräften abgedeckt werden. Ein nepalesischer Chirurg steht nicht zur Verfügung, obwohl wir dem Hospital finanzielle Zuschüsse für eine Arztstelle zukommen lassen können. Das Leben in den großen Städten ist für die nepalesischen Ärzte viel zu anziehend. Immerhin meldete sich 2011 ein junger einheimischer Allgemeinarzt, der gewillt ist, den Verlockungen der Großstadt zu widerstehen. Doch liegt nun die extrem wichtige chirurgische Behandlung ab Ende 2012 in Amppipal brach. Damit ist die Existenz des Krankenhauses und die einzigartige Medizinversorgung der ganzen Region bedroht. Eine Erhöhung der Konsultationsgebühren ist in dieser armen Gegend nicht durchsetzbar. Viele der Patienten sind so arm, dass sie einen Zuschuss für die Behandlungskosten aus unseren Spendengeldern erhalten. Eine Bauchoperation kostet umgerechnet 66 Euro einschließlich Narkose. Die Einnahmen aus den Operationen sind für das wirtschaftliche Überleben des Krankenhauses entscheidend.

Es besteht nun die Möglichkeit, eine Chirurgenstelle im Amppipal mit westlichem Gehalt einschließlich Rentenbeiträgen und Versicherung für eine Dauer von bis zu drei Jahren zu finanzieren. Anschließend ist eine Verlängerung möglich. Auch sind Kurzeinsätze über den „Senior Expert Service“ sinnvoll. Bitte nutzen Sie diese wunderbaren Möglichkeiten und wenden Sie sich an uns. Die Menschen in Nepal sind dringend auf Ihre Mithilfe angewiesen.

Dr. Arne Drews, Nepalmed e.V., Straße des Friedens 27, 04668 Grimma


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