THEMEN DER ZEIT

Patient in Deutschland: Gehört die Zukunft Dr. Google?

Dtsch Arztebl 2012; 109(47): A-2356 / B-1921 / C-1883

Müschenich, Markus

Illustrationen: Ralf Brunner

Patienten telefonieren, mailen, recherchieren mit dem Smartphone. Ihre Ärzte schreiben Lebenswichtiges auf Karteikarten und lassen Röntgenbilder in Kellern verstauben – von einem Gesundheitswesen, das die Patienten zwingt, zu Kunden zu werden.

Stellen Sie sich vor, Sie würden beim nächsten Besuch eines Baumarkts vor verschlossenen Türen stehen. Auf einem Schild wäre zu lesen: „Aufgrund staatlicher Vorgaben sind die Versorgungssektoren der verschiedenen Baustoffklassen getrennt. Bitte suchen Sie die lokalen Einzelhändler auf.“ Sie müssen lernen: Ab sofort ist ein Ort, an dem ein einzelner Anbieter vielfältige Produkte und Dienstleistungen aus den verschiedensten Bereichen – von Werkzeugen über Holzlatten, Badewannen und Farbe bis zu Küchen, Pflanzen, Süßigkeiten und Zierfischen – anbietet, verboten. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als zum Schreiner und zum Klempner, danach ins Eisenwarengeschäft und zum Zoohändler und dem Küchenfachgeschäft, abschließend in die Gärtnerei und den Süßwarenladen zu fahren. Und Sie erinnern sich an eine Meldung in Ihrer Tageszeitung: „Wirtschaftsleben in Deutschland ab sofort organisiert wie das Gesundheitswesen.“

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Ihr Smartphone versagt Ihnen natürlich ebenfalls den gewohnten Dienst. Der integrierte Gebrauch von Telefon, SMS, E-Mail, Internet, Navigation und Adressbuch in einem Gerät ist nicht mehr möglich. Ab sofort benötigen Sie für jede Funktion ein eigenes Handy: eines zum Telefonieren, eines zum Surfen im Internet, eines für die Navigationsfunktion und so weiter. Wenn Ihnen jemand per E-Mail seine Telefonnummer mitteilt, müssen Sie diese per Hand in Ihr Handy eintippen.

Es ist gut, dass wir als Kunden im Baumarkt oder bei einem Telekommunikationsanbieter nicht so eingeschränkt werden wie im Gesundheitswesen. Wäre es anders, wir würden uns als mündige Konsumenten wehren. Deshalb ist es für das Gesundheitswesen wichtig, dass unsere Patienten keine Kunden sind. Denn das, was am Beispiel des geschlossenen Baumarkts und der nicht länger vernetzten Handyfunktionen als unvorstellbare Zumutung identifiziert wurde, ist Alltag im deutschen Gesundheitswesen.

Kein Service wie im Baumarkt

Jedem Spezialisten muss der Patient aufs Neue seine Krankheitsgeschichte referieren, die danach wieder wie Geheimwissen in den Wänden der Praxis bleibt. Pech, wenn man das Opfer einer schlecht verträglichen Arzneimittelkombination wurde, weil der eine Arzt nicht wusste, was der andere verordnet hatte. Nicht weiter verwunderlich, dass während der EHEC-Epidemie wertvolle Zeit verloren ging, weil Meldungen über neue Infektionen per Post versandt wurden.

Würden sich Patienten als Kunden begreifen, gäbe es wahrscheinlich täglich richtig Ärger im System. Ist vielleicht genau das die „hidden agenda“, wenn vehement dafür gekämpft wird, dass der Patient eben nicht zum Kunden wird? Schützt das Schreckensbild vom hilflosen Kranken, der in den Fängen der Gesundheitswirtschaft landen könnte, vielleicht gar nicht die Patienten, sondern vielmehr ein Gesundheitswesen, das sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, zu einem modernen System der Gesundheitsversorgung zu werden?

Unwidersprochen ist: Ein Patient konsumiert keinen Arztbesuch und keine Krankenhausbehandlung. In einer Behandlungssituation, die häufig genug von Angst und Sorge geprägt ist, sind lustvolle Konsumerlebnisse undenkbar. Nur: Warum sorgt unser Gesundheitswesen gerade dann, wenn Angst und Sorge bestimmend sind, nicht dafür, dass ein Patient vergleichbar einfachen Zugang zu notwendigen Dingen und Dienstleistungen hat, wenn dies doch beim Kauf von Produkten und die Inanspruchnahme von Dienstleistungen der Regelfall ist?

Supermärkte zahlen Entschädigungen, wenn der Kunde an der Kasse länger als zehn Minuten gewartet hat. Einkaufszentren werden so gebaut, dass der gesamte Bedarf des täglichen Lebens dort fußläufig gedeckt werden kann. Wer nachts einkaufen will, nutzt Amazon & Co. Selbst Bankgeschäfte wickeln wir online ab und denken kaum noch über die hochgesicherten virtuellen Netzwerke oder PIN, TAN und elektronische Signaturen nach. Die Werkzeuge unserer Kommunikation sind so einfach gestaltet, dass Grundschüler die Funktionalitäten der Smartphones spielerisch begreifen lernen.

Kurz: Alles ist für uns, die wir ganz normale Kunden sind, so konzipiert, dass unser Alltag möglichst reibungslos und sicher verläuft, ohne Wartezeit und mit Freude an den Dingen, die unser Leben einfacher machen. Doch dann betreten wir als Patient eine andere Welt – unser Gesundheitswesen. Und werden gezwungen, all das, was unseren Alltag angenehmer macht, zu vergessen. Es fängt harmlos an. Wir versuchen die Fragen unseres neuen Hausarztes zu beantworten, in welchem Jahr wir mit der Blinddarmentzündung im Krankenhaus lagen und wie dieses Medikament hieß, nach dessen Einnahme wir merkwürdige Flecken am ganzen Körper bekamen.

Sollten wir irgendwann ins Krankenhaus eingewiesen werden, geht die Befragung von vorne los und wir grübeln noch über ganz andere Dinge nach: Wo könnten all die Röntgenbilder sein, die möglicherweise schon reichlich gemacht wurden? Würde der Arzt im Krankenhaus auch von meiner lebensbedrohlichen Allergie wissen, wenn ich nach einem Unfall bewusstlos eingeliefert worden wäre? Ist sichergestellt, dass das Expertenwissen aus der Welt der Medizin auch im kleinen Krankenhaus am Rand der Republik in Echtzeit zur Verfügung steht?

Zweifelsfrei werden unseren Patienten Werkzeuge, Techniken und Dienstleistungen vorenthalten, die seit Jahren in der Welt jenseits des Gesundheitswesens Menschen zufriedener und das Leben sicherer machen. Es stellt sich die Frage: Warum wird ein Patient mit seinen Sorgen und Ängsten schlechter behandelt als ein gesunder, gut gelaunter Familienvater, der zur Zielgruppe eines profitorientierten Telekommunikationsanbieters oder einer Baumarktkette gehört?

Aber Kranke finden eben zu selten die Kraft, auch noch Fragen wie diese zu stellen: Warum kann ich nicht vom selben Arzt stationär und ambulant behandelt werden? Warum sind so viele Arztpraxen freitags ab 13 Uhr geschlossen? Warum lässt das Krankenhaus Patienten stundenlang in der Notaufnahme warten, wenn gleichzeitig im Supermarkt für eine ultrakurze Wartezeit Entschädigung bezahlt wird?

Warum finden die Ergebnisse unserer Röntgen- und Laboruntersuchungen nicht allein den Weg zu den verschiedenen Ärzten, die wir konsultieren, wenn doch die vernetzte Bereitstellung von Informationen eine geschätzte Errungenschaft ist? Warum müssen wir akzeptieren, dass lebenswichtige Informationen unvernetzt in Karteikästen und auf Festplatten in Arztpraxen und Kliniken zurückbleiben, wenn doch in der globalen Wirtschaftswelt selbst hochsensible Daten nach intelligenten Berechtigungskonzepten vernetzt zur Verfügung stehen?

Patienten werden handeln

So viel ist klar: Mit Kunden geht man besser um als mit Patienten. Doch die Geschichte lehrt uns: Auch vermeintlich Schwächere wehren sich, wenn die Zeit gekommen ist. Und genau das passiert. Patienten beginnen sich zu wehren und suchen nach Angeboten und Strategien, um das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen.

So beginnen sie auf eigene Faust mit der Recherche nach der richtigen Diagnose und der bestmöglichen Therapie, dem richtigen Arzt oder dem geeigneten Krankenhaus. Zur Unterstützung bereitstehen für sie, 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr, Dr. Google & Co. Ein Service, den Kranke gerne nutzen. Patienten mit chronischen Erkrankungen schauen – statistisch betrachtet – mindestens einmal in der Woche im Internet nach, was es Neues zu ihrer Erkrankung gibt. Auf der Suche nach dem für sie geeigneten Arzt oder Krankenhaus nutzen bereits mehr als ein Drittel der Deutschen das Netz. Warum auch nicht? In den USA wurden Google und Co. als wichtigste Recherchequellen der Ärzteschaft identifiziert. Immerhin 92 Prozent der Ärzte gaben in einer Befragung an, solche Suchmaschinen zu nutzen, und gestanden, dass Dr. Google und andere sie manchmal vor einer Fehldiagnose bewahrt hätten.

Patienten wiederum wissen heutzutage nicht nur, wie einzelne Krankenhäuser in Sachen Qualitäts- und Risikomanagement aufgestellt sind oder welche Ergebnisse Patienten- und Zuweiserbefragungen geliefert haben. Sie sind sich auch im Klaren darüber, dass sie in Praxis und Krankenhaus zu Pauschalpreisen behandelt und in der Apotheke mit Rabattprodukten versorgt werden. Wen wundert es also, dass Patienten zu einer solchen Gesundheitsversorgung kein uneingeschränktes Vertrauen mehr entwickeln können? Und diejenigen, die etwas über evidenzbasierte Medizin wissen, fragen sich mit Recht, wann die Güte unseres Gesundheitswesens endlich nach denselben Maßstäben gemessen werden wird.

Den Patienten als den geduldigen Bittsteller, der dankbar ist, dass es ein Krankenhaus und einen Arzt in seiner Nähe gibt und der deshalb vieles in Kauf nimmt, von der sektoralen Trennung bis zu unklarer Qualität – diesen Patient wird es nicht mehr lange geben. Noch allerdings befindet sich der Patient gewissermaßen in der Anfangsphase des Wehrens. Es ist die Phase des Fragens und der Sehnsucht nach plausiblen Antworten. Antworten auf die Frage, wie es gelingen kann, gut und aufmerksam behandelt zu werden und doch Patient zu bleiben. Und eben nicht in eine Kundenrolle gezwungen zu werden, die nicht im Sinne eines Kranken und Leidenden sein kann.

Doch die Akteure des Gesundheitswesens scheinen weder willens oder in der Lage zu sein, schnell und zuverlässig Antworten auf solche grundlegenden Patientenfragen zu finden. Sie erkennen zwar, dass sich etwas ändern muss angesichts des immer besser informierten Kranken, aber ihre Aktivitäten verlieren sich in der halbherzigen Optimierung des Alten.

Es ist abzusehen, was passieren wird: Soziale Netzwerke wie Facebook, Suchmaschinen der Kategorie Google, Start-ups mit neuen Serviceangeboten für Patienten, wie Bewertungsplattformen über Ärzte und Krankenhäuser, werden ebenso wie spezielle Patientennetzwerke nach dem amerikanischen Vorbild zu Distributionsplattformen für medizinische Informationen. Immer mehr Patienten werden ihre persönlichen Gesundheitsinformationen preisgeben und im Netz speichern. Bald werden dort die ersten elektronischen Patientenakten auftauchen, als kostenloses Angebot von Startups der Gesundheitswirtschaft oder als Serviceangebote der sozialen Netzwerke. Mit innovativen Ideen und großen finanziellen Ressourcen, aber auch mit eigenen ethischen Standards werden Facebook & Co. dann plötzlich Teil des milliardenschweren Gesundheitsmarkts.

Aktiv in sozialen Netzwerken

Denn der Schritt vom sozialen Netzwerk zum Anbieter von IT-Gesundheitsdienstleistungen ist nicht groß. Facebook zählt mittlerweile in Deutschland fast 25 Millionen Nutzer. Im Jahr 2011 wurde dort die sogenannte Timeline eingeführt. Damit kann der Facebook-Nutzer seine Lebensbiografie – vom Babyfoto bis zum gewünschten Nachruf – der Netzgemeinde zur Verfügung stellen. Von dort ist es kein großer Schritt, auch die eigene Krankengeschichte Stück für Stück zu dokumentieren und daraus eine Lebensgesundheitsakte zu formen, in der alle relevanten Gesundheitsinformationen gespeichert sind.

Für viele Praxen und Krankenhäuser werden Start-ups und soziale Netzwerke mit derartigen neuen IT-Gesundheitsdienstleistungen eine große Herausforderung darstellen. Zum einen werden die Patienten erwarten, dass ihre Ärzte Zugriff auf die eigene Lebensgesundheitsakte haben und diese auf Wunsch mit aktuellen Informationen zum letzten Arztbesuch oder Klinikaufenthalt füllen. Dies wird allerdings zu erheblichen Kosten aufgrund der notwendigen IT-Infrastruktur führen. Darüber hinaus werden sich die Anbieter den Zugriff ordentlich entlohnen lassen.

Vermutlich werden sich Ärzte zunächst weigern, diese kostspielige Verbindung einzugehen. Wenn dann aber die ersten Patienten mit der Begründung ausbleiben, dass ohne derartige Vernetzung die Behandlungsqualität fraglich sei, werden sie ihre Meinung ändern. Gut möglich also, dass in einigen Jahren Patienten, bevor sie ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis betreten, die Informationen, die sich in ihrer Lebensgesundheitsakte befinden, automatisch und in Echtzeit mit Informationen von einem der führenden Qualitätsportale abgleichen.

Wer noch weiter „auf Nummer sicher“ gehen will, der wird dann auf der Suche nach guter Medizin noch in seinem sozialen Netzwerk nachfragen, ob dort jemand mit Krankenhaus X, Abteilung Y und behandelndem Arzt Z bereits Erfahrungen gemacht hat. Und wenn die Bewertung nicht wirklich gut ausfällt, dann geht der Patient zum nächsten Krankenhaus oder Arzt. In Ballungsräumen wird dies kein Problem sein.

Es gilt noch etwas anderes zu bedenken. Bereits heute existieren Computersysteme mit einer Rechenleistung, die das menschliche Gehirn deutlich übertreffen, beispielsweise der IBM-Computer Watson. Er ist mit dem medizinischen Wissen von 200 Millionen Seiten Fachliteratur programmiert. Wir müssen uns damit abfinden, dass auch sehr hochkarätiges medizinisches Wissen nicht mehr nur an Ärzte gebunden sein wird. Während wir heute noch vom Facharztstandard sprechen, wird in naher Zukunft vielleicht von kumulativen Facharztjahren die Rede sein, wenn die medizinische Kompetenz eines Krankenhauses beschrieben wird.

Auf ihren Webseiten werden sich die Krankenhäuser mit der Leistung ihrer Expertensysteme zu überbieten versuchen und so leicht auf ein kumuliertes ärztliches Wissen von vielen Tausend Facharztjahren kommen. Was für die Patienten durchaus beruhigend erscheinen mag, wird die Krankenhäuser große Summen für Lizenzen und Updates kosten. Und dann?

Patient und Kunde zugleich

Dass sich im Gesundheitswesen nichts ändert, wenn Politik und ärztliche Selbstverwaltung es nicht wollen und zulassen, ist ein Irrtum. Denn das Heft des Handelns wird denjenigen, die bislang das Monopol für die Definition von Krankheit, für die Planung von Diagnostik und Therapie und die Gestaltung eines solidarischen Gesundheitswesens für sich in Anspruch genommen haben, mehr und mehr aus der Hand genommen werden, unter anderem von den beschriebenen Unternehmen.

Vielleicht werden wir dann ein Gesundheitssystem bekommen, das funktioniert wie das Betriebssystem unseres Rechners: Es sorgt unauffällig dafür, dass alle Programme, die uns durch unseren Alltag führen, vernetzt und reibungslos funktionieren. Diese Programme heißen dann nicht Office oder Explorer, sondern Krankenhaus, Arztpraxis und Apotheke. Vielleicht wird es aber auch ganz anders kommen. Eine gute Lösung wäre es, wenn der Patient Patient bleiben und gleichzeitig auf sinnvolle Art die Rolle des Kunden einnehmen könnte. Entscheiden werden das die Patienten. Und wie es aussieht, weitgehend ohne uns.

Dr. med. Markus Müschenich MPH

Gründer des Think-Tanks ConceptHealth

mueschenich@mueschenich.de

www.mueschenich.de

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