POLITIK

Urteil wegen fahrlässiger Tötung: Medizinstudent geht in Berufung

Dtsch Arztebl 2012; 109(47): A-2348 / B-1916 / C-1878

Hibbeler, Birgit

Das Medikament in der Spritze war für die orale Gabe bestimmt. Der PJler aber verabreichte es intravenös. Foto: Eberhard Hahne

Das Amtsgericht Bielefeld hat einen Studenten im praktischen Jahr wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Er hatte einem Säugling eine falsche Spritze verabreicht. Ein Organisationsverschulden lag aus Sicht der Staatsanwaltschaft nicht vor.

Ein Medizinstudent der Universität Münster ist am 22. Oktober wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 1 800 Euro verurteilt worden. Gegen das Urteil hat er nun Berufung eingelegt, wie das zuständige Amtsgericht Bielefeld auf Anfrage mitteilte.

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Der Student hatte im Rahmen seines praktischen Jahres (PJ) in einem Bielefelder Krankenhaus einen folgenschweren Fehler begangen. Er sollte bei einem Säugling Blut abnehmen. Eine Schwester kam herein und legte eine Spritze mit einem Antibiotikum bereit. Dieses war für die orale Gabe vorgesehen, der PJler aber spritzte das Medikament in ein laufendes intravenöses Infusionssystem. Der Säugling erlitt einen anaphylaktischen Schock und starb. Aus Sicht der Richter hätte der Tod des Kindes vermieden werden können, wenn der Student sorgfältig gearbeitet hätte. Er hätte sich vergewissern müssen, welches Medikament in der Spritze war. Zudem habe er nicht den Auftrag gehabt, dem Kind die Spritze zu geben, wie eine Gerichtssprecherin mitteilte.

Offenbar gab es einen Wortwechsel zwischen dem Studenten und der Krankenschwester, die die Spritze ins Zimmer brachte. Der genaue Wortlaut habe aber vom Gericht nicht geklärt werden können, sagte die Sprecherin. Zum Sachverhalt erklärte sie weiter: Das Krankenhaus habe in der Verhandlung angegeben, Spritzen zur intravenösen Gabe seien in dem Haus erkennbar, weil sie mit einem Aufkleber versehen seien, das Medikament, Dosierung und Patientendaten ausweise. Auf ihnen stecke außerdem eine Nadel (mit Schutzhülle). Bei der fraglichen Spritze aber fehlte die Beschriftung. Sie war mit einem roten Kombistopper verschlossen.

Vertreter der Medizinischen Fakultät in Münster kritisierten das Urteil. Dekan Prof. Dr. med. Wilhelm Schmitz stellt sich die Frage, ob es für den Studenten wirklich klar erkennbar war, dass das Medikament in der Spritze für die orale Gabe bestimmt war. „Die Richter hätten in Erwägung ziehen müssen, dass auch Organisationsmängel des Krankenhauses vorliegen könnten“, sagt Schmitz. Dafür spreche zumindest, dass das Krankenhaus nach dem Vorfall das Spritzensystem gewechselt habe, damit eine solche Verwechslung nicht mehr vorkommen könne. Für das Berufungsverfahren hofft er auf unabhängige und sachkundige Gutachter.

Schmitz kann sich gut vorstellen, dass der Fall für Verunsicherung bei Kliniken und insbesondere bei den Studierenden sorgt. „Das Urteil hat grundsätzliche Bedeutung für alle PJ-Studenten“, erkärt er. Es sei denkbar, dass die PJler vorsichtiger würden. Es müsse aber sichergestellt sein, das die praktische Ausbildung weiter möglich sei. Die Arbeit in den Krankenhäusern werde mit dem Urteil schwieriger. Denn PJler erledigten eine Vielzahl von Routineaufgaben. Insofern hofft Schmitz auf eine baldige Entscheidung im Berufungsverfahren – und auf mehr Klarheit für alle Beteiligten.

Tatsächlich wirft die Verurteilung die Frage auf, welche Tätigkeiten ein Student im praktischen Jahr überhaupt übernehmen darf. „Es gibt keinen festen Katalog“, sagt Claudia Achterfeld, Rechtsanwältin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinrecht der Universität zu Köln. Laut Approbationsordnung (§ 3 Absatz 4) sollen PJler „entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen“. Dabei bedeutet „Aufsicht“ nicht unbedingt, dass der Ausbilder neben dem Studenten zu stehen hat. Er muss sich aber davon überzeugen, dass der Student für die Tätigkeit geeignet ist. Entscheidend sind der Kenntnisstand des PJlers sowie die Schwierigkeit und Gefährlichkeit der Aufgabe. „Es kommt immer auf den Einzelfall an“, betont Achterfeld. Die Fachaufsicht habe letztlich der Chefarzt. Dieser könne aber geeignete Ärzte mit der Ausbildung beauftragen.

Unabhängig von der Tätigkeit des Einzelnen gibt es Organisationspflichten, etwa des Krankenhausträgers und des Chefarztes. Beherrschbare Gefahrenquellen müssen ausgeschaltet werden. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld teilte mit, der konkrete Fall sei auch im Hinblick auf ein Organisationsverschulden geprüft worden. Ein solches habe aber nicht vorgelegen.

Dr. med. Birgit Hibbeler

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Mary Poppins
am Samstag, 24. November 2012, 15:26

Finde das Urteil richtig bzw. deutlich zu mild

Welcher intelligente Mensch spritzt irgendetwas Undefinierbares aus einer Spritze ohne Beschriftung, von dem er keine Ahnung hat, was es ist, in die Vene eines Säuglings, ohne wenigstens vorher nochmals nachzufragen?? Dafür kann man doch nur schwer Verständis aufbringen. Dass eine examinierte Krankenschwester diese Spritze nicht beschriftet hat, und dass sie diese einfach so liegen lässt, ist aber mindestens genauso fahrlässig. Wieso wird nur der Student verurteilt?

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