POLITIK

Regenerative Medizin: Erfolge, aber keine Wunder

Dtsch Arztebl 2012; 109(48): A-2404 / B-1960 / C-1918

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Die Erwartungen der Bevölkerung an die Regenerative Medizin sind groß. Einige konnten erfüllt werden, andere nicht. Ein Jubiläumsforum der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin gab einen Überblick.

Beispiel Urologie: Autologes Zelltransplantat, hier in Zellkulturflaschen, soll helfen, Harnröhren zu rekonstruieren und Verengungen zu therapieren. Foto: dpa

Kaum ein Gebiet hat sich in den letzten zehn Jahren innerhalb der Biomedizin so rasant entwickelt und ist mit so großen Hoffnungen verknüpft wie das der Regenerativen Medizin. „Taube Rennmäuse hören wieder“, „Schilddrüse für Mäuse gezüchtet“ oder „Gelähmte Dackel laufen dank Stammzellen aus der Nase“ – das sind nur einige der Schlagzeilen der vergangenen Monate. Allen beschriebenen Forschungsansätzen gemeinsam ist die Devise: regenerieren statt reparieren.

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In der Tat sind die Potenziale der Regenerativen Medizin groß. Doch ihr Weg in die medizinische Versorgung ist lang. Denn von der Vision, kranke Organe ganz einfach verjüngen zu können, sei man weit entfernt, konstatierte Prof. Dr. med. Konrad Kohler vom Zentrum für Regenerationsbiologie und Regenerative Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. Die Regenerative Medizin sei in den letzten Jahren zwar von vielen Erfolgen gekennzeichnet gewesen, aber auch von Rückschlägen, sagte er zur Eröffnung des Herbstforums „Regenerative Medizin zwischen Realität und Fiktion“ anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin (GRM) Anfang November in Berlin.

Defizite beim Hautersatz

In der klinischen Praxis wurden regenerative Verfahren bereits für den Einsatz an Haut, Knorpel oder Herz angewendet. Doch während vor zehn Jahren die Transplantation von adulten Stammzellen als sehr erfolgversprechendes Einsatzgebiet von Stammzellen zur Verbesserung der Herzfunktion nach einem Infarkt galt, haben große klinische Studien diese Hoffnung inzwischen wieder relativiert.

Ähnlich sieht es beim Hautersatz aus: Trotz intensiver Forschung habe das Tissue Engineering der menschlichen Haut bisher enttäuscht, erklärte Prof. Dr. med. Hans-Oliver Rennekampff vom Zentrum für Schwerbrandverletzte der Medizinischen Hochschule Hannover und Wissenschaftlicher Sprecher der GRM. Trotz kleinerer Erfolge gelinge es noch nicht, die Bildung von Narben zu verhindern, bestehende Narben zurückzubilden oder die „neue Haut“ zu pigmentieren, sagte der Chirurg. Künftige regenerative Ansätze sieht er in der Behandlung mit Suspensionen, die mesenchymale Stammzellen des Patienten enthalten, aber auch in der Kombination mit biophysikalischen Therapien.

Doch es gibt auch Erfolgsmeldungen: Als Standardtherapie, die Leben rettet, gilt mittlerweile die Transplantation von hämatopoetischen Stammzellen bei vielen Leukämien und Lymphomen. „Wir haben inzwischen gelernt, dass die Wechselwirkung der Stammzellen mit den sogenannten Stammzellnischen das Schicksal der Stammzellen wie Selbsterneuerung, Differenzierung und Alterung bestimmt, erklärte Prof. Dr. med. Anthony Ho, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik V der Universität Heidelberg. Um die Bindung zwischen Stammzellen und der Nische zu lösen, würden heutzutage Reagenzien wie Plerixafor eingesetzt, die dafür sorgten, dass die blutbildenden Stammzellen ihre Nische im Knochenmark verlassen und in das Blut ausgeschwemmt werden, wo sie zu Transplantationszwecken gewonnen werden könnten. „Plerixafor ist inzwischen für die Stammzellgewinnung zugelassen und stellt ein gutes Beispiel für die Errungenschaften der Mechanismenforschung bei der Entwicklung von Stammzelltechnologien dar“, betonte Ho. Es habe aber mehr als 20 Jahre gedauert, bis die Stammzelltransplantation bei Blutkrebs als Standardtherapie weltweite Akzeptanz gefunden habe, und noch weitere zehn Jahre, bis die Behandlung von den Versicherungsträgern anerkannt worden sei, gab der Onkologe zu bedenken: „Realistisch betrachtet stehen wir in der Stammzellforschung für die Regenerative Medizin erst am Anfang eines langen Weges.“

Immunmodulation möglich

Mit aller Vorsicht berichtete deshalb die Pädiaterin und Diabetologin Dr. med. Katharina Warncke von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Krankenhaus München-Schwabing und Mitglied der Diabetes-Forschergruppe am Helmholtz-Zentrum München über immunmodulatorische Verfahren zur adjuvanten Therapie des Diabetes mellitus Typ 1. Kinder würden derzeit im Rahmen einer Studie ihrer Arbeitsgruppe mit Zellen aus dem Blut ihrer eigenen Nabelschnur behandelt, erklärte sie. Es enthalte sehr viele Zellen, die die falsche Reaktion des Immunsystems korrigieren könnten. Ob die Therapie jedoch langfristig wirke, könne jetzt noch nicht abgeschätzt werden, sagte Warncke. Bisher hätten sie die Kinder jedoch gut vertragen; Nebenwirkungen verursache sie nicht. „Die Studie ist ein wichtiger weiterer Schritt auf dem Weg zum Verständnis der Toleranzinduktion bei Autoimmunerkrankungen“, betonte die Ärztin.

Die Unterstützung der Politik bei ihrer Forschung sicherte Prof. Dr. Martin Neumann den Wissenschaftlern zu. „Es gibt keine Alternative zu einer Politik, die auf Forschung, Entwicklung und Innovation setzt“, sagte der forschungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Unterstützung durch den Gesetzgeber benötigen die Wissenschaftler beispielsweise in Bezug auf Biobanken. „Wir müssen bei der gesetzlichen Regelung von Biobanken die Individualrechte der Spender wahren und gleichzeitig die Forschung fördern“, erklärte Kohler. Problematisch sei, dass neben einigen großen Biobanken noch etwa 10 000 kleine Projekte existierten, bei denen dieselben strengen Bestimmungen wie für die großen Biobanken angesetzt würden. Die Forscher plädieren daher für abgestufte Regelungen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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