POLITIK

„Sterben in Deutschland“: Leben mit dem Tod

Dtsch Arztebl 2012; 109(48): A-2405 / B-1961 / C-1919

Klinkhammer, Gisela

Die meisten Deutschen kennen inzwischen den Begriff „Hospiz“. Das ist eines der teilweise überraschenden Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung.

Dass Tod und Sterben nicht mehr tabuisiert werden, dafür gibt es inzwischen viele Belege. So widmete beispielsweise die ARD im November dem „Leben mit dem Tod“ eine eigene Themenwoche. Dr. med. Birgit Weihrauch, bis vor kurzem Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV), konnte Mitte November beim 92. Aachener Hospizgespräch dies auch anhand einiger Ergebnisse der repräsentativen Bevölkerungsbefragung „Sterben in Deutschland – Wissen und Einstellungen zum Sterben“ des DHPV untermauern. Und diese Ergebnisse seien selbst für den Hospiz- und Palliativverband teilweise überraschend, betonte Weihrauch.

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Alternativen bieten

58 Prozent der Befragten gaben an, dass sich die Gesellschaft mit dem Thema zu wenig befasse. Immerhin 89 Prozent erklärten, dass sie schon einmal vom Begriff „Hospiz“ gehört hätten, und 66 Prozent konnten den Begriff sogar richtig definieren. Das hält Weihrauch für „unglaublich viel“, auch im Vergleich zum Begriff „palliativ“, den nur 32 Prozent der Befragten richtig zuordnen konnten. Auf jeden Fall gehe aus diesen Ergebnissen aber hervor, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten 30 Jahren seit dem Beginn der Hospizbewegung deutlich verändert habe, was den Umgang mit Sterben und Tod angehe, sagte Weihrauch. Dennoch wüssten viele Menschen immer noch nicht, wozu man ein Hospiz wirklich benötige, schränkte Thomas Sitte, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Palliativstiftung in Fulda, ein. „Wir müssen dazu kommen, dass jeder weiß, dass er sich auf die Hospizbewegung und Palliativversorgung verlassen kann.“ Denn nur dann könne man verzweifelten Menschen Alternativen bieten. Sitte betonte: „Ich begleite, aber ich will das Sterben nicht beschleunigen, sondern nur erleichtern.“ Niemand sollte aus Verzweiflung „in die Schweiz fahren wollen“ oder um assistierten Suizid bitten.

66 Prozent der Befragten gaben an, zu Hause sterben zu wollen. 18 Prozent wollen in einer Einrichtung zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen sterben. Die tatsächlichen Zahlen sähen allerdings anders aus, berichtete Weihrauch. Die meisten Menschen (47 Prozent) stürben nach wie vor im Krankenhaus, rund 30 Prozent in einer stationären Pflegeeinrichtung und etwa 25 Prozent zu Hause. Weihrauch fordert deshalb, den Aufbau ambulanter Versorgungsstrukturen weiter voranzubringen, um es Menschen zu ermöglichen, dort zu sterben, wo sie dies möchten. Eine zentrale Rolle bei der Betreuung von Menschen in der letzten Lebensphase komme dabei dem Hausarzt zu, der auch beim Abfassen von Patientenverfügungen eine beratende Funktion einnehmen könne. Dass Patientenverfügungen zunehmende Bedeutung erlangen, ist ein weiteres Ergebnis der Umfrage. Danach haben 26 Prozent der Befragten bereits eine Patientenverfügung verfasst.

Die Palliativmedizin hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Entwicklung genommen. Darin waren sich die circa 250 Teilnehmer der Aachener Hospizgespräche einig. Dennoch gibt es nach wie vor zahlreiche Defizite. So forderte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Prof. Dr. med. Friedemann Nauck, eine evidenzbasierte Entscheidungsgrundlage.

Gisela Klinkhammer

@Die Umfrage im Internet:
www.aerzteblatt.de/122405

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