POLITIK

Pflegekosten: Die Hälfte zahlt man selbst

Dtsch Arztebl 2012; 109(50): A-2510 / B-2056 / C-2012

Meißner, Marc

Die Pflegeversicherung ist eine Teilkaskoversicherung – dies betonen Politiker immer wieder. Was das in konkreten Zahlen heißt, und welche Kosten auf den Einzelnen zukommen, zeigt eine aktuelle Studie.

Braucht man eine private Pflegeversicherung? – Dies wird angesichts des Anfang 2013 startenden „Pflege- Bahrs“ kontrovers diskutiert. Klar ist: Nur mit der gesetzlichen Pflegeversicherung kann es für den Einzelnen teuer werden. Foto: Your Photo Today

Der Statistik zufolge wird jeder Zweite in Deutschland am Ende seines Lebens pflegebedürftig. Unabhängig davon, ob man dann noch zu Hause wohnen kann oder in ein Pflegeheim muss: Ohne die Hilfe von anderen kann man seinen Alltag nicht mehr bewältigen. Und diese Hilfe muss – wenn sie nicht allein Angehörige übernehmen – auch bezahlt werden.

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Wie viel das den Einzelnen kostet, hat die Barmer-GEK in ihrem aktuellen Pflegereport berechnet: Demnach müssen Männer mit durchschnittlichen Pflegekosten von circa 42 000 Euro, Frauen sogar mit 84 000 Euro rechnen. Dass deren Pflege so viel teurer ist, liege vor allem an ihrer höheren Lebenserwartung und der damit höheren Anzahl an Pflegejahren, erklärte Rolf-Ulrich Schenker, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Barmer-GEK.

Diese Kosten trägt der Betroffene jedoch nicht allein: Die Pflegeversicherung übernimmt circa die Hälfte davon. Durchschnittlich zahlt jeder Versicherte allerdings noch 37 000 Euro aus eigener Tasche – davon 31 000 für die stationäre und 6 000 für die ambulante Pflege. Für den Einzelnen kann es sehr viel teurer oder aber billiger werden, denn die Pflegekosten sind individuell sehr unterschiedlich. So zahlen 40 Prozent der Pflegebedürftigen weniger als 500 Euro selbst. Jeder Zehnte muss jedoch mehr als 99 000 Euro aufbringen, bis hin zu Spitzenwerten von 300 000 Euro.

Förderung durch den „Pflege-Bahr“ ist zu gering

Für Schenker zeigen die Zahlen deutlich, dass die von den Versicherten selbst zu zahlenden Kosten durch ergänzende Pflegeversicherungen abgefedert werden müssen. Den sogenannten Pflege-Bahr – eine steuerlich bezuschusste private Pflegeversicherung, die 2013 mit dem Pflegeneuordnungsgesetz eingeführt wird – hält er jedoch für ungeeignet, um das Problem zu lösen. „Eine solche Versicherung müsste sozial ausgestaltet werden, damit auch Menschen mit geringem Einkommen davon profitieren können“, betonte Schenker. Eine jährliche Förderung von 60 Euro, wie sie der „Pflege-Bahr“ vorsieht, sei jedoch lächerlich. Der Bundesgesundheitsminister weist hingegen darauf hin, dies sei zumindest ein Anfang.

Auch vonseiten der SPD gibt es Kritik am „Pflege-Bahr“: „Die Fünf-Euro-Förderung des „Pflege-Bahrs“ im Monat ist reine Kosmetik und hilft gar nichts“, erklärte Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, setzt sich deshalb für eine Erhöhung des Beitragssatzes zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte ein. Die circa fünf Milliarden Euro, die dadurch mehr eingenommen würden, könnten die Pflege deutlich verbessern.

Die Gewerkschaft Verdi stellte unlängst sogar ein Konzept für eine Pflegevollversicherung vor. Der Beitragssatz zur Pflegeversicherung müsse demnach lediglich um 1,3 Prozentpunkte auf insgesamt 3,25 Prozent angehoben werden.

Für Schenker ist auch dies ein Irrweg: Zum einen ist der Beitragssatz seiner Meinung nach zu gering für eine Vollversicherung. Schlimmer seien jedoch die sozialen Auswirkungen. „Es wird sich ein Markt um die Pflege bilden, der es den Familien leichtmacht, ihre Angehörigen frühzeitig in ein Heim abzuschieben“, befürchtet er. Die Pflegeversicherung sei auch deshalb eine Teilkaskoversicherung, damit die Pflege in der Familie gestärkt werde.

Geringerer Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen

Klar ist bei allem Streit um die Finanzierung: Allein mit einer Teilkaskoversicherung werden viele an ihre finanziellen Grenzen stoßen, wenn sie zum Pflegefall werden. Ein überzeugendes Konzept, dies zu lösen, fehlt bisher. Einen Hoffnungsschimmer bietet der Pflegereport jedoch: In den kommenden 20 Jahren soll der Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen geringer ausfallen als in den letzten Jahren. Das verschafft den Akteuren etwas Zeit, um dringend notwendige Reformen einzuleiten.

Dr. rer. nat. Marc Meißner

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