MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Versorgung geriatrischer Patienten: Die Hälfte der Pflegenden wird körperlich attackiert

Dtsch Arztebl 2012; 109(51-52): A-2588 / B-2123 / C-2075

Siegmund-Schultze, Nicola

Bestimmte Berufsgruppen sind bei ihren beruflichen Kontakten erhöhten Risiken für verbale und körperliche Attacken ausgesetzt. Ein Wissenschaftlerteam der Universität Hamburg hat in der bislang umfangreichsten Untersuchung, die es zu dieser Fragestellung in Deutschland gibt, retrospektiv die Häufigkeit von verbalen und körperlichen Angriffen auf Ärzte und Pflegende in der Geriatrie und die Effekte von präventiven Schulungen untersucht. Außerdem wurde nach der psychischen Belastung nach solchen Attacken gefragt.

Erhoben wurden Daten von 1 973 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in 39 Institutionen. Sie arbeiteten in Einrichtungen für Behinderte (6), Krankenhäusern (6) und Einrichtungen für die ambulante oder stationäre geriatrische Versorgung (27). Die Frage nach der Häufigkeit verbaler und physischer Attacken bezog sich auf den Zeitraum der letzten 12 Monate.

56 % derjenigen, die die Fragebogen ausgefüllt hatten (n = 1 973 von 6 302; Response-Rate 31,3 %; 80,4 % weiblich), gaben an, während des vergangenen Jahres Ziel von körperlichen Angriffen gewesen zu sein, meist in Fotm von Kratzen, Schlagen und Stoßen. 78 % berichteten über Beschimpfungen. Am häufigsten waren körperliche Angriffe in stationären Einrichtungen der Altenpflege mit 63 %, verbale Attacken waren in Behinderteneinrichtungen am häufigsten (86 %). Bei Befragten jünger als 50 Jahre war das Risiko, verbalen Attacken ausgesetzt zu sein, (Odds Ratio [OR] 1,8 bis 1,9; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 1,0–2,9) gegenüber älteren erhöht. Für körperliche Attacken wurde ein erhöhtes Risiko für die Gruppe der unter 40-Jährigen gefunden (OR 1,8; 95-%-KI 1,3–2,5). Geschlechterunterschiede fand das Autorenteam nicht.

Mit knapp 60 % machten ausgebildete Pflegekräfte den größten Teil der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer aus, die übrigen waren Assistenten der Versorgung, Sozialarbeiter, Schulungspersonal oder Ärzte (1,5 %; n = 30). Von den Ärzten berichteten 72 % über verbale Attacken und 48 % über körperliche. Kritische Situationen in der Pflege entstanden meist bei der Körperhygiene und beim Anziehen.

Ein Drittel derer, die Aggressionen ausgesetzt waren, fühlte sich dadurch seelisch erheblich belastet. Schulungen für den Umgang mit körperlichen und verbalen Aggressionen senkten diese Risiken (OR 0,5; 95-%-KI 0,4–0,7) und hatten einen positiven Effekt auf die seelische Belastung (OR 0,6; 95-%-KI 0,4–0,8).

Häufigkeit von verbalen und körperlichen Attacken in verschiedenen Formen der Versorgung geriatrischer Patien
Grafik
Häufigkeit von verbalen und körperlichen Attacken in verschiedenen Formen der Versorgung geriatrischer Patien

Fazit: Mitarbeiter des deutschen Gesundheits- und Versorgungssystems, die alte Menschen pflegen und behandeln, sind häufig körperlichen und verbalen Aggressionen ausgesetzt. „Diese sehr wichtige Studie weist darauf hin, dass wir dringend die Aus- und Weiterbildung in Bezug auf die beschriebene Problematik verbessern müssen: in Pflegeschulen, medizinischen Hochschulen und direkt in den Kliniken“, kommentiert Univ.-Prof. Dr. med. Ralf-Joachim Schulz, Lehrstuhl für Geriatrie der Universität zu Köln. „Die Probleme werden künftig eher zunehmen, und die Berufsgruppen müssen sich darauf ausbildungstechnisch besser einstellen können.“ Außerdem sollte ärztliches und pflegerisches Personal in der Geriatrie die Möglichkeit einer Supervision erhalten.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Schablon A, Zeh A, Wendeler D, Peters C, et al.: Frequency and consequences of violence and aggression towards employees in the German healthcare and welfare system: a cross-sectional study. BMJ open 2012; 2: e001420; doi: 10.1136/bmjopen-2012–001420 MEDLINE

Häufigkeit von verbalen und körperlichen Attacken in verschiedenen Formen der Versorgung geriatrischer Patien
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Häufigkeit von verbalen und körperlichen Attacken in verschiedenen Formen der Versorgung geriatrischer Patien

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