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Fachkräftemangel: MTRA, bitte melden!

Dtsch Arztebl 2013; 110(3): A-105 / B-97 / C-97

Still, Matthias

Immer mehr MTRA-Stellen bleiben unbesetzt. Jetzt versuchen Ärzte, mit kreativen Ideen gegen die Nachwuchsprobleme zu kämpfen.

Diagnose Fachkräftemangel: Der Arbeitsmarkt für medizinisch-technische Radiologieassistentinnen ist derzeit leer gefegt. Foto: your photo today

Ja, dieses Problem haben wir sehr häufig“, sagt Svenja Maiwald, wenn man sie auf unbesetzte MTRA-Stellen anspricht. Die Gesundheitsbetriebswirtin ist im Zentrum für Strahlentherapie Bremen und Westerstede tätig. Hier arbeiten mehrere medizinisch-technische Radiologieassistentinnen und -assistenten (MTRA) in der Strahlentherapie: Sie sind beteiligt an der Bestrahlungsplanung, fertigen CT-Planungsaufnahmen an, kümmern sich um virtuelle Simulationen und Dosimetrie. Genau wie immer mehr andere radiologische Praxen und Krankenhäuser in Deutschland stehen die Bremer Strahlentherapeuten vor einem großen Problem: Der Nachwuchs fehlt, der Arbeitsmarkt für MTRA ist leer gefegt. Jede fünfte Klinik kann offene Stellen in diesem Bereich nicht besetzen, hat das Deutsche Krankenhausinstitut festgestellt. Und dieser Trend wird sich wohl auch in den kommenden Jahren fortsetzen.

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Denn der demografische Wandel macht auch vor dem MTA-Beruf nicht halt: Jede dritte medizinisch-technische Assistentin – die Berufstätigen sind in großer Mehrheit weiblich – ist bereits über 50 Jahre alt, wie das Kommunikationsbüro Ulmer für den Deutschen Verband der Technolog(inn)en und Analytiker(innen) in der Medizin e.V. (dvta) festgestellt hat. Damit steht Kliniken und Arztpraxen in den kommenden Jahren eine MTA-Pensionierungswelle ins Haus.

Die Zahl der Auszubildenden kann diese immer größer werdende Lücke nicht füllen. Im Abschlussjahr 1994/95 verließen noch 2 273 frischgebackene Absolventen die deutschen MTA-Schulen. Seitdem ist die Zahl deutlich gesunken. Der Abschlussjahrgang 2009/2010 schickte gerade noch 1 471 Berufseinsteiger auf den Arbeitsmarkt. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Gründe dafür gibt es viele: Die für einen technischen Beruf vergleichsweise schlechte Bezahlung ist einer davon. Denn während junge Mechatroniker oder Fachinformatiker bereits im ersten Lehrjahr 700 bis 800 Euro verdienen, gibt es für angehende MTA keine Ausbildungsvergütung. Im Gegenteil: An den meisten MTA-Schulen wird sogar ein Schulgeld fällig. Und beim ersten Gehalt zum Berufseinstieg sieht es nicht viel besser aus: Circa 500 bis 600 Euro weniger haben MTA im Vergleich zu ähnlich qualifizierten Berufstätigen anderer Branchen in der Tasche.

„Naturwissenschaftlich und technisch interessierte Schulabgänger können heute zwischen vielen interessanten und oft gut bezahlten Jobs wählen. In diesem Wettbewerb gerät der MTA-Beruf ins Hintertreffen“, erläutert Anke Ohmstede, Vorsitzende des dvta für Radiologie und Funktionsdiagnostik. Die Großindustrie setzt deshalb immer öfter darauf, qualifizierten Nachwuchs schon frühzeitig auf Jobmessen oder durch aktives Headhunting an sich zu binden. Auch Maßnahmen wie Einladungen zu Veranstaltungen, Kurzreisen oder Rundfahrten gibt es. Dass Krankenhäuser oder Facharztpraxen für diese Aktionen weder das Budget noch die Zeit haben, ist nachvollziehbar. Die Folgen bleiben da nicht aus: Zu wenig junge Bewerber auf offene MTA-Stellen.

Doch dem drohenden Personalmangel wollen nicht mehr alle tatenlos zuschauen. Ärzte und Ausbildungszentren entwickeln vermehrt kreative Ideen, um medizinisch-technische Assistentinnen und Assistenten zu fördern und an sich zu binden. Am Berufsbildungszentrum Gesundheit (BBZ) in Ingolstadt erhalten seit diesem Jahr angehende MTRA erstmalig eine Ausbildungsförderung. Diese wird von Partnern des Berufsbildungszentrums aus Medizin und Industrie finanziert. „Begonnen hat alles damit, dass eine Privatpraxis an unserer Schule vorstellig wurde und nach den Gründen für die geringe Anzahl der Absolventen fragte“, berichtet Rainald Räthke, Bereichsleiter am Berufsbildungszentrum Gesundheit. Dass dabei die Einkommensperspektiven einerseits, aber auch äußere Rahmenbedingungen wie die geburtenschwachen Abschlussjahrgänge eine Rolle spielen, war schnell beantwortet. Doch damit wollte sich die Praxis nicht zufrieden geben und legte ein eigenes Stipendienprogramm auf. Aus einem Pool von Bewerbern haben die Radiologen in Zusammenarbeit mit dem BBZ die Förderung von drei angehenden MTRA übernommen. 300 Euro plus Fahrtgeld zur Praxis erhalten die Schüler während ihrer praktischen Ausbildungszeit. Und das sogar, ohne sich zum späteren Berufseinstieg in der Praxis verpflichten zu müssen.

Das Unternehmen Siemens kooperiert mittlerweile ebenfalls mit dem Ingolstädter BBZ und bietet neben einem Stipendienprogramm sogar einen gesonderten Ausbildungsgang an: Angehende MTRA-Systemtechnolog(inn)en werden nach der regulären Ausbildung noch ein halbes Jahr in der Industrie nachgeschult und erhalten eine Ausbildungsvergütung von 750 Euro.

Auch das Zentrum für Strahlentherapie in Bremen setzt auf ein eigenes Stipendienprogramm: Wobei es dabei nicht nur um Geld geht. Denn neben der Übernahme von Prüfungsgebühr und Schulgeld stellt die Radioonkologiepraxis ihren zwei Stipendiaten auch Fachliteratur zur Verfügung und hilft bei der Vorbereitung auf Prüfungen. „Sehr wichtig ist uns eine Einbindung der Auszubildenden in alle Geschehnisse unseres Unternehmens“, sagt Maiwald. Die Stipendiaten wiederum verpflichten sich, drei Jahre nach der Ausbildung in der Praxis zu arbeiten. Das Stipendienprogramm findet in enger Abstimmung mit der MTA-Schule in Oldenburg statt.

Der Fachkräftemangel bei medizinisch-technischen Assistentinnen und Assistenten wird auch mittelfristig ein Problem bleiben: Geburtenschwache Schülerjahrgänge, der hohe Altersdurchschnitt der derzeit Berufstätigen sowie die noch ausstehende Aufwertung des Berufs sprechen dafür. Höchste Zeit also für Fachärzte, Kliniken und Industrie, kreative Wege im Wettbewerb um kluge Köpfe zu gehen.

Um als Arztpraxis attraktiv für qualifizierte MTRA zu sein, bieten sich folgende Maßnahmen an:

  • Stipendien. Übernahme von Schulgeld, Fahrtkosten und Prüfungsgebühren für MTA-Schülerinnen und -Schüler
  • Begleitung und Unterstützung. Bereitstellen von Fachliteratur und Praxisinfrastruktur zum Lernen und Vorbereiten auf Prüfungen
  • Einbindung. Frühzeitige Integration in alle Abläufe einer Praxis oder Abteilung
  • Gehalt und Karriere. Attraktive Gehälter (Boni), Übergabe von verantwortlichen Aufgaben und Angebot interessanter Aufstiegsmöglichkeiten.

Matthias Still


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