KULTUR

„Vergiss mein nicht“: Liebe, am Ende des Erinnerns

Dtsch Arztebl 2013; 110(5): A-189 / B-175 / C-175

Osterloh, Falk

Gretel Sieveking erlebt, wovor vielen graut. Sie erhält die Diagnose Alzheimer-Krankheit. Ihr Sohn dreht einen Dokumentarfilm über sie und über die Ehe seiner Eltern. Es wird eine Liebeserklärung an das Leben.

Fotos: farbfilm verleih

Knapp eineinhalb Millionen Demenzkranke lebten Ende 2010 in Deutschland, schätzt die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft. Etwa zwei Drittel von ihnen litten an der Alzheimer-Krankheit. Die Tendenz ist steigend, stetig. Doch trotz der großen Anzahl Betroffener, und obwohl ein Leben mit Alzheimer-Krankheit in sehr vielen deutschen Haushalten zum Alltag gehört, findet die Krankheit weit außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit statt. Denn die Menschen haben Angst davor, sich mit ihr auseinanderzusetzen – weil es sie daran erinnern würde, selbst betroffen werden zu können. So erstarrt die Alzheimer-Krankheit im Empfinden vieler Menschen zu einem Schreckensbild menschlichen Niedergangs.

Anzeige

Mit seinem Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht“ setzt David Sieveking dieser Angst eine in hellen Farben gehaltene Liebeserklärung an das Leben entgegen. Dabei zeichnet er die Lebensgeschichte seiner Mutter nach, die nicht mit der Diagnose endet, sondern die mit einem Mal eine neue und für alle Beteiligten unerwartete Wendung erhält. Die Geschichte beginnt, wie viele andere Alzheimer-Erkrankten: Gretel Sieveking erhält die Diagnose früh, sie ist Ende 60. Ihr Mann Malte, Professor für Mathematik in Frankfurt am Main, beendet gerade sein Berufsleben. Nun möchte er reisen und ungestört forschen, ohne lehren zu müssen. Doch es kommt anders.

Als David Sieveking von Berlin nach Bad Homburg fährt, um seinem Vater eine Auszeit von der Pflege seiner Mutter zu ermöglichen, ist die Krankheit bereits weit fortgeschritten. Während Malte in der Schweiz regeneriert, versucht David den Alltag mit seiner Mutter. Er möchte sie zu einer erneuten Teilnahme am Leben motivieren, sie soll in der Küche helfen, ihn auf Spaziergängen begleiten. Doch Gretel will nicht. „Schon nach einer Woche bin ich völlig erledigt“, sagt David im Film. „Keine Ahnung, wie mein Vater das die letzten Jahre geschafft hat.“

Damals und heute: Gretel und Malte Sieveking im Laufe der Zeit

Doch plötzlich spricht Gretel von einer Reise nach Stuttgart, ihrer Geburtsstadt. Und so machen sich Mutter und Sohn auf die Reise, sie besuchen Verwandte und fahren weiter in die Schweiz, zu Malte, wo das Paar vor vielen Jahren den Grundstein für ihr Familienleben gelegt hat. Hier lernt David seine Mutter noch einmal neu kennen: als Mitbegründerin einer kommunistischen Gruppierung, die vom Schweizer Staatsschutz beobachtet wurde. Als Verfechterin einer offenen Ehe mit diversen Affären. Später auch als Frau, die Gefühle zu zeigen als manipulativ empfindet.

„Vergiss mein nicht“ zeigt die Alzheimer-Krankheit in all ihrer unerbittlichen Ausweglosigkeit. Zeigt die Frustration, die Strapazen und den Verfall des denkenden Menschen. Doch gerade, weil er nichts ausspart, nimmt er auch einen Teil des Schreckens, der der Krankheit bei vielen Menschen anhaftet. Denn er zeigt zugleich die Zärtlichkeit, die mit einem Mal in das Leben von Malte und Gretel zurückkehrt. „Gestern hat Gretel zu mir gesagt: ‚Ich liebe dich‘“, sagt Malte einmal beim Frühstück. Diesen Satz hat er während ihres gesamten Ehelebens nicht gehört.

Es ist das Verdienst von Sieveking, dass er einer Krankheit, die trotz ihrer hohen Prävalenz im Verborgenen stattfindet, ein Gesicht gibt und dass er zeigt, dass sie zwar den Verlust der Erinnerung bedeutet, nicht aber den Verlust der Würde bedeuten muss, nicht den Verlust der Liebe und nicht der Menschlichkeit.

Gewiss ist eine Nähe, wie sie zwischen Gretel und Malte entsteht, nicht in jeder von der Alzheimer-Krankheit betroffenen Familie möglich. Dennoch zeigt Sieveking, anhand von Gretels Ehrlichkeit, ihrer Spontanität, auch ihres Witzes und ihrer unmittelbaren Emotionalität, dass, über den Einzelfall hinaus, am Ende des Erinnerns eine Essenz des Menschseins bleibt. Und so ist „Vergiss mein nicht“, mit ebenso viel Nähe wie Distanz inszeniert, niemals voyeuristisch und mit einer süßtraurigen Musik unterlegt, kein Film über den Tod geworden, sondern ein Film über das Leben. Seit dem 31. Januar läuft er in den deutschen Kinos.

Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige