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Regelverstösse in der Transplantationsmedizin: Die Fachgesellschaft ist gefordert

Dtsch Arztebl 2013; 110(6): A-195 / B-183 / C-183

Siegmund-Schultze, Nicola

Derzeit kreisen die Debatten in Zusammenhang mit ärztlichem Fehlverhalten, das Patienten ohne regelkonforme Indikation auf die Warteliste brachte oder sie dort nach vorn rücken ließ, um die Konsequenzen für Deutschland. Befürchtet wird zum Beispiel ein weiterer Rückgang der Organspende. Wie aber wirken Regelverstöße auf die Mitglieder von Eurotransplant (ET)? Dort werden postmortale Organe zwischen europäischen Ländern inklusive Deutschland nach festen Regeln vermittelt.

„Die internationale Kooperation wird angesichts der vermuteten Manipulationen in Deutschland von den anderen ET-Ländern sehr genau beobachtet“, sagte Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Direktor von ET, dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Bei einer außerordentlichen Sitzung des ET-Vorstands nach Bekanntwerden erster Fälle im Sommer 2012 hätten die nationalen Fachgesellschaften ihre Besorgnis ausgedrückt und umfassende Aufklärung verlangt, bestätigte Prof. Dr. Erich Pohanka aus Linz, der die österreichische Fachgesellschaft vertrat, dem DÄ. Die Zusammenarbeit im Eurotransplantverbund stehe aber für seine Fachgesellschaft nicht infrage.

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Nach den zuletzt vom Universitätsklinikum Leipzig bekanntgewordenen Regelverstößen hatten sich die Niederlande und Belgien bei ET erkundigt, ob einer ihrer Patienten dadurch unmittelbar benachteiligt wurde. Dies sei nicht der Fall gewesen, sagt Rahmel. Die Elemente des gegenseitigen Vertrauens und der Solidarität aber würden durch die Vorwürfe unzweifelhaft erschüttert.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze, Medizinjournalistin in Köln

Im Bereich der Transplantationsmedizin ist die deutsche Fachgesellschaft in ganz besonderer Weise gefordert, auf das Einhalten von Regeln zu drängen und Fehlverhalten vorzubeugen, auch um internationale Kooperationen nicht zu gefährden. Die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) wirkt nicht nur wie andere Fachgesellschaften in Forschung und Lehre hinein. Sie hat in der Transplantationsmedizin eine besondere Stellung als zentrales, fachliches Bindeglied zwischen der Spende, Verteilung und Implantation von Organen, den Säulen der Transplantationsmedizin, deren Ausführung der Gesetzgeber wegen möglicher Interessenkonflikte voneinander getrennt hat. So hat die DTG Vertreter im Stiftungsrat der Deutschen Stiftung Organtransplantation, die die postmortale Organspende koordiniert. Die DTG ist in der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer vertreten, die Richtlinien zur Organtransplantation erstellt, und sie entsendet Repräsentanten in Gremien von ET. Auch der Arzt, der jetzt als Schlüsselfigur für die vielen Verstöße an den Universitätskliniken Regensburg und Göttingen gilt, war zwischen 2005 und 2011 Delegierter bei ET für die Leberprogramme der beiden Zentren. Als im Jahr 2006 ein Verstoß dieses Arztes gegen das Transplantationsgesetz allen Verantwortlichen bekanntgemacht wurde, gab es keine Sanktionen: weder vonseiten der DTG noch berufs- oder strafrechtliche, auch kein Bußgeld. Ein solches Signal hätte präventiv wirken können. Inzwischen ruht die DTG-Mitgliedschaft.

„Es hat in der Vergangenheit offensichtlich Versäumnisse im Umgang mit Fehlverhalten gegeben“, sagte der Generalsekretär der DTG, Prof. Dr. med. Bernhard Banas vom Universitätsklinikum Regensburg, zum DÄ. „Inzwischen aber hat die Fachgesellschaft deutlich gemacht, dass bei gravierendem Fehlverhalten kein Platz in der DTG ist und die Berufsausübung in diesem Bereich der Medizin untersagt werden sollte.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Medizinjournalistin in Köln

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bach
am Montag, 11. Februar 2013, 19:39

Kein Einzelfall!

Der Arzt war allen wichtigen Gremien bekannt und seine vielen Verstöße ebenso. Konsequenzen aus seinem gravierenden Fehlverhalten aber werden im Nachhinein sehr zögerlich und nur im Konjunktiv in diesem Bereich der Fachgesellschaft "deutlich gemacht"..., so mit dem "Ruhen der DTG-Mitgliedschaft"...

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