THEMEN DER ZEIT

Psychische Erkrankungen: Hohes Aufkommen, niedrige Behandlungsrate

Dtsch Arztebl 2013; 110(7): A-269 / B-250 / C-250

Jachertz, Norbert

Das Psychomodul des Deutschen Gesundheitssurveys fördert endlich zuverlässige Aussagen über Prävalenzen und die Versorgungswirklichkeit zutage.

Genau 33,3 Prozent der Bevölkerung weisen aufs Jahr gerechnet eine oder mehrere klinisch bedeutsame psychische Störungen auf. Die höchsten Prävalenzen treten überraschenderweise bei jungen Leuten auf. Frauen sind von psychischen Erkrankungen geringfügig mehr betroffen als Männer. Erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es indes bei einzelnen Diagnosen, wie Angststörungen und Depression. Psychische Störungen treten häufig zusammen auf oder gehen mit anderen Erkrankungen einher. Mit der Komorbidität nimmt auch die Arbeitsunfähigkeit rapide zu: Kommt ein Drittel aller Personen mit psychischen Störungen innerhalb von vier Wochen auf „nur“ einen Fehltag, so steigt der Anteil bei Multimorbidität von 63 Prozent (bei drei Diagnosen) auf nahezu 90 Prozent (bei fünf Diagnosen). Nur 42,9 Prozent der von einer psychischen Krankheit Betroffenen hatten deswegen jemals Kontakt zum Medizinsystem. Die niedrige Behandlungsrate hält Prof. Dr. phil. Hans-Ulrich Wittchen, Dresden, für alarmierend (siehe 3 Fragen an . . .).

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Insgesamt sei die Bevölkerung in den letzten zehn Jahren nicht „psychisch kränker“ geworden, versicherte Wittchen beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im November 2012. Die Gesamtprävalenz von einem Drittel liege sogar ein wenig unter der in der Europäischen Union mit 38,2 Prozent. Auch sein Kollege Prof. Dr. rer. nat. Frank Jacobi, Dresden/Berlin, gab sich vor der Presse gelassen: Psychische Gesundheitsstörungen gehörten zum normalen Leben. Zu beobachten sei eine Verlagerung von Störungen, nicht eine Erkrankungszunahme.

Was sind die häufigsten psychischen Störungen?
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Was sind die häufigsten psychischen Störungen?

Aussagen zur psychischen Gesundheit von Erwachsenen in Deutschland enthält der Deutsche Gesundheitssurvey (DEGS) und vor allem dessen Modul „Psychische Gesundheit“. Der DEGS wurde zwischen November 2008 und Dezember 2011 vom Robert-Koch-Institut (RKI) erhoben und fragte nach den großen Volkskrankheiten Diabetes und Adipositas, nach körperlicher Aktivität von Erwachsenen und Funktionseinschränkungen im Alter, außerdem nach vier besonders verbreiteten psychischen Störungen: Stress, Schlafstörungen, Depressionen und Burn-out. Erste Ergebnisse wurden bereits im Juli präsentiert.

Viele Spezialauswertungen

Auf dem Kongress der DGPPN, der im November 2012 in Berlin stattfand, wurde nun das Modul „Psychische Gesundheit“ des Surveys (DEGS-MH, wobei MH für Mental Health steht) näher vorgestellt. Mit dieser Zusatzuntersuchung hatte das RKI das Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden beauftragt. Wittchen, der Leiter des Instituts, und sein Studienmitstreiter Jacobi berichteten in Berlin zusammen mit Dr. phil. Ulfert Hapke von der Abteilung Epidemiologie nichtübertragbarer Krankheiten des RKI (siehe auch www.degs-studie.de). Weitere Ergebnisse wird eine Basispublikation enthalten, die für Mai 2013 angekündigt ist. Ab 2014 sollen die DEGS-Daten öffentlich zugänglich sein. Zu erwarten ist eine Vielzahl von Spezialauswertungen. Denn die Fülle und die Qualität der Daten vom DEGS und dem Zusatzmodul lassen die Herzen der Epidemiologen höher schlagen.

Die Methodik war aufwendig. Bereits bei der DEGS-Kernuntersuchung wurden 8 152 repräsentativ ausgewählte Personen zwischen 18 und 79 Jahren von zwei ärztlich geleiteten mobilen Teams an 180 über Deutschland verteilten Standorten nicht nur befragt, 7 116 von ihnen wurden auch körperlich untersucht, einschließlich Laboranalyse von Blut und Urin. Bei den über 64-Jährigen wurden zudem die kognitiven Fähigkeiten getestet.

Die Zusatzuntersuchung „Psychische Gesundheit“, die zwischen September 2009 und April 2012 lief, setzte noch eins drauf: 5 318 Personen aus der DEGS-Stichprobe wurden anhand eines standardisierten diagnostischen Interviews jeweils zwischen 90 und 120 Minuten neuropsychologisch untersucht. Ziel war die differenzierte klinisch-diagnostische Erfassung psychischer Störungen nach den Kriterien anerkannter Diagnosesysteme. Außerdem sollte der Versorgungsbedarf abgeschätzt werden. Eingesetzt waren 40 klinisch geschulte Interviewer.

Beim DEGS wie auch dem Modul wurde zudem der Bundesgesundheitssurvey aus dem Jahr 1998 zum Vergleich herangezogen. 3 959 Personen aus dem Jahr 1998 beteiligten sich auch bei der neuen Erhebung. Das RKI strebt an, solche Wiedereinladungen bei seinen künftigen Surveys – geplant sind bereits DEGS 2 und 3 – fortzusetzen, um so zu „Längsschnitten“ über viele Jahre zu kommen.

Lücken in der Versorgung

Bereits heute zeichnen sich Versorgungslücken bei der Therapie psychisch Kranker ab. Das Psychomodul des DEGS weist jedenfalls niedrige Behandlungsraten innerhalb eines Jahres selbst bei ernsthafteren Störungen aus (etwa Alkoholmissbrauch: 25,8 Prozent, Zwangsstörungen 42,5 Prozent, Phobien zwischen 45,6 und 53 Prozent). Liegen die relativ niedrigen Behandlungsraten am mangelnden Angebot? An Psychiatern, Psychotherapeuten oder Hausärzten, die fehlen, keine Zeit haben oder die Behandlungsbedürftigkeit nicht wahrnehmen? Liegt es daran, dass manche Krankheitsbilder ernster als andere genommen werden? Auffallend ist, dass die Behandlungsraten mit der Komorbidität zunehmen. Muss es demnach erst „schlimm“ kommen, ehe das Medizinsystem den Patienten aufnimmt oder aber der Patient den Kontakt sucht? Welche Rolle spielen Krankheitsmoden? Burn-out etwa ist (wie die DEGS-Kernstudie ausweist) eine Störung sozial gehobener Kreise, während Depression eher mit einem niedrigen sozialökonomischen Status einhergeht.

Der DEGS und die Zusatzuntersuchung könnten nicht allein Antworten auf solche Fragen geben, sondern – nicht zuletzt – politische Forderungen nach einer angemessenen Versorgung unterstützen. Prof. Dr. med. Peter Falkai, München, bis 2013 DGPPN-Präsident, sieht jedenfalls in den Daten „einen besonderen Schatz für unser Fach“. Sein Nachfolger, Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, Bonn, wurde vor der Presse in Berlin noch ein wenig konkreter: Die Ergebnisse seien „wichtig für die Verteilung der Mittel“ und für die Bedarfsplanung mittels Morbiditätsdaten. Bisher erfolge diese auf der Grundlage von Bevölkerungszahlen. Folgt man Maier, ist das überholt.

Norbert Jachertz

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen, Technische Universität Dresden

Foto: pa

Ihre in diesem Jahr abgeschlossene Erhebung zur psychischen Gesundheit betrifft Erwachsene, die in den letzten zwölf Monaten von einer oder mehreren psychischen Störungen betroffen waren. Wie hoch ist denn deren Behandlungsrate, also der Anteil jener, die in Behandlung waren?

Wittchen: Man muss unterscheiden zwischen denen, die überhaupt schon einmal „behandelt“ wurden, wie auch immer, und den „aktuellen“ Zwölfmonatsfällen. Von allen Personen mit einer Zwölfmonatsdiagnose hatten 42,9 Prozent irgendwann in ihrem Leben zumindest Kontakt mit dem professionellen Versorgungssystem, unabhängig davon, ob dieser Kontakt wegen psychischer Beschwerden beim Hausarzt, Nervenarzt, Psychologen/Psychotherapeuten oder Beratungsstellen oder Kliniken war, auch ungeachtet dessen, ob eine „Legeartis“-Behandlung tatsächlich erfolgte. Der Anteil aller „Zwölfmonatsfälle“ aber, der auch in den letzten zwölf Monaten „behandelt“ wurde, ist deutlich niedriger (knapp ein Drittel). Zur Art des Kontakts/der Behandlung können wir wegen der derzeit laufenden Analysen aber noch keine Aussagen machen.

Halten Sie die Behandlungsrate insgesamt für zu niedrig?

Wittchen: Jeder Fall mit einer „Zwölfmonatsdiagnose“ impliziert zumindest „Interventionsbedarf“, sei es bei einer Beratungsstelle oder einer ambulanten oder im schlimmsten Fall stationären Einrichtung. Dass mehr als die Hälfte oder sogar zwei Drittel aller „Zwölfmonatsfälle“ keinerlei Kontakt aufweisen, ist alarmierend und zeigt, dass wir im Vergleich zu körperlichen Störungen psychische Erkrankungen offensichtlich nach wie vor gravierend schlechter „versorgen“. Hinzu kommt, dass sich seit dem Gesundheitssurvey 1998 die Lage nicht verbessert hat. Wegen der anderen Beurteilungsstrategie können Vergleiche zwar noch nicht vorgelegt werden, aber die Behandlungsrate dürfte mit knapp einem Drittel ähnlich hoch gewesen sein wie bei unserer aktuellen Erhebung.

Streben Sie an, mit Hilfe Ihrer Untersuchung zur psychischen Gesundheit auch die Versorgungslage zu verbessern?

Wittchen: Aber natürlich – diese Erkenntnisse sollten auf allen Ebenen (Politik, Kassen, Öffentlichkeit, Patienten) ein Umdenken und sofortige Maßnahmen anregen.

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