POLITIK

Altersgerechte Assistenzsysteme: Wohnst du noch oder lebst du schon?

Dtsch Arztebl 2013; 110(7): A-258 / B-241 / C-241

Krüger-Brand, Heike E.

Thomas Rachel: Ethische, rechtliche und soziale Aspekte sind künftig bei Ausschreibungen des Bundes­forschungs­ministeriums als integrativer Bestandteil von Förder­projekten zu berücksichtigen. Foto: VDE

Hightech soll ältere und körperlich eingeschränkte Menschen in ihrer Lebensqualität wirksam unterstützen. Nach Jahren der Erprobung finden erste Lösungen den Weg in den Alltag.

Heute sind altersgerechte Assistenzsysteme kein reines Forschungsthema mehr. Wir haben erste fertige Produkte, die hier vor einigen Jahren noch im Forschungsstadium vorgestellt wurden“, betonte der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Thomas Rachel, beim 6. AAL-Kongress in Berlin1. Während der erste Kongress zum Thema Ambient Assisted Living (AAL) im Jahr 2008 noch vor allem auf Produkte und Dienstleistungen rund um das Thema Wohnen fokussiert war, hat sich Rachel zufolge das Themenspektrum inzwischen erheblich erweitert und umfasst beispielsweise auch Bereiche wie Arbeit, Mobilität, Gesundheit und Pflege.

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Wissenschaftsjahr 2013 – „Die demografische Chance“

Inzwischen gibt es eine Vielzahl politischer Aktivitäten, die sich mit den Herausforderungen der älter werdenden Gesellschaft befassen (Kasten). Unter anderem steht das vom BMBF ausgerichtete Wissenschaftsjahr 2013, das offiziell am 26. Februar gestartet wird, unter dem Titel „Die demografische Chance“ (www.demografische-chance.de). Es soll „ein intensives Gespräch zwischen der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zum demografischen Wandel befördern“, kündigte Rachel an. Veranstaltungen wie Workshops und Vorlesungen sollen zur aktiven Teilnahme motivieren. Zudem ist eine Wanderausstellung geplant. Senioren will man in sogenannten Demografie-Werkstattgesprächen an der Weiterentwicklung der Forschungsagenda der Bundesregierung „Das Alter hat Zukunft“ direkt beteiligen.

Zu den Bausteinen der Forschungsagenda zählen unter anderem Maßnahmen, um ältere Menschen länger im Erwerbsleben zu halten. Im Förderschwerpunkt „Mit 60+ mitten im Arbeitsleben – assistierte Arbeitsplätze im demografischen Wandel“ beispielsweise geht es um innovative Lösungen der Mensch-Technik-Interaktion, welche die Arbeitnehmer physisch oder kognitiv unterstützen. „Wir wollen erreichen, dass auch Menschen im höheren Alter ihre Potenziale, ihr Wissen, ihre Erfahrungen in ihren Beruf weiter einbringen und länger gesund arbeiten können“, erläuterte Rachel. Hierzu werden 2013 zwölf Projekte starten, die mit 17 Millionen Euro gefördert werden.

In dem Förderprogramm „Betriebliches Kompetenzmanagement im demografischen Wandel“ sind neue Modelle der Arbeitsorganisation und Personalpolitik gefragt, die sich an den Lebenslagen der Menschen orientieren und die berücksichtigen, das künftig ältere Arbeitnehmer vielerorts einen immer größeren Teil der Belegschaften ausmachen werden. Ziel sei es, die Unternehmen „demografiefest“ zu machen, sagte Rachel. Das BMBF stellt hierfür bis 2017 20 Millionen Euro zur Verfügung.

Stärker als bisher sollen technische Innovationen darüber hinaus im gesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet werden. Ethische, rechtliche und soziale Fragen, die früher ein separater Teilaspekt bei Projekten zumeist in der Begleitforschung waren, müssen künftig bei BMBF-Ausschreibungen als integrativer Bestandteil dieser Projekte berücksichtigt werden, da diese Aspekte wesentlich für Akzeptanz und Erfolg sind.2 Die aktuelle Bekanntmachung „Technik stellt sich auf den Menschen ein – innovative Schnittstellen zwischen Mensch und Technik“ (Fördervolumen: circa 15 Millionen Euro) geht laut Rachel noch einen Schritt weiter: „Hier sind die technologische Entwicklung und die nichttechnologischen Ansätze von vornherein integrierte Perspektiven. Im Mittelpunkt steht die intuitive Unterstützung des Menschen durch Technik“, erläuterte der Staatssekretär.

Trotz aller Fördergelder, langjähriger Forschungsaktivitäten und einer Vielzahl von Projekten sind AAL-Systeme bislang noch keine Massenprodukte, und allzu häufig versickern Projektergebnisse auf dem Weg in die Regelnutzung. So sind derzeit erst circa 1,4 Prozent der Wohnungen in Deutschland altersgerecht ausgestattet. Axel Viehweger vom Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e.V. berichtete über Entwicklungen in Sachsen. Dort wird die Genossenschaft im Laufe des Jahres mehr als 30 Wohnungen behindertengerecht, barrierefrei und mit AAL-Technologien ausgestattet haben. Der Umbau der 50 Quadratmeter großen 2-Raum-Wohnungen kostet jeweils 20- bis 30 000 Euro. „10 000 Euro heißt ein Euro Mieterhöhung“, erläuterte Viehweger. Derzeit lägen die Kosten für Assistenzsysteme zwischen 2 500 und 5 000 Euro – für „Normalsterbliche“ immer nochzu viel.

Kostenbeteiligung der Pflegekassen angeregt

Zusätzlich zu den Umbaukosten ist zudem mit höheren Betriebskosten von circa 30 Euro monatlich zu rechnen für Wasser, Strom, Wärme, schnelles Internet und die Wartungskosten, etwa für die sensible Sensorik. Da durch solche Wohnungen ein wesentlich teureres betreutes Wohnen verhindert beziehungsweise das Thema Pflegeheim wesentlich nach hinten verschoben werde, sei die Frage durchaus berechtigt, ob die Pflegekassen nicht zumindest einen Teil der Betriebskosten übernehmen müssten, gab Viehweger zu bedenken.

Schwerpunkt bei den AAL-Technologien ist das Thema Sicherheit. Beispiele sind der Wasserstopp in Küche und Bad, Sensoren im Boden, Nachricht an einen 24-Stunden-Dienst im Hintergrund (meist ambulante Pflegeeinrichtungen), Stromabschaltung am Herd, intelligente Türen und Fenster, Sturzprävention et cetera.

Die Wohnung als zweiter Gesundheitsstandort – Beispiel: zeitweises Monitoring zu Hause nach stationärem Aufenthalt – sowie das Thema Pflege in Kooperation mit ambulanten Einrichtungen wird ebenfalls interessanter für Wohnungsgenossenschaften. Die Kosten für telemedizinische Assistenzsysteme könnten Viehwegers Prognose zufolge im Jahr 2014 bereits unter 2 000 Euro liegen. „Dann wird es spannend für uns“, sagte Viehweger. Klar ist für ihn aber auch: „Alles, was um die Technik herum ist, ist viel wichtiger als die Technik selbst.“ Damit sind etwa soziale Netzwerke, die Nachbarschaftshilfe und die ambulante Betreuung gemeint.

AAL ist inzwischen auch ein Thema für die elektro- und informationstechnischen Handwerke. Diese entwickelten sich zu „qualifizierten Anbietern von multifunktionellen Wohnlösungen“, berichtete Bernd Dechert vom Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). Das Berufsbild Elektrotechniker wandele sich zum Gebäudesystemintegrator, dessen Fachkompetenz Gebäudetechnik, Vernetzung, Energiemanagement und multifunktionales Wohnen umfasse. Circa 1 100 Betriebe haben bereits das vom ZVEH gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik angebotene Zertifikat für senioren- und barrierengerechte Elektrotechnik erworben.

Noch ist der Markt der alltagsunterstützenden Technologien für den Nutzer jedoch überaus unübersichtlich. Um das zu ändern, hat man im Schwarzwald-Baar-Kreis in Baden-Württemberg eine Beratungsstelle zu helfender Wohnungstechnik eingerichtet. Dort berät Katja Porsch seit einem Jahr im Rahmen des Projekts „Alter und Technik“ über technische Lösungen, hält Vorträge und informiert über Bezug, Finanzierung und Ansprechpartner. Mehr als 300 kostenfreie Beratungen hat Porsch in diesem Zeitraum durchgeführt. Wichtig sei der niedrigschwellige Einstieg, berichtete die Diplom-Ingenieurin. Nachgefragte Themen seien vor allem die klassischen Bereiche der Barrierefreiheit, Alltagshilfen und technische Lösungen, wie der Hausnotruf. Einige der Produkte sind auch vor Ort in einer Ausstellung in Augenschein zu nehmen. „Über ein Drittel der Ratsuchenden sind über 80 Jahre“, berichtete die Diplom-Ingenieurin. „51 Prozent der Anfragen kommen von den Angehörigen, 36 Prozent von den Betroffenen selbst, und immerhin drei Prozent von den Krankenkassen.“

Wohnmodule für ländliche Regionen

Einige innovative Ideen sind inzwischen aus dem Projektstadium hinaus. Beispiel „Morpheus“: Das Akronym steht für „modulare und wirtschaftliche Raumkonzepte für Personen mit hohem Unterstützungsbedarf“. Es bezeichnet technikgestützte Wohnmodule, die vor allem für den ländlichen Raum konzipiert sind und die sich flexibel nutzen lassen, etwa als Einzellösung, als Wohnpark oder auch als betreute Wohnform für demenzkranke Menschen. Morpheus-Häuser sind ausgestattet mit Technologien für Sicherheit, Gesundheitsmonitoring und Kommunikation, die Technik entstand im Rahmen des BMBF-Forschungsprojekts VAMOS. Betreut werden die Wohnmodule über lokale Service- und Pflegeanbieter. Das Konzept unterstützt die ambulante Versorgung und die Einbindung der Angehörigen durch einfach erweiterbare Lösungen. Ein Modulhaus entsteht zudem innerhalb von nur drei Monaten. Und: Es ist problemlos wieder deinstallierbar (siehe www.aal-musterhaus.de).

Heike E. Krüger-Brand

1 veranstaltet von BMBF und VDE – Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik e.V. (www.aal-kongress.de),

2 Literaturtipp: Ergebnisse der Studie „Ethische Fragen im Bereich Altersgerechter Assistenzsysteme“, Januar 2013; www.mtidw.de/grundsatzfragen/dokumente/ethische-fragen/BroschureEthik.pdf

demografiestrategie

Nationale Aktivitäten

  • Demografiebericht der Bundesregierung (www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2011/10/2011-10-26-demografiebericht.html)
  • Ressortübergreifende Forschungsagenda „Das Alter hat Zukunft“ (www.das-alter-hat-zukunft.de). Hierfür stellt allein das BMBF im Zeitraum von 2012 bis 2016 insgesamt 415 Millionen Euro bereit.
  • 2012: Demografiestrategie der Bundesregierung „Jedes Alter zählt“ (www.demografiestrategie.de).
  • BMBF-Dossier: „Demografischer Wandel – den Wandel aktiv gestalten“ (www.bmbf.de/de/20112.php)
  • Demografieportal des Bundes und der Länder: www.politik-fuer-alle-generationen.de

Situation in Europa

  • Demografischer Wandel in der EU: http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=502&langID=de&langId=de
  • EU-Kommission: Europa 2020 – Eine Strategie für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum (http://ec.europa.eu/europe2020/index_de.htm)

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