POLITIK: Kommentar

NS-Krankenmorde: Konkurrierendes Gedenken

Dtsch Arztebl 2013; 110(8): A-307 / B-284 / C-284

Jachertz, Norbert

Norbert Jachertz, gesund­heits- und sozial­politischer Journalist

Der Begriff „Aktion T4“ scheint zur Chiffre für den organisierten Krankenmord zwischen 1939 und 1945 zu werden. Die Chiffre ist zwar ungenau, denn es gab weitere Phasen und andere Mordmethoden, doch für das Marketing des Gedenkens nützlich, weil kurz und einprägsam. Marketing? Ja, Opfergedenken pflegt zwar mit gedämpfter Stimme und gesenkten Augen vollzogen zu werden, doch auch Gedenkkultur bedarf der Organisation und muss beworben werden.

Die Opfer wie auch die Täter und ihre Methoden rücken neuerdings stärker ins öffentliche Licht. Das ist das Verdienst vieler privater Initiativen: von Behinderten, von Angehörigen der Opfer, nicht zuletzt von Ärzten in Anstalten, deren Patienten umgebracht wurden. Schließlich haben sich einzelne wissenschaftliche Gesellschaften, so die der Psychiater und Kinderärzte, des Themas angenommen – ein schmerzliches Unterfangen, geht es doch um Mord an Patienten (auch) durch Ärzte. Wer wird daran schon gern erinnert? Auch das geht auf die Initiative einzelner Fachvertreter zurück, andere haben immerhin stillgehalten.

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Staatliche Stellen verhielten sich sehr lange sehr ruhig. Jetzt tut sich was. An der Tiergartenstraße 4, in Berlin, dort wo die „Euthanasie“-Planer saßen, soll ein öffentlicher Gedenk- und Informationsort entstehen. Das Land Berlin hofft, dass er noch in diesem Jahr fertig wird. Die Verantwortung werde dann auf den Bund übergehen, die Sache sei ja jetzt „auf der nationalen Ebene angekommen“, heißt es dazu beim Berliner Senat. Der Bund wiederum will mit seinem Part die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ betrauen, die für ihr wirkungsvolles Gedenkstättenmarketing bekannt ist.

Damit wären alle einschlägigen Gedenkorte in Berlin organisatorisch unter einem Dach konzentriert: Holocaustmahnmal, das Denkmal für die verfolgten Homosexuellen, die neue Gedenkstätte für die Sinti und Roma und demnächst also – ob noch in diesem Jahr sei dahingestellt – der Gedenkort T4. Historisch waren Holocaust und „Euthanasie“ eng verknüpft: Bei der „Aktion T4“ und den darauffolgenden Mordaktionen im besetzten Osten wurden jene Tötungsmethoden erprobt, die später auch in den Vernichtungslagern eingesetzt wurden.

Die Stiftung „Topographie des Terrors“, die ebenfalls für das T4-Gedenken infrage gekommen wäre, bleibt nach der Benennung der Holocauststiftung zunächst außen vor. Sie ist nämlich beim Land Berlin und nach der Politikerlogik damit nicht „auf der nationalen Ebene“ angesiedelt. Was aber nicht hindert, dass die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde bei ihrem ambitionierten Ausstellungsprojekt mit der „Topographie“ zusammenarbeiten will.

Andere sind ebenfalls nicht untätig. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin etwa. Sie hat gerade eine virtuelle Ausstellung zu Medizinverbrechen in der Kinderheilkunde während der NS-Zeit freigeschaltet. Seit längerem virtuell präsentiert sich der „Gedenkort T4“, getragen von einer privaten Initiative. Die ist nicht nur online einfallsreich. Kürzlich richtete sie einen Schülerwettbewerb aus, bei dem 47 Schulen mit 159 Einsendungen teils verblüffende Lösungen für ein T4-Denkmal präsentierten. Nennen wir auch die ungezählten kleinen Initiativen von Rostock bis München, von Pirna bis Hadamar, die mit meist bescheidenen Mitteln Ausstellungen in ihren Kliniken, an den Orten der Tat, zusammenstellen, Lesungen veranstalten und zu Gedenkstunden einladen. So gerade wieder anlässlich des Gedenktages für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 27. Januar, an dem in diesem Jahr häufiger als früher auch der „Euthanasie“-Opfer gedacht wurde. Nicht spektakulär, aber vielfältig.

Das konkurrierende Gedenken zeugt von beträchtlichem ehrenamtlichem Engagement. Es lässt der Fantasie Spielraum, das heikle Thema vielen nahezubringen. Es ermöglicht den lokalen Bezug, denn T4, um die Chiffre zu nehmen, war nicht fern liegend, sondern ereignete sich vor der Haustür. Beteiligt waren vielleicht angesehene Kollegen, geliebte Ehegatten und verehrte Väter, unter den Opfern Nichten, Onkel und Tanten.

Ein zentraler Gedenkort kann die vielfältigen lokalen Aktivitäten nicht ersetzen, aber bestärken und ergänzen. Er könnte ein weithin sichtbares Zeichen setzen, wenn seine Gestaltung und die vermittelten Informationen überzeugen und beim Besucher haften bleiben. Um einen solchen „Erkenntnistransfer“ kümmert sich seit kurzem eine Arbeitsgruppe von Medizinhistorikern aus Berlin, Heidelberg und München. Sie hat Erfahrung auf dem Gebiet und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt − bis Anfang 2015.

Eine letzte Frage, im kleinen Kreis häufiger, öffentlich selten zu hören: Muss das sein, diese beständige Erinnerung? Ja, weil man über die NS-„Euthanasie“ außerhalb der Fachkreise immer noch so wenig weiß. Ja, weil die NS-„Euthanasie“ zeigt, wie eine wissenschaftlich daherkommende Ideologie in ein Mordprogramm ausarten kann. Mehr als 300 000 Menschen fielen ihm zum Opfer. Das darf nicht unter den Teppich des Vergessens gekehrt werden.

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