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Gesetzentwurf zur vertraulichen Geburt: Ausweg aus der Grauzone

Dtsch Arztebl 2013; 110(12): A-527 / B-471 / C-471

Klinkhammer, Gisela

Jeder Mensch möchte über seine Herkunft informiert sein und wissen, wer seine Eltern sind. Dennoch bieten Krankenhäuser in ganz Deutschland anonyme Geburten an. Darüber hinaus gibt es etwa 80 Babyklappen, in denen Mütter ihr Kind zurücklassen können. Momentan bewegen sich sowohl Babyklappen als auch anonyme Geburten in einer rechtlichen Grauzone. Das soll sich demnächst ändern. Ein von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) vorgelegter Gesetzentwurf, der vom Bundeskabinett Mitte März beschlossen wurde, will ein legales Angebot der vertraulichen Geburt schaffen und dadurch die rechtliche Grauzone beenden. „Wir möchten werdende Mütter, die aus persönlichen Gründen Angst vor den Standards einer regulären, meldepflichtigen Geburt haben, durch das frühzeitige Angebot qualifizierter psychosozialer Beratung Auswege aus ihrer verzweifelten Lage aufzeigen und sie so rechtzeitig während der Schwangerschaft für eine vertrauliche Geburt gewinnen.“ Ziel sei es, dass sie ihr Kind trotz ihrer Sorgen in einem Krankenhaus zur Welt bringen – „also unter bester medizinischer Betreuung statt heimlich und alleine unter höchst riskanten Umständen“, erklärte Schröder.

Nach dem Gesetzentwurf kann die Frau ihr Kind unter einem Pseudonym zur Welt bringen. Das Kind wird in der Regel zur Adoption freigegeben. Die persönlichen Daten der Mutter kommen bei der Aufnahme im Krankenhaus in einen versiegelten Umschlag und werden bei einer zentralen Behörde 16 Jahre lang aufbewahrt. Gleichzeitig haben die betroffenen Kinder ab dem 16. Lebensjahr die Möglichkeit, ihre eigene Identität festzustellen. Die Mutter kann dem begründet widersprechen. Zudem soll das Beratungs- und Hilfesystem für Schwangere ausgebaut werden. Diese Neuregelungen sollen erst zum 1. Mai 2014 in Kraft treten, da zunächst die erforderlichen Vorkehrungen für die Umsetzung getroffen werden müssten. Dazu gehören unter anderem die Qualifizierung von Beratungsfachkräften, die elektronische Umstellung beim Geburtenregister und die Einrichtung eines bundeseinheitlichen Notrufs.

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Der Deutsche Ethikrat hatte bereits vor vier Jahren die Praxis der anonymen Kindesabgabe kritisiert und die Bundesregierung aufgefordert, nach einer gesetzlichen Lösung für Schwangere in Notlagen zu suchen. Die Vorsitzende des Ethikrats, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, monierte jetzt, dass Möglichkeiten zur anonymen Geburt ohne Hinterlegung der Herkunftsdaten sowie zur Abgabe des Kindes in einer der vorhandenen Babyklappen künftig erhalten bleiben sollen. Sie betonte, dass die Babyklappen ein Angebot seien, „das überhaupt nicht kontrolliert wird“. Die anonyme Abgabe sei kein geeignetes Mittel zur Rettung des Lebens von Neugeborenen. Diese Bedenken sind durchaus nachvollziehbar.

Gisela Klinkhammer, Chefin vom Dienst (Text)

Doch bei aller sicherlich berechtigten Kritik schafft der Gesetzentwurf immerhin eine Alternative zur anonymen Geburt und zu Babyklappen. Künftig könnten riskante heimliche Geburten außerhalb von medizinischen Einrichtungen vermieden und Fälle verhindert werden, in denen Kinder ausgesetzt oder getötet werden. Für Kinder bedeutet es oft eine große seelische Belastung, nichts über die eigene Herkunft zu wissen. Die neue Regelung würde ihnen die Chance bieten, die eigene Identität zu erfahren. Gleichzeitig erhalten Mütter unter Wahrung der Anonymität die Möglichkeit, ihre Lebenssituation zu stabilisieren.

Gisela Klinkhammer
Chefin vom Dienst (Text)

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