POLITIK

Patientenverfügung und Organspendeerklärung: Orientierung für Konfliktsituationen

Dtsch Arztebl 2013; 110(12): A-534 / B-478 / C-478

Klinkhammer, Gisela

Ein von einem Expertenkreis erstelltes Arbeitspapier der Bundesärztekammer hat verschiedene Fallkonstellationen diskutiert und bewertet.

Seit der Gesetzesregelung über Patientenverfügungen im Jahr 2009 befassen sich immer mehr Menschen mit der Frage, ob und wie sie ihren Willen verfügen wollen für den Fall, dass sie sich in einer entsprechenden Situation nicht mehr selbst äußern können. So haben nach einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands vom vergangenen Jahr inzwischen immerhin 26 Prozent der Befragten eine Patientenverfügung verfasst, 43 Prozent haben schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht. Mit der zunehmenden Bedeutung vorsorglicher Willensbekundungen eines Patienten steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie im klinischen Alltag häufiger mit Organspendeerklärungen zusammentreffen. Das führt dann zu Fragen des Verhältnisses von Willensbekundung und Organspendeerklärung.

Anzeige

Während der Hirntoddiagnostik bis hin zur möglichen Realisierung einer eventuellen Organspende müssen beim potenziellen Spender intensivmedizinische Maßnahmen fortgeführt werden, um die Transplantationsfähigkeit der Organe zu erhalten. Wenn sich der Patient in einer Patientenverfügung gegen lebenserhaltende Maßnahmen ausgesprochen hat, scheint das diesen Maßnahmen zum Zwecke der Organspende zu widersprechen.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, sieht keinen Widerspruch darin, „wenn Menschen in einer Patientenverfügung lebensverlängernde Maßnahmen ausschließen und gleichzeitig ihre Organspendebereitschaft dokumentieren“. Beide Erklärungen seien von dem Patienten verfasst worden und entscheidend für die Feststellung des Patientenwillens. Ein Expertenkreis aus Medizinern, Juristen und Ethikern hat deshalb jetzt ein Arbeitspapier zum Verhältnis von Patientenverfügung und Organspendeerklärung erstellt (Bekanntgabe in diesem Heft). Es gibt Ärzten Orientierung, wie sie mit diesen Konfliktsituationen umgehen können. So werden Fallkonstellationen diskutiert und aus rechtlicher und ethischer Sicht bewertet.

Bei einem vermuteten schon eingetretenen Hirntod halten die Experten den in der Patientenverfügung ausgedrückten Wunsch nach Therapiebegrenzung mit der Bereitschaft zur Organspende und der dafür erforderlichen kurzzeitigen Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen zur Feststellung des Hirntodes für vereinbar. Eine isolierte Betrachtung der Patientenverfügung ohne Rücksicht auf die Organspendeerklärung würde dem Willen des Patienten nicht gerecht werden (dazu auch 3 Fragen an . . .).

Eine andere Situation sei gegeben, wenn die Ärzte vermuten, dass der Hirntod erst in wenigen Tagen eintreten werde. Eine Fortführung der intensivmedizinischen Maßnahmen würde den Sterbeprozess um den Zeitraum bis zum Eintritt des Hirntods verlängern. „Daher kann in diesen Fällen nicht schon aus der Organspendeerklärung des Patienten abgeleitet werden, dass er mit der Fortführung der intensivmedizinischen Maßnahmen einverstanden ist. Eine Entscheidung hierüber ist mit dem Patientenvertreter und den Angehörigen des Patienten zu suchen“, heißt es in dem Arbeitspapier. Montgomery empfiehlt, Formulierungen in den Mustern für Patientenverfügungen und Organspendeausweisen zu ergänzen. Dafür sind in dem Arbeitspapier entsprechende Textbausteine bereitgestellt worden.

Gisela Klinkhammer

3 Fragen an . . .

Priv.-Doz. Dr. phil. Alfred Simon, Geschäftsführer der Akademie

für Ethik in der Medizin

Sehen Sie darin einen Widerspruch, wenn Menschen in einer Patientenverfügung lebensverlängernde Maßnahmen ausschließen und gleichzeitig ihre Organspendebereitschaft dokumentieren?

Simon: Die Patientenverfügung kann dazu führen, dass intensivmedizinische Maßnahmen eingestellt werden und der Patient stirbt, bevor der Hirntod festgestellt werden konnte. Eine Organspende wäre dann bei einem solchen Patienten nicht möglich. Dies bedeutet nicht, dass sich der Wunsch nach Therapiebegrenzung und die Bereitschaft zur Organspende ausschließen. Bei einem Intensivpatienten, bei dem die Ärzte vermuten, dass der Hirntod bereits eingetreten ist, sehe ich keinen Widerspruch, da die Fortsetzung der intensivmedizinischen Maßnahmen der Realisierung der vom Patienten gewünschten Organspende dient.

Inwiefern sollten Muster für Patientenverfügungen und Organspendeausweise ergänzt werden?

Simon: Sie sollten um Textbausteine erweitert werden, mit deren Hilfe sich der Patient dazu äußern kann, ob er der zeitlich begrenzten Fortführung intensivmedizinischer Maßnahmen für den Fall zustimmt, dass bei ihm eine Organspende medizinisch infrage kommt, oder nicht.

Wie sollte vorgegangen werden, wenn weder eine Organspendeerklärung noch eine Patientenverfügung vorliegt?

Simon: In diesem Fall muss die Frage, ob der Patient einer Organspende und den dafür notwendigen Maßnahmen zugestimmt hätte, mit dem nächsten Angehörigen beziehungsweise dem Patientenvertreter geklärt werden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige