MEDIZINREPORT

Ernährung in der Schwangerschaft: Für das Leben des Kindes prägend

Dtsch Arztebl 2013; 110(13): A-612 / B-544 / C-544

Koletzko, Berthold

Die von den relevanten Fachgesellschaften erarbeiteten nationalen Handlungsempfehlungen sind Grundlage für die Beratung zu Fragen der Ernährung und Bewegung in der Schwangerschaft.

Der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen steigt in den letzten Monaten der Schwangerschaft stärker als der Energiebedarf. Foto: Fotolia contrastwerkstatt

Eine gesunde Lebensweise vor und in der Schwangerschaft ist wichtig für Mutter und Kind. Im Netzwerk „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“, gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Rahmen von IN FORM Deutschland – Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung, haben sich Institutionen und Organisationen aus den Bereichen Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit auf einen nationalen Konsens für einheitliche Botschaften und Empfehlungen verständigt.

Ausgewogene Ernährung und regelmäßige körperliche Bewegung wirken sich nicht nur kurzfristig auf Mutter und Kind aus, sondern prägen auch langfristig Gesundheit und Wohlbefinden. Auch das kindliche Allergierisiko kann bereits in der Schwangerschaft günstig beeinflusst werden. Im Alltag treffen werdende Mütter und Väter jedoch immer wieder auf widersprüchliche Empfehlungen. Deshalb hat das Netzwerk Junge Familie „Gesund ins Leben“ Handlungsempfehlungen zur Ernährung in der Schwangerschaft und angrenzenden Bereichen im Expertenkonsens formuliert. Werdende Eltern sind für Veränderungen ihres Gesundheitsstils offen. Die Kernaussagen betreffen unter anderem die im Folgenden genannten Bereiche.

  • Energie- und Nährstoffbedarf: Der Energiebedarf ist in den letzten Monaten der Schwangerschaft nur etwa zehn Prozent höher als vor der Schwangerschaft. Im Verhältnis dazu steigt der Bedarf an einzelnen Vitaminen und Mineralstoffen/Spurenelementen aber erheblich stärker. Bei Folat, Jod und Eisen wird schon vor, beziehungsweise ab Beginn der Schwangerschaft eine deutlich erhöhte Zufuhrmenge empfohlen. Schwangere Frauen sollten besonders auf die Qualität ihrer Ernährung achten und bei der Lebensmittelauswahl für zwei denken, aber nicht das Doppelte essen. Denn ein Zuviel an Nahrungsenergie kann sich nachteilig auswirken, es erhöht das Risiko für ein hohes kindliches Geburtsgewicht und für Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 im späteren Leben.
  • Gewichtsentwicklung: Das Körpergewicht der Frau vor der Schwangerschaft ist von großer Bedeutung für ihre Empfängnisbereitschaft, den Schwangerschafts- und Geburtsverlauf sowie für die Gesundheit des Kindes. Es wirkt sich stärker aus als die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft. Deshalb sollten Frauen schon vor der Schwangerschaft Normalgewicht anstreben. Die normale Gewichtsentwicklung in der Schwangerschaft liegt zwischen etwa zehn und 16 kg.
  • Ernährungsweise: Schwangere Frauen brauchen keine spezielle Ernährung. Mit einer Ernährung, wie sie der Allgemeinbevölkerung empfohlen wird, können sie ihren Mehrbedarf für zahlreiche Nährstoffe decken. Ausnahmen sind die kritischen Nährstoffe Folat und Jod. Schwangere sollten auf einen regelmäßigen Verzehr von Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, fettarmer Milch und fettarmen Milchprodukten, fettarmem Fleisch und (fettreichem) Meeresfisch achten. Ausgewogen sollte die Ernährung sein: Mit ihr kommen reichlich kalorienfreie/-arme Getränke und pflanzliche Lebensmittel auf den Tisch.

Tierische Lebensmittel werden mäßig verzehrt und sollten, Meeresfisch ausgenommen, fettarm sein. Fette mit hohem Anteil gesättigter Fettsäuren sowie Süßigkeiten und Snackprodukte gibt es sparsam. Bei einer gezielten Lebensmittelauswahl kann auch eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung eine gute Nährstoffversorgung ermöglichen. Eine rein pflanzliche (vegane) Ernährung birgt dagegen ernsthafte gesundheitliche Risiken – vor allem für die Entwicklung des kindlichen Nervensystems.

  • Supplemente: Zur Deckung des Bedarfs an Folat und Jod werden zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung Supplemente empfohlen. 400 μg Folsäure täglich bei Kinderwunsch und mindestens bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels sowie 100–150 μg Jod täglich während der gesamten Schwangerschaft sollen es sein. Eine generelle Eisensupplementierung wird nicht empfohlen, da sie bei gefüllten Eisenspeichern nachteilige Wirkungen haben kann. Die Eisensupplementierung sollte individuell medizinisch, auf Grundlage einer Anamnese und Blutuntersuchung, abgeklärt werden.

Schwangere, die nicht regelmäßig Meeresfisch essen, sollten ein Supplement mit der Omega-3-Fettsäure DHA einnehmen (mindestens 200 mg/Tag). Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung wird bei einem hellen Hauttyp in unseren Breiten in den Sommermonaten in der Regel erreicht, wenn Gesicht und Arme etwa fünf bis zehn Minuten täglich in der Mittagszeit ohne Lichtschutz der Sonne ausgesetzt werden. Bei fehlender Vitamin-D-Eigensynthese wird die Einnahme eines Supplementes mit täglich 20 μg (800 IU) Vitamin D angeraten. Ob weitere Nährstoffe ergänzt werden sollten, hängt von der Ernährungs- und Lebensweise der Schwangeren ab und ist im Einzelfall zu prüfen.

  • Empfehlungen für Vegetarierinnen: Eine vegetarische Ernährung mit Verzehr von Milch (-produkten) und Eiern (ovo-lakto-vegetarisch) kann bei gezielter Lebensmittelauswahl auch in der Schwangerschaft den Bedarf an den meisten Nährstoffen decken.

Um eine ausreichende Eisenversorgung sicherzustellen, sollen nach entsprechender Blutuntersuchung und medizinischer Beratung gegebenenfalls Eisensupplemente eingesetzt werden.

Bei Verzicht auf den Verzehr von Meeresfisch sollten Supplemente mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren verwendet werden.

  • Schutz vor Lebensmittelinfektionen: Lebensmittelbedingte Infektionen wie Listeriose und Toxoplasmose können das ungeborene Kind gefährden. Deshalb sollen Schwangere auf rohes oder nicht durchgegartes Fleisch, Rohwurst und Rohschinken und andere rohe tierische Lebensmittel verzichten, ebenso auf Lebensmittel, die daraus hergestellt und nicht ausreichend erhitzt sind. Auch Weichkäse, Räucherfisch und vorbereitete, abgepackte Salate sind zu meiden. Frisches Obst, Gemüse und Salat sollen gründlich gewaschen, frisch zubereitet und bald verzehrt werden, eine Beachtung grundlegender Regeln der Küchenhygiene soll selbstverständlich sein.
  • Allergieprävention: Das Meiden bestimmter Lebensmittel in der Schwangerschaft hat keinen Nutzen für eine Allergieprävention beim Kind.

Regelmäßiger Verzehr von fettreichem Meeresfisch wird auch unter dem Gesichtspunkt der Allergieprävention empfohlen.

Eine Zufuhr von Prä- und Probiotika in der Schwangerschaft bietet keine hinreichend bewiesenen Vorteile für die Allergieprävention beim Kind.

  • Bewegung : Sofern keine medizinischen Komplikationen vorliegen, ist in der Schwangerschaft tägliche Bewegung – als körperliche Aktivität im Alltag oder als Sport mit moderater Intensität – wünschenswert. Sie unterstützt das Wohlbefinden der Schwangeren und trägt zu einer gesunden Gewichtsentwicklung bei. Besonders übergewichtige Schwangere sollten gezielt auf regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung hingewiesen werden.
  • Genussmittel: Schwangere sollen Alkohol meiden. Eine für den Fetus sichere, risikolose Alkoholmenge oder ein Zeitfenster in der Schwangerschaft, in dem Alkoholkonsum keine Risiken birgt, kann nicht definiert werden. Deshalb ist es am sichersten, in der Schwangerschaft keinen Alkohol zu trinken.

Schwangere sollen nicht rauchen oder sich nicht in Räumen aufhalten, in denen geraucht wird oder wurde. Da Frauen aus niedrigen sozioökonomischen Gruppen, alleinstehende Frauen und Frauen unter 20 Jahren häufiger in der Schwangerschaft rauchen, sollten Gynäkologen, Hebammen und weitere Multiplikatoren gezielt das Rauchverhalten ansprechen und zu Entwöhnungsmaßnahmen motivieren.

  • Koffeinhaltige Getränke: Schwangere sollten koffeinhaltige Getränke nur in moderaten Mengen trinken. Bis zu drei Tassen Kaffee pro Tag werden als unbedenklich angesehen. Von koffeinhaltigen Energydrinks wird abgeraten.
  • Vorbereitung auf das Stillen: Stillen ist das Beste für Mutter und Kind. Werdende Eltern sollten sich bereits in der Schwangerschaft über das Stillen informieren und beraten lassen. Fachleute, die zum Stillen beraten, sind gefragt, aktiv auf Schwangere zuzugehen und sie zum Stillen zu ermutigen.

Die Autoren haben sich bei der Entwicklung der Empfehlungen vor allem auf vorhandene Leitlinien, Metaanalysen und systematische Übersichten gestützt. Im Rahmen des Netzwerks wurde keine eigene systematische Literatursuche durchgeführt. Die im Konsens formulierten Kernaussagen entsprechen damit dem Evidenzniveau einer Expertenempfehlung. Sie sollten in regelmäßigen Abständen, spätestens nach fünf Jahren, aktualisiert werden, um ihre Gültigkeit zu behalten.

Prof. Dr. med. Berthold Koletzko

Sprecher des wissenschaftlichen Beirats des Netzwerks „Gesund ins Leben“ im Nationalen Aktionsplan IN FORM der Bundesregierung,

Dr. von Haunersches Kinderspital, Klinikum der Universität München

@Die Handlungsempfehlungen im
Internet: www.aerzteblatt.de/13612

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Moerpse
am Samstag, 25. Mai 2013, 10:21

Vorsicht mit zu strengen Empfehlungen

Als Frauenärztin und Schwangere sehe ich eine Problematik bei diesen Empfehlungen: haben Sie sich schon einmal danach ernährt? Es bleiben nicht nur eine beschränkte Auswahl an Lebensmitteln übrig, sondern leider auch eine Menge Fragen, welche Lebensmittel wirklich sicher sind. Das führt zur Frustration, da man sich stark einschränken muss, und es führt zu panischen Schwangeren in der Sprechstunde, die mal ein Stück Serrano-Schinken gegessen haben.
Die Zubereitung von rohem Schinken und Salami gilt als gemeinhin sicher (BfR); warum werden sie in diesen Empfehlungen ausgeschlossen? Muss man im direkten Vergleich der Risiken dann nicht auch davon abraten, in der Schwangerschaft Auto zu fahren?
Ich wünschte mir als Frau und als Grundlage zur Beratung meiner Patientinnen eine Empfehlung, die die Risiken realistisch einordnet, z.B. eine Liste von üblichen Lebensmitteln sortiert nach Ampelschema;
trotzdem: auch ein großes Lob an die Autoren! Das ist von allen Empfehlungen, die ich bisher in die Hand bekommen habe, die Vernünftigste und Strukturierteste!
Angelika Linckh
am Samstag, 6. April 2013, 15:07

Interessenkonflikt bei der Empfehlung langkettiger Omega-3-Fettsäuren?

Sie empfehlen, den Verzehr von fettem Meeresfisch oder von Supplementen mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren.
Ich bin beidem gegenüber skeptisch. Fische sind sowohl mit Umweltgiften und möglicherweise seit Fukushima mit Radioaktivität belastet. siehe auch:
http://www.greenpeace-freiburg.de/index.php/wissenswertes/129-warum-fisch-nicht-so-gesund-ist. Die Supplemente sind möglicherweise aus den Gehirnen von belasteten Fischen hergestellt. Eine Überprüfung oder Rückverfolgung ist durch die Konsumentinnen nicht möglich. Ist diese Empfehlung denn evidenzbasiert oder gibt es evtl. Interessenkonflikte der Autoren? Vielleicht ist es für Schwangeren am besten, DHA Supplemente trotz der massiven Werbung zu vermeiden und sich ausgewogen mit Leinöl, Rapsöl, Sojaöl, Leinsamen, Nüssen und grünblättrigem Gemüse zu ernähren.
molijupp
am Mittwoch, 3. April 2013, 18:34

Schutz vor Lebensmittelinfektionen - hier: Verzicht auf Weichkäse

Sie empfehlen, auf Weichkäse zu verzichten.
Betrifft dies auch Weichkäse, die aus pasteurisierter Milch hergestellt sind oder nur Rohmilchkäse? Bezieht sich Ihre Empfehlung auf die Vermeidung einer Listerien-Infektion?

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