THEMEN DER ZEIT

Interessenkonflikte: Forschungsbedarf und Handlungsdruck

Dtsch Arztebl 2013; 110(13): A-608 / B-540 / C-540

Baethge, Christopher

„Interessenkonflikte in den modernen Lebenswissenschaften“ – Thema einer Tagung in Hannover

Es sind 15 Jahre vergangen, seit Henry Thomas Stelfox mit einer klassischen Arbeit eine wissenschaftliche und politische Debatte befeuerte, die bis heute nicht verstummt ist. Am Beispiel von Artikeln über Calciumantagonisten hatte er den positiven Zusammenhang einer Kooperation von Autoren mit den Herstellern und den Aussagen ihrer Texte gezeigt.

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In der Zwischenzeit haben viele Studien seine Befunde bestätigt. Und so besteht kein Zweifel mehr daran, dass materielle Zuwendungen von Dritten, wie etwa vonseiten der Pharma- oder Medizingeräteindustrie, einen Einfluss auf die Meinungsbildung von Wissenschaftlern ausüben können. Unter Fachleuten hat sich die Überzeugung etabliert, dass der Terminus Interessenkonflikt (Definition: siehe Kasten) wertfrei ist und es eher um den Umgang mit konfligierenden Motiven geht als darum, sie aus der Welt zu verbannen. Weit weniger klar ist, welche konkreten Konsequenzen aus dieser häufigen, aber eben nicht zwangsläufigen Verquickung von Interessen zu ziehen sind.

Und so widmete sich der internationale Expertenworkshop „Interessenkonflikte in den modernen Lebenswissenschaften“ in Hannover einer Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen und politischen Diskussion über Interessenkonflikte und die Frage, wie es weitergehen soll: Wo bestehen Forschungsbedarf und Handlungsdruck?

Organisiert hatte das Treffen eine Gruppe um den Mainzer Psychiatrieprofessor Klaus Lieb und den Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, tatkräftig unterstützt von der Volkswagenstiftung, die in ihr neues Tagungszentrum ins Schloss Herrenhausen geladen hatte.

Die Leinestadt erwies sich als passender Ort, hat doch die dortige Landesärztekammer ihre Berufsordnung verschärft: Niedersachsens Ärztinnen und Ärzten ist es danach nicht nur – wie allen ihren Kollegen in Deutschland – untersagt, Geschenke anzunehmen, sondern auch, sich von Firmen auf Kongressreisen einladen zu lassen, soweit sie keine Gegenleistung erbringen (wie etwa einen Vortrag halten). Damit gilt in Niedersachsen bereits, was viele Tagungsteilnehmer für ganz Deutschland forderten. Wie jedoch Professor Bernhard Lo (Universität von Kalifornien, San Francisco) betonte, ist gegen eine Zusammenarbeit mit der Industrie nichts einzuwenden, soweit sie unter strengen Auflagen erfolgt. Als Beispiel nannte er Kooperationen in der Grundlagenforschung, die für die Entwicklung neuer Medikamente unabdingbar und wünschenswert seien. Ohnehin war nahezu allen Teilnehmern anzumerken, dass es ihnen nicht um eine Verteufelung der Pharmaindustrie ging, sondern vielmehr um eine bessere und transparentere Regelung der Zusammenarbeit.

Forderung nach Offenlegung aller Forschungsdaten

Eine der wichtigsten Forderungen, wie sie etwa von Dr. Fiona Godlee, der Chefredakteurin des „British Medical Journal“, gestellt wurde, besteht in der Offenlegung aller Daten, die in den von der Industrie gemeinsam mit Ärzten durchgeführten randomisierten Studien erhoben werden. Während dies für neue Zulassungsverfahren durch eine Initiative der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA schon bald Wirklichkeit werden könnte, geht der Wunsch nach vollständiger Unabhängigkeit der Wissenschaftler bei der Analyse der Daten noch darüber hinaus. Prof. Dr. med. Joerg Hasford (Ludwig-Maximilians-Universität München), der Vorsitzende des Arbeitskreises Medizinischer Ethikkommissionen, schlug einen zentralen Topf vor, in den die Pharmafirmen einzahlen, aus dem klinische Studien unter der Ägide von Universitätsmedizinern finanziert werden sollten.

Prof. Eric Campbell, Soziologe an der Harvard-Universität, Cambridge, lenkte die Aufmerksamkeit auf die Versuche von Firmen, Kontakte zu Medizinern bereits im Studium herzustellen: Obwohl die meisten medizinischen Fakultäten in den USA derlei Kontakte verbieten, hatte Campbells Ergebnissen zufolge etwa die Hälfte aller Medizinstudierenden im vierten Studienjahr bereits Verbindungen zur Pharmaindustrie gehabt, beispielsweise durch Einladungen zum Essen oder durch den Erhalt von Medikamentenmustern. Campbell berichtete, dass von den 29 Milliarden Dollar, die bei leicht rückläufiger Tendenz Pharmafirmen in den USA im Jahr 2011 für Werbemaßnahmen ausgaben, knapp 16 Milliarden in direkte Kontakte mit Ärzten investiert worden seien – in Form von Essenseinladungen, Geschenken oder Kongressreisen. Offen sei, inwieweit sich dies verändern werde, sobald der sogenannte Sunshine Act in Kraft getreten sei, demzufolge alle Zuwendungen von Firmen an Ärzte veröffentlicht werden müssten.

Einseitige Schuldzuweisungen vermeiden

Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer, betonte angesichts dieser Diskussion zwar die Eigenverantwortung der Ärzte, wandte sich jedoch auch gegen einseitige Schuldzuweisungen an die Ärzteschaft und gegen ein Schlechtmachen aller Ärzte. In welchem Ausmaß die Beeinflussung von der Höhe der Zuwendungen abhängt, gehörte ebenso zu den offenen Forschungsfragen, die formuliert wurden, wie die nach der besseren Beschreibung immaterieller Interessenkonflikte, etwa die Schulenzugehörigkeit eines Wissenschaftlers oder sein Karriereinteresse.

Das gesellschaftliche Interesse am Thema Interessenkonflikte wurde sehr deutlich: Bei der öffentlichen Podiumsdiskussion war der Hörsaal voll, und auf dem Workshop selbst waren Presse und Fernsehen gut vertreten.

Prof. Dr. med. Christopher Baethge,
Leiter der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes

Was ist ein Interessenkonflikt?

Die allgemein gebräuchliche Definition eines Interessenkonflikts geht auf den amerikanischen Philosophen Dennis F. Thompson zurück. Ihm zufolge liegt ein Interessenkonflikt vor, wenn ein primäres Interesse durch ein sekundäres beeinträchtigt zu werden droht. Das primäre Interesse eines Forschers besteht der Aufgabe seines Berufs gemäß etwa darin, der wissenschaftlichen Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen. Sein sekundäres Interesse könnte aber sein, möglichst viel Geld zu verdienen.

Ein Konflikt zwischen diesen beiden Interessen entsteht, wenn er in einem Artikel wertend zu einem Produkt des Medizingeräteherstellers Stellung nehmen muss, von dem er für Vorträge oder Studiendurchführung entlohnt wird. Ob der Forscher selbst davon überzeugt ist, einem Interessenkonflikt ausgesetzt zu sein, oder ob er sich gänzlich frei von zweitrangigen Einflüssen fühlt, ist nicht entscheidend – nicht zuletzt, weil Interessenkonflikte oft unbewusst wirken. Von Belang ist einzig das gleichzeitige Bestehen sekundärer Interessen, wenn eigentlich nur der Profession immanente Ziele, wie die Lösung wissenschaftlicher Probleme oder die Therapie von Kranken, erreicht werden sollen.

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