MEDIEN

Demenz in Spielfilmen: Zwischen Autonomie und Fürsorge

Dtsch Arztebl 2013; 110(14): A-670 / B-591 / C-591

Klinkhammer, Gisela

Fotos: LVR-Zentrum für Medien und Bildung

Der Film „Eines Tages . . .“ berichtet in drei ineinander verwobenen Episoden von Menschen mit Demenz in unterschiedlichen Krankheits- stadien. Eine medizinethische Analyse

Zahlreiche Spielfilme und Dokumentationen setzen sich mit dem Thema Demenz auseinander. Sie zeigen oft in bewegenden Bildern, wie die Krankheit sich auf den Alltag von Betroffenen und Angehörigen auswirkt. Lisa Frebel von der Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen beschäftigte sich mit medizinethischen Fragestellungen in aktuellen Spielfilmen. Sie stellte die Ergebnisse ihrer Analyse vor kurzem im Agaplesion-Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main auf einer Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft „Medizinethik im Film“ der Akademie für Ethik in der Medizin vor. Exemplarisch befasste sie sich mit dem Film „Eines Tages . . .“ aus dem Jahr 2009, der in drei Episoden von Menschen mit Demenz in unterschiedlichen Krankheitsstadien erzählt (Kasten). Im Mittelpunkt der ersten Episode steht der Architekt Frieder (Heinrich Schafmeister). Die ersten Anzeichen der Krankheit brechen mitten ins Leben, wo sie niemand erwarten würde. Die zweite Episode handelt von einer fortgeschrittenen Demenz. Annette (Irene Fischer) und ihr Bruder Leon (Herbert Schäfer) müssen erkennen, dass ihre Mutter Hede (Verena Zimmermann) nicht mehr allein für sich sorgen kann. In der dritten Episode geht es um die Geschichte von Margot (Annekathrin Bürger), deren Mann Jakob (Horst Janson) schon länger von der Krankheit betroffen ist.

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Für ihre medizinethische Analyse legte Frebel das Vier-Prinzipien-Modell von Tom L. Beauchamp und James F. Childress zugrunde. Danach sollten der Respekt vor der Autonomie der Patienten, das Nichtschadensprinzip, Fürsorge und Gerechtigkeit Grundsätze ärztlichen Handelns sein. Frebel weist darauf hin, dass die Angehörigen die Betroffenen häufig weiterhin als autonome Persönlichkeit behandeln, indem sie ihre Aussagen ernst nehmen, sie korrigieren und argumentativ versuchen, mit ihnen zu diskutieren. Doch diese Art der Kommunikation löse zugleich auf beiden Seiten oft aggressive Reaktionen aus. So sagt Leon zu seiner Mutter, als sie nachts nach Fahrkarten sucht, um mit ihrem Mann zu verreisen: „Mama, hör’ mir mal bitte zu! Papa ist tot!“, woraufhin ihn Hede ohrfeigt und anschließend in Tränen ausbricht. Leon verlässt verärgert das Haus. Die Situation ist Frebel zufolge deshalb eskaliert, weil Leon seine Mutter wie eine autonome Person behandelt hat.

Um solche Eskalationen zu vermeiden, werden Pflegenden oft kommunikative Strategien der Validation empfohlen. Leon behauptet etwa in einer weiteren Szene, er habe die Fahrkarten vor kurzem noch in der Hand gehabt und habe sie dann irgendwo hingelegt. Er gehe also mit einer kleinen Notlüge auf seine Mutter ein, erläutert Frebel. In dieser Szene werde den Betroffenen ein Teil ihrer Autonomie aberkannt, was aber zu ihrer Beruhigung führe.

Frebels Resümee: Der Film beleuchtet einen ethischen Konflikt zwischen dem anhaltenden Respekt vor der Autonomie der Betroffenen und der Fürsorge für ihr Wohlergehen. Um das Prinzip des Nichtschadens und der Fürsorge einhalten zu können, müssen die Pflegenden kommunikative Strategien entwickeln, die das Prinzip der Autonomie verletzen können.

Gisela Klinkhammer

Informationen

Der Film „Eines Tages . . . ist Teil der DVD-Box „Demenz – Filmratgeber für Angehörige“ mit zwölf Themenfilmen und weiterem Material, die aktualisiert erhältlich ist (19,90 Euro zzgl. Porto). Bestellmöglichkeiten: Amazon und Kuratorium Deutsche Altershilfe (irena.piorecki@lvr.de). Geplante Vorführungen des Spielfilms: 12. April, 20 Uhr, Schwäbisch-Hall; 14. April, 18 Uhr, Schwäbisch-Hall; 8. Mai, 19 Uhr, Lahr; 18. September, 15 Uhr, Schwerin. Informationen: www.einestages.lvr.de

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