SEITE EINS

Arzneimittelpatente: Indien bleibt Apotheke der Armen

Dtsch Arztebl 2013; 110(15): A-687 / B-603 / C-603

Korzilius, Heike

Am 1. April hat der Oberste Gerichtshof in Indien entschieden, dass der Schweizer Pharmakonzern Novartis kein Patent für sein Krebsmedikament Imatinib Mesylat (Glivec) erhält. Sieben Jahre lang hatte das Unternehmen versucht, seinen Patentanspruch durchzusetzen und sich durch sämtliche Instanzen geklagt – vergeblich, wie sich jetzt zeigte.

Das Urteil ist eine herbe Niederlage für Novartis und weist zugleich weit über den Einzelfall hinaus. Denn bei dem Rechtsstreit ging es letztlich um die Frage, welche Neuentwicklung ein Patent und damit exklusive Vermarktungsrechte verdient. Das indische Patentrecht setzt strenge Maßstäbe an und schließt neue Formulierungen oder neue Anwendungen bekannter Wirkstoffe von der Patentierbarkeit aus, es sei denn, es wird eine deutlich bessere therapeutische Wirksamkeit nachgewiesen. Bei Glivec, so das indische Patentamt im Jahr 2006, sei das nicht der Fall. Die Folge: Das Präparat darf in Indien als Generikum produziert werden. Davon profitiert in erster Linie die ärmere Bevölkerung, weil die Therapiekosten von rund 3 100 Euro unter Glivec auf knapp 60 Euro im Monat gesunken sind.

Anzeige

Hilfsorganisationen begrüßen deshalb das Urteil des Obersten Gerichtshofs. „Hätte Novartis gewonnen, wäre die Produktion erschwinglicher Generika in Indien stark behindert und der Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten für Millionen Menschen weltweit erschwert worden“, erklärte Oliver Moldenhauer, Koordinator der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. Denn das Land gilt seit Jahren als „Apotheke der Armen“. Ärzte ohne Grenzen bezieht nach eigenen Angaben 80 Prozent der antiretroviralen Medikamente für seine Hilfsprogramme aus Indien. Die starke Stellung der indischen Generikaindustrie rührt unter anderem daher, dass das Land bis 2005 keine geistigen Eigentumsrechte auf Arzneimittel anerkannte. Das änderte sich erst mit dem Beitritt Indiens zur Welthandelsorganisation.

Dass das Land Patentrecht jedoch im Sinne der öffentlichen Gesundheit und nicht im Sinne der Unternehmen gestaltet und auslegt, muss diesen nicht gefallen. Nach Ansicht von Novartis gefährdet das indische Vorgehen die innovative Arzneimittelforschung. Hohe Forschungsinvestitionen ließen sich nicht mehr refinanzieren, wenn geistige Eigentumsrechte ausgehöhlt würden. Die Firma ist nicht allein betroffen. Für das Krebsmedikament Nexavar von Bayer hat Indien eine Zwangslizenz erteilt. Auch Roche, Pfizer und Merck fürchten um Patente. Für die Unternehmen geht es um viel Geld. Denn die Märkte in Schwellenländern wie Indien werden immer wichtiger, zumal auch dort neben den klassischen Armutskrankheiten Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Krebs zunehmen.

Heike Korzilius, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Tatsache ist aber auch, dass der Patentschutz, der dem Patentinhaber für 20 Jahre ein Marktmonopol schafft, die Preise in die Höhe treibt. Die Folge: Lebensnotwendige Arzneimittel bleiben für viele Kranke unerschwinglich. Und weil die Unternehmen hohe Forschungskosten nur über hohe Gewinne refinanzieren können, wird vielfach in Bereichen geforscht, die hohe Umsätze versprechen, und nicht dort, wo der Bedarf am größten ist. Offenbar setzt das Patentrecht die falschen Anreize. Hilfsorganisationen fordern deshalb, über alternative Modelle wie Forschungsprämien nachzudenken, die es den Pharmafirmen erlauben, neue Schwerpunkte zu setzen und dennoch Geld zu verdienen.

Heike Korzilius
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

indi1234
am Mittwoch, 21. Januar 2015, 20:17

Pharmalobby

........die Pharmalobby ist der grösste menschenverächter schlechthin.
Für diese Lobby zählt nicht Gesundheit und heilen von Krankheiten, sondern ausschließlich Geld und Macht.
Würde Diese Pharmalobby Krankheiten heilen wollen, wäre die Pflanze Cannabis nicht durch die Gesetzgebung kriminaliert.
Selbst der bayrische CSU-Politiker Seehofer hat in einem Interview zugegeben, dass diese Pharmalobby die Politik unter Druck setzt, damit diese Pflanze kriminalisiert bleibt.
Nicht ohne Grund, denn die Pharmalobby, die sehr wohl um die heilende Wirkung dieser Pflanze weiß, kann an ihr keine Patentrechte erwerben und somit auch keinen Reibach machen.
Der Pharmalobby liegt nicht daran Krankheiten zu heilen, sonder Krankheiten zu behandeln, und das bis der Tod uns scheidet.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige