POLITIK

Transplantationsmedizin: Der Neuanfang ist ein Balanceakt

Dtsch Arztebl 2013; 110(17): A-807 / B-703 / C-703

Siegmund-Schultze, Nicola

Wie häufig wurde die Warteliste manipuliert? Könnten Ärzte wegen solcher Verstöße künftig strafrechtlich belangt werden? Die Transplantationsmedizin ist im Umbruch. Es wird lange dauern, bis das System zur Ruhe kommt.

Noch sind die Untersuchungen der Transplantationszentren durch die Prüfungs- und Überwachungskommissionen bei der Bundesärztekammer (BÄK) nicht abgeschlossen. Aber der Trend für die 24 Lebertransplantationsprogramme, mit denen die systematischen Prüfungen im Sommer 2012 nach Bekanntwerden schwerer Regelverstöße begonnen haben, ist klar: „Der ganz überwiegende Teil der Zentren, an denen Lebern transplantiert werden, arbeitet korrekt“, erklärte Prof. Dr. jur. Hans Lilie, Universität Halle, dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) auf Anfrage.

Anzeige

Lilie ist Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation (StäKO) bei der BÄK. „Wir sehen bei den Prüfungen hervorragend arbeitende Teams mit sehr guten Funktionsraten der Transplantate und hohen Überlebensraten der Patienten“, sagte Lilie. „Die Zentren allerdings, die manipuliert haben, müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Mit einer Veröffentlichung der Ergebnisse der Kommissionen sei Anfang Sommer dieses Jahres zu rechnen.

Weites Spektrum an Verstößen

In den bisherigen Untersuchungen sind Verstöße festgestellt worden, die das Ziel hatten, Patienten auf der Warteliste nach vorn rücken zu lassen: Manipulationen von Laborwerten durch Umbeschriftung von Blutproben oder durch Zugabe von Urin und anderen Substanzen, es gab falsche Angaben zur Dialyse – alles, um die Dringlichkeit zur Lebertransplantation zu erhöhen. Es geht aber auch um nicht richtlinienkonforme Indikationen, darunter Anmeldungen von Alkoholkranken auf die Warteliste zur Lebertransplantation, obwohl sie noch keine sechs Monate abstinent waren.

Zugleich steht am Landgericht Göttingen die Entscheidung darüber an, ob ein in Untersuchungshaft sitzender Transplantationschirurg aus Göttingen angeklagt werden soll. „Es wird etwa Mitte Mai eine Abschlussentscheidung fallen“, sagte Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe zum DÄ. Er ist Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig, die die Ermittlungen federführend leitet.

Es wäre ein Pilotprozess, der auf die Transplantationsmedizin vermutlich nachhaltige Wirkung hätte. Käme es zur Anklage, stünde die Justiz erstmals vor der Aufgabe zu entscheiden, ob ein Arzt, der sich zugunsten von Patienten über die Warteliste hinwegsetzt, den Tod anderer Patienten billigend in Kauf nimmt. Im Raum stehen Vorwürfe der Körperverletzung und des versuchten Totschlags (siehe Interview in diesem Heft).

Die Organvermittlungszentrale Eurotransplant (ET) kann den Kreis der Patienten, die durch die Regelverstoß-Verdachtsfälle übergangen worden sind, identifizieren. „Ob Patienten konkret geschädigt wurden, ist möglicherweise schwer zu rekonstruieren“, teilte Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Direktor von ET, mit. Nicht auszuschließen sei, dass ein übergangener Patient im konkreten Fall nicht transplantabel gewesen wäre oder sich das Spenderorgan für ihn nicht geeignet hätte.

Mit zahlreichen Strukturveränderungen wird nun versucht, Fehlverhalten künftig besser vorzubeugen und Vertrauen in die Transplantationsmedizin wiederzugewinnen. Für die Transplantationszentren bedeutet dies mehr externe und interne Kontrollen, neue Vorgaben zu Entscheidungs- und Handlungsabläufen, eine detailliertere Dokumentation der Prozesse. Bei derzeit sinkenden Organspenderaten und hohem Zeit- und Kostendruck ist das für die Ärzte ein Balanceakt.

Mit Kontrollen und Sicherheitsvorkehrungen sei umgehend auf die bekanntgewordenen Unregelmäßigkeiten reagiert worden, sagte Lilie: im Sinne des gesetzlichen Auftrags, Chancengleichheit und Gerechtigkeit einzuhalten.

Gute Abstimmung erforderlich

Eine Herausforderung ist die Koordination von Aktivitäten. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin und die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie hätten eine Taskforce gebildet, um Transparenz und Erfolg der Transplantationsmedizin zu erhöhen und Richtlinien und Standards für die Vergabe und den Umgang mit Organen zu erarbeiten, heißt es in einer Pressemitteilung. Für die Erstellung der Richtlinien zur Organtransplantation aber ist seit langem die BÄK vom Gesetzgeber beauftragt. Über StäKO und die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) könnten schon bisher alle Sachkundigen und Patientenvertreter Einfluss auf die Anpassung und Verbesserung von Richtlinien nehmen, ist die Rückmeldung von StÄKO und DTG. Die Aktivitäten müssten abgestimmt werden. Für Aufgaben wie diese ist bei der BÄK im März die Geschäftsstelle Transplantationsmedizin eingerichtet worden. Sie ist zuständig für die StäKO. In gemeinsamer Trägerschaft mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem GKV-Spitzenverband betreut sie auch die Prüfungs- und Überwachungskommission und die Vertrauensstelle Transplantationsmedizin.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Vertrauensstelle Transplantationsmedizin, Bundesärztekammer, Herbert-Lewin-Platz 1, 10623 Berlin; Telefon: 030/400 456 664; vertrauensstelle_transplantationsmedizin@baek.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige