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Der Sterbende und seine Zeit: Elemente der Achtsamkeit

Dtsch Arztebl 2013; 110(18): A-907 / B-791 / C-787

Klinkhammer, Gisela

„In die Zeit des anderen gehen“ ist eine Sache der Haltung und inneren Einstellung.

Foto: iStockphoto

Wenn die Lebenszeit zu Ende geht, stellen sich viele Fragen: Was erlebt der Sterbende in der ihm verbleibenden Zeit? Wie geht es ihm mit seiner Zeit, und wie geht es ihm mit der Zeit der anderen? Was ist ein „zeit-gemäßer“ Umgang mit der Zeit? Diesen Fragen ging der Diplom-Theologe und Gesundheits- und Krankenpfleger Klaus Aurnhammer vom Marienhaus-Klinikum Saarlouis-Dillingen beim Diözesantag Hospiz Mitte April in Köln nach. Dem Sterbenden werde plötzlich klar, dass er die Zeit nicht halten kann. „Die spontane Reaktion der Seele: Sie bäumt sich auf, wehrt sich dagegen, bietet alles auf, was sie an Energie zu bieten hat – Angst, Wut, Verzweiflung. Und Paradoxes geschieht: Er, dessen Zeit abläuft, liegt da, zum Warten verurteilt, und schlägt die Zeit tot.“ Wichtig würden jetzt die Erinnerungen an Beziehungen und Entscheidungen. Sterbende Menschen litten aber auch an den Folgen ihrer Erkrankung. Die körperliche Schwächung, Einschränkungen durch wachsende Immobilität, Schmerz, Atemnot und Erbrechen ließen die Zeit zu gequälter Zeit werden. „Und gequälte Zeit vergeht nicht. Sie scheint auf der Stelle zu stehen.“ Der Wunsch, das Leben abzukürzen, selbst oder durch Hilfe anderer, habe darin seinen Ursprung. Zugleich sei dies der Ansatzpunkt allen palliativen Handelns. „Der Palliativmediziner, der hier eingreift, tut dies mit der Absicht, die Zeit des Sterbenden von der Monotonie der quälenden Symptome zu befreien“, meint Aurnhammer.

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Doch nicht nur der Sterbende erlebe Zeitdruck, sondern auch die Umwelt. Dieser Zeitdruck wird Aurnhammer zufolge aber sehr unterschiedlich wahrgenommen. So gelte für Ärzte und Pflegende, dass sie in kurzer Zeit viel erledigen müssten. Arbeitszeit sei vielfach gehetzte Zeit. Der so erlebte Druck werde dann weitergegeben – auch an die Sterbenden. „Sie müssen sich jetzt entscheiden, sollen wir die Therapie nun machen oder nicht?“, würden die Patienten dann beispielsweise gefragt. Aurnhammer vertritt die Auffassung, dass der Sterbende und seine Umwelt „asynchron, ungleichzeitig“ leben: „Der, der keine Zeit mehr hat, steht mitten in ihr und sucht sie zu füllen, die, die Zeit haben, stopfen sie so zu, dass keine mehr bleibt.“

Aurnhammer rät, in die Zeit des anderen zu gehen. Oft werde es dazu nötig sein, die eigene Zeit zu verlassen, also den Druck des Telefons, der Schicht draußen zu lassen. Oft werde gerade im Krankenhaus gesagt: „Das kann ich nicht, das kostet mich zu viel Zeit, die habe ich nicht.“ Der Theologe glaubt aber, dass „in die Zeit des anderen gehen“ vielmehr eine Sache der Haltung und der inneren Einstellung sei. „Und das Erstaunliche: Stimmt die Haltung, geht manches schneller von der Hand.“ Dieser Aspekt sei gerade in der schnelllebigen Krankenhaushektik eine echte Herausforderung für die Mitarbeiter. Die Kunst bestehe eben darin, weder zu bremsen noch zu puschen, sondern das Tempo des anderen mitzugehen.

Häufig würden Sterbende ihre Begleiter mit in die Vergangenheit nehmen, denn die Lebensrückschau gelingt Aurnhammer zufolge besser, wenn ein Gegenüber da sei, dem man das Vergangene erzählen könne. Der Begleiter könne nachfragen und bekräftigen: „Wie war das genau bei Ihnen?“ „Das klingt, als seien Sie sehr stolz auf das, was Sie da geleistet haben.“ „Sie waren mit Leib und Seele Mutter, nicht wahr?“ In solchen Gesprächen gehe es darum, sich selbst noch einmal zu entdecken, Sinnzusammenhänge zu finden, aber auch Versäumtes und Misslungenes anzuschauen. „So wird die Begleitung einer Lebensbilanz zu einer vorzüglichen Möglichkeit, einen bald sterbenden Menschen in seiner Zeit zu begleiten“, betonte Aurnhammer.

Für unerlässlich hält er nicht zuletzt Elemente der Achtsamkeit, die gerade für Sterbende besonders wichtig seien. „Die Zukunft ist begrenzt, die Vergangenheit gefüllt mit Erinnerungen, da wird die bedrohte Gegenwart Mittelpunkt des Beobachtens.“ Achtsamkeit heiße aber nicht, dass man alles so akzeptieren solle, wie es sei. Denn wenn ein Mensch über Schmerzen oder Atemnot klage, dann müsse das Ziel eine Veränderung seines Zustandes sein. Aurnhammer glaubt, dass Veränderung und Akzeptanz in einer Art dialektischer Verknüpfung miteinander verbunden seien: „Wem es schon einmal gelungen ist, einem anderen Menschen achtsam und akzeptierend zu begleiten, der wird sicher erlebt haben, dass sich die Situation manchmal langsam, manchmal schlagartig verändert.“ „Es wird in diesen Tagen viel über die Strukturen der Hospizarbeit nachgedacht, die spezialisierte ambulante Palliativversorgung, das Ringen um die Zuordnung von Haupt- und Ehrenamt, Kooperationen werden gesucht, Verträge geschlossen. Das ist alles gut und wichtig.“ Es gehe aber auch „um unsere innere Haltung, und Achtsamkeit ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Haltung,“ meinte Aurnhammer abschließend.

Gisela Klinkhammer

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