POLITIK

Demografischer Wandel: Grenzen in den Köpfen überwinden

Dtsch Arztebl 2013; 110(19): A-926 / B-805 / C-800

Klinkhammer, Gisela

Welche Verantwortung haben der Einzelne und die Gesellschaft für die Gestaltung des demografischen Wandels? Antworten auf diese Frage suchte der Deutsche Ethikrat gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel und zahlreichen Experten.

Weniger, älter, vielfältiger – auf diese kurze Formel bringt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den demografischen Wandel. Dieser vollzieht sich allerdings ihrer Ansicht nach in langen Zeiträumen. Dass „wir in Deutschland immer weniger werden“, ließe sich zunächst nur für einige Regionen, beispielsweise in den neuen Bundesländern festmachen, meinte die Kanzlerin beim „Forum Bioethik“ des Deutschen Ethikrates Ende April im Französischen Dom in Berlin.

Anzeige

Schutz der Familien

Außerdem steige die Lebenserwartung kontinuierlich an, die Geburtenrate gehe zurück. Und nicht zuletzt werde die Gesellschaft eben deshalb immer vielfältiger, weil die Anzahl der Einwohner mit Migrationshintergrund stetig zunehme. Merkel betonte die besondere Bedeutung des ehrenamtlichen und freiwilligen Engagements. Die Kanzlerin fordert, die Familie als „kleinste Gemeinschaft in der Gesellschaft“ besonders zu schützen und zu stärken. Eltern müssten Verantwortung für ihre Kinder, Kinder müssten wiederum Verantwortung für die Eltern übernehmen. Gleichzeitig sollte aber jeder die Möglichkeit haben, sein eigenes Lebensmodell zu leben. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei für Deutschland essenziell, um die demografiebedingten Probleme zu lösen, betonte die Kanzlerin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutierte angeregt mit Mitgliedern des Deutschen Ethikrates: Christiane Woopen, Wolfgang Huber und Elisabeth Steinhagen- Thiessen (v. l.) Foto: Deutscher Ethikrat/Reiner Zensen

Dem schloss sich die Berliner Geriaterin Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen an. „Wir erleben pflegende Angehörige, aber wir erleben auch, wie diese zu zweiten Patienten werden.“ Häufig sagten Töchter oder Schwiegertöchter in Gesprächen zu ihr: „Dann gebe ich meinen Beruf auf.“ Doch gerade das sei keine Lösung, meint Steinhagen-Thiessen. Vielmehr brauche Deutschland nach skandinavischem Vorbild mehr Tagespflegeangebote. Auch Merkel rät dazu aufzupassen, „dass wir die Jüngeren, die Angehörige pflegen, nicht überfordern“. Sie wies auf die Möglichkeit der Familienpflegezeit hin, von der bisher allerdings noch zu wenig Gebrauch gemacht würde.

Verantwortung der Kirchen

Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, stellte als wesentlich für den Zusammenhalt im demografischen Wandel den Umgang der Gesellschaft mit dem „Phänomen der Migration“ heraus. Der Beitrag der Migration zur Milderung demografischer Ungleichgewichte wird seiner Ansicht nach immer noch nur verhalten zur Sprache gebracht. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft gerade auch eine religiöse und interreligiöse Seite habe. Huber wies darauf hin, dass die Kirchen zunehmend eine Verantwortung für die Gesellschaft im Ganzen und nicht nur für „ihre eigene Klientel“ übernähmen.

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, betonte, dass zunächst die Grenzen in den Köpfen der Menschen überwunden werden müssten. „Interesse und Wertschätzung als Grundhaltung gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen sowie Gerechtigkeit bei der Verteilung von Rechten und Pflichten zwischen Jung und Alt werden die unverzichtbare Grundlage dafür sein, als Gesellschaft im demografischen Wandel zusammenzuhalten“, sagte Woopen.

Gisela Klinkhammer

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige