POLITIK

Biosicherheit: Forschungsverbote nur im Ausnahmefall

Dtsch Arztebl 2013; 110(20): A-972 / B-850 / C-846

Richter-Kuhlmann, Eva

Eine virulente Mutation des Influenzavirus A/H1N1 verursachte 1918 die Spanische Grippe, der weltweit schätzungsweise 25 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Foto: picture allianc

Freiheit der Wissenschaft versus Schutz vor Bioterrorismus: Was wiegt mehr? Der Ethikrat arbeitet an einer schwierigen Güterabwägung.

Als es Forschern 2011 gelang, Vogelgrippeviren durch Mutationen so zu verändern, dass mit diesen A/H5N1-Viren infizierte Frettchen die Viren auf Artgenossen übertrugen, begann eine Debatte über bioterroristische Risiken von wissenschaftlichen Experimenten. Dass Frettchen in der Infektionsforschung als Modell für den Menschen gelten und das Wissen um die Ausmaße von Influenza-Pandemien (zum Beispiel der Spanischen Grippe von 1918) nährten die Angst, dass Details der Studien in falsche Hände gelangen und
als Biowaffen missbraucht werden könnten.

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Im Januar 2012 gaben dann 39 Influenza-Forscher bekannt, ihre Arbeit freiwillig zu unterbrechen und auf weitere Experimente zur Übertragbarkeit von A/H5N1 zu verzichten. Die Gesundheitsbehörden sollten so Zeit zum Beschließen schärferer Sicherheitsmaßnahmen bekommen und eine Risikoabschätzung bezüglich Dual Use (der Möglichkeit, Experimente für medizinische sowie für terroristische Zwecke zu verwenden) vorzulegen. Schließlich wurden beide Studien im Sommer letzten Jahres publiziert. Das Moratorium endete im Januar 2013.

Die Diskussion um die Biosicherheit hält jedoch weltweit an. Auch der Deutsche Ethikrat erhielt von der Bundesregierung den Auftrag, eine Stellungnahme zu dieser Thematik zu erarbeiten. Um die Möglichkeiten auszuloten, den Missbrauch biologischer Forschung durch Dritte zu verhindern, ohne dabei die Forschungsfreiheit übermäßig zu beeinträchtigen, befragte er in einer Anhörung am 25. April mehrere Sachverständige.

Der Marburger Virologe Prof. Dr. med. Hans-Dieter Klenk sprach sich für eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abschätzung, jedoch gegen Forschungs- und Publikationsverbote aus. Auch Experimente, mit denen Veränderungen der Gefährlichkeit von Viren untersucht werden, hält er für unverzichtbar. Der wissenschaftliche Inhalt der Experimente müsse jedoch zweifelsfrei erwiesen sein, und die Versuche müssten den höchsten Sicherheitsstufen unterliegen, schränkte Klenk ein. Die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Prof. Dr. Elisabeth Knust vom Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik, Dresden, betonte, dass vor einer Forschungsförderung die Missbrauchsgefahren bereits geprüft würden.

Auch für den Philosophen Prof. Dr. Torsten Wilholt, Universität Hannover, sind Forschungsfreiheit und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft keine Gegensätze. Um neues Wissen zu gewinnen, seien Experimente, Ideenvielfalt und die Möglichkeit, sich frei mitzuteilen notwendig, betonte er. „Einschränkungen der Forschung müssen Ausnahmen unter klar definierten Voraussetzungen bleiben“, forderte Wilholt. Falls Forschung aus Sorge um das Gemeinwohl dennoch verboten werden müsste, sollte ein solches Verbot nicht direkt von einer Regierung verhängt werden. „Dies schadet ihrer Glaubwürdigkeit“, sagte er und empfahl, solche Entscheidungen einem Gremium mit technisch-wissenschaftlichen Sachverstand zu überlassen. Diese Biosicherheits-Kommissionen dürften sich jedoch nicht ausschließlich auf Sicherheitsfragen beschränken, warnte Prof. Dr. Wolfgang van den Daele vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung. Er plädierte dafür, vielfältige Fragen im gesamten gesellschaftlichen Informations- und Diskursprozess zu berücksichtigen.

Für langfristige Strategien und einen Diskurs, der nicht nur die Gefährdungen, sondern auch die Kontexte, in denen sie entstehen, in den Blick nimmt, appellierte die Kulturwissenschaftlerin und Medizinerin Dr. Dr. med. Petra Dickmann. „Risikokommunikation kann Probleme nicht lösen, aber besser mit ihnen umgehen“, betonte sie. Ein optimales Ressourcen- und Kommunikationsmanagement gehöre zu den wichtigsten Elementen des Bevölkerungsschutzes.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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