THEMEN DER ZEIT

Gesundheitswesen in den USA: Debatte um das Recht auf würdevolles Sterben

Dtsch Arztebl 2013; 110(21): A-1033 / B-900 / C-896

Schmitt-Sausen, Nora

Nur in zwei US-Bundesstaaten ist ärztliche Sterbehilfe legal. Prozesse und Volksentscheide entfachen die Diskussion landesweit neu.

Foto: laif

Heute ist Donnerstag“, sagt eine Frauenstimme, dazu fängt die Kamera Bilder einer alten Dame mit Rollator und Beatmungsgerät ein. „Und am Sonntag werde ich diese Erde verlassen.“ Es ist eine der Einstiegsszenen einer Dokumentation des US-Senders Public Broadcasting Service, der Amerikas Bürger „in die geheime Welt des begleiteten Selbstmordes“ führt. Der Film lässt Angehörige von schwer erkrankten Menschen zu Wort kommen, die mit und ohne ihre Hilfe aus dem Leben geschieden sind. Die Macher des Filmes urteilen: „Im ganzen Land warten Menschen, die Hilfe beim Sterben suchen, nicht darauf, dass sich die Gesetze ändern.“

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Lediglich in den Bundesstaaten Oregon (seit 1997) und Washington (seit 2009) an der Westküste ist Sterbehilfe legal. Das „Death with Dignity“-Gesetz zum freiwilligen Ableben gilt nur unter exakt definierten Bedingungen. Schwer kranke Erwachsene mit einer diagnostizierten Lebenserwartung von maximal sechs Monaten dürfen ihr Leben auf eigenen Wunsch mit einer tödlichen Medikamentendosis beenden. Der Arzneicocktail muss ihnen von einem Arzt verschrieben worden sein. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Oregon haben seit Inkrafttreten des Gesetzes 1 050 Menschen Rezepte für die todbringenden Medikamente verschrieben bekommen, 673 davon haben die Arzneimittel tatsächlich eingenommen. 255 Verschreibungen sind in Washington State dokumentiert.

Noch ist die Möglichkeit zum begleiteten Ausstieg aus dem Leben eine Ausnahme. Doch: In den vergangenen Monaten ist das Interesse neu erwacht. Und das wohl auch deshalb, weil in den Vereinigten Staaten die Zahl der alten Menschen rasant zunimmt und gleichzeitig das Gesundheitssystem und die Versorgung am Lebensende zunehmend im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Fast ein Dutzend Bundesstaaten hat in jüngerer Vergangenheit über Sterbehilfe diskutiert oder wird bald darüber entscheiden. Darunter sind New Jersey, Kalifornien, Hawaii, New Hampshire, Maine, Kansas, Connecticut und Vermont.

Der als „Dr. Tod“ bekannte Arzt und Sterbehilfe-Verfechter Jack Kevorkian wurde 1999 des Totschlags für schuldig befunden. Foto: dpa

Bevölkerung, Justiz und Politik sind gespalten. Die Bewohner von Massachusetts, als besonders liberal verschrien, entschieden sich Ende vergangenen Jahres gegen einen entsprechenden Vorstoß. Sie wählten am 6. November nicht nur ihren Präsidenten, sondern urteilten an der Urne auch über den „Death with Dignity Act“, den verschiedene Organisationen durch viel Einsatz auf die Stimmzettel gebracht haben. Die Entscheidung war knapp: 51 Prozent der Bürger waren dagegen, Sterbehilfe zu legalisieren.

In Montana, im mittleren Westen, stemmte sich die Politik Mitte April in einer nicht minder knappen Entscheidung gegen einen Vorstoß, die ärztlich begleitete Sterbehilfe unter Strafe zu stellen. Ärzten hätte bis zu zehn Jahren Gefängnis und 50 000 US-Dollar Strafe gedroht. Montana ist ein Sonderfall. Der staatliche Supreme Court entschied im Jahr 2009, dass „assisted suicide“ nicht gegen bestehendes Recht verstößt. Ein neues Gesetz, das die Sterbehilfe offiziell legalisiert, ist jedoch bisher nie verabschiedet worden. Ärzte bewegen sich deshalb in einer juristischen Grauzone, wenn sie Patienten dabei helfen, aus dem Leben zu gehen. Zumindest die Position der Bevölkerung scheint in Montana eindeutig: 73 Prozent der Bewohner sind laut einer Studie der Global Strategy Group der Ansicht, dass Ärzte straffrei bleiben sollten, wenn sie einen Freitod begleiten.

Im Zuge des zunehmenden Interesses an dem „Death with Dignity“- Gesetz führte die Seattle Cancer Care Alliance, eine Krebsklinik im Bundesstaat Washington, eine Studie zu ihrem Umgang mit dem Sterbehilfe-Programm durch. Sie wurde Mitte April im „The New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. Das Resultat: Obwohl die Möglichkeit zum Suizid selten in Anspruch genommen werde, sei die Akzeptanz bei denen, die das Programm nutzen, groß. „Patienten und Familien waren dankbar, das Rezept erhalten zu haben, unabhängig davon, ob sie es nun gebraucht haben oder nicht.“ Das Programm sei von Patienten und Krankenhausärzten breit akzeptiert.

Mit Plakaten wurde für das „Death with Dignity“-Gesetz in Oregon geworben. Foto: picture alliance

Die organisierte Ärzteschaft positioniert sich eindeutig gegen die Sterbehilfe: „Von Ärzten begleiteter Selbstmord ist grundlegend unvereinbar mit der ärztlichen Rolle eines Heilers“, heißt es im Ethikkode der American Medical Association. Eine solche Initiative sei schwierig oder gar nicht zu kontrollieren und führe zu gravierenden sozialen Risiken. Neben der organisierten Ärzteschaft zählen Kirchenvertreter zu den schärfsten Gegnern des ärztlich begleiteten Sterbens. Andere setzen sich dagegen dafür ein, dass Patienten die Entscheidungsfreiheit über ihren Tod gelassen wird. Compassion & Choices, die größte Sterbehilfe-Organisation, zählt mehr als 40 000 Unterstützer und ist in den öffentlichen Auseinandersetzungen sehr präsent. Die Organisation berät Schwerstkranke über die Möglichkeiten, dem Leben eigenständig ein Ende zu setzen. Es weist gar den Weg, wie entsprechende Medikamente zu beziehen sind.

Für Schlagzeilen sorgt die Organisation Final Exit Network. Die Gruppe und ihre 3 000 Mitglieder bieten nicht lediglich Beratung zum Freitod an. Ihre „exit guides“ sind regelmäßig anwesend, wenn sich ein Patient entscheidet, aus dem Leben zu gehen. Was für viele makaber anmutet: Statt durch einen Medikamentencocktail wird der Tod im Fall von Final Exit Network durch einen mit Helium gefüllten Plastikbeutel herbeigeführt, den sich die Kranken über den Kopf ziehen. Diese sei eine schmerzfreie und angenehme Art zu sterben, sagen die Befürworter der Initiative. Noch dazu sei der Zugang zu Helium deutlich einfacher als zu Medikamenten.

In drei Bundesstaaten, Arizona, Georgia und Minnesota, standen Helfer der Organisation bereits vor Gericht, zuletzt im März dieses Jahres. In allen drei Fällen wurden gegen die Helfer von Final Exit Network keine Gefängnisstrafen verhängt, wobei ein Prozess noch nicht beendet ist. Einer der führenden Köpfe des Netzwerkes, und Mitangeklagter, ist der ehemalige Anästhesist Lawrence Egbert (85). Nach eigenen Angaben hat er in den vergangenen 15 Jahren 100 Suiziden selbst beigewohnt und 300 Bewerbungen für den begleiteten Suizid akzeptiert, heißt es in Medienberichten. Einige sehen in Egbert den Nachfolger des umstrittenen Sterbehilfe-Verfechters Jack Kevorkian, der vor zwei Jahren starb. Kevorkian, der des Totschlags für schuldig befunden wurde, hatte unter dem Beinamen Dr. Tod landesweit Schlagzeilen gemacht.

Die vom Public Broadcasting Service dokumentierte Patientin war die schwer krebskranke Joan Butterstein (81) aus Colorado, wo Sterbehilfe nicht legal ist. Sie entschied sich, mit Unterstützung von Compassion & Choices ihr Leben zu beenden. Es sei „okay“, dass ihr Leben nun vorbei sei, sagte sie, als ihre Kräfte zunehmend schwanden. Und weiter: Nicht ein einziges Mal habe sie ihre Entscheidung, freiwillig zu gehen, überdenken müssen. Nicht ein einziges Mal.

Nora Schmitt-Sausen

Irland: Verbot von Sterbehilfe bestätigt

In Irland bleibt aktive Sterbehilfe weiterhin verboten. Das Oberste Gericht in Dublin wies Ende April die Klage einer Frau ab, die das Verbot als verfassungswidrig bezeichnet hatte. Die an multipler Sklerose erkrankte 59-Jährige wollte vor Gericht einen Zeitpunkt für eine legale Beihilfe zu ihrer Selbsttötung festlegen lassen, um „einen qualvollen und würdelosen Tod“ zu vermeiden.

Das umfassende Verbot von Sterbehilfe in Irland schränke ihr Recht auf persönliche Unabhängigkeit ein, das durch die Verfassung und durch die Europäische Menschenrechtskonvention gewährleistet sei, so ihre Argumentation. Der Oberste Gerichtshof hatte die Klage bereits im Januar abgewiesen, die 59-Jährige war daraufhin in Revision gegangen. Das Gericht bestätigte mit seiner Entscheidung das frühere Urteil. Der Ehemann der Klägerin kündigte laut Medienberichten an, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen zu wollen. kna

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