THEMEN DER ZEIT

Suchterkrankungen bei Ärzten: Sanktionieren und Helfen sind kein Widerspruch

Dtsch Arztebl 2013; 110(21): A-1028

Diefenbach, Christof; Drexler, Siegmund; Schön, Claudia

Foto: Eberhard Hahne

Ärztinnen und Ärzte haben genauso häufig Suchterkrankungen wie die Allgemeinbevölkerung. Wie Landesärztekammern und approbationserteilende Behörden mit dem Problem umgehen können, wird am Beispiel von Hessen erläutert.

Die Datenlage zur Häufigkeit von Abhängigkeitserkrankungen bei Ärztinnen und Ärzten in Deutschland ist schlecht. Weder sind verlässliche Zahlen zu Ärzten mit riskantem Gebrauch von Substanzen noch zu manifester Abhängigkeitsproblematik verfügbar. Erst recht fehlen Zahlen zu nicht stoffgebundenen Suchtformen. Informationen über die Verteilung der verschiedenen suchterzeugenden Verhaltensweisen oder Stoffe auf die einzelnen Facharztgruppen und die Geschlechter sind rar. Geht man von statistischen Angaben zur Häufung von Suchterkrankungen für die allgemeine Bevölkerung aus, so kann von circa drei bis viereinhalb Prozent ausgegangen werden. Diese Zahlen können auf die Ärzteschaft ebenfalls angewandt werden.

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Alkohol ist zweifellos die am häufigsten zur Abhängigkeit führende Substanz. Etwa 70 Prozent der tatsächlich bekanntwerdenden Suchterkrankungen bei Ärzten sind durch Alkohol verursacht.

Der Anteil von Medikamentenabhängigkeit vermag in der Ärzteschaft, durch den etwas leichteren Zugang zu diesen Stoffen, höher sein als in der allgemeinen Bevölkerung. Ebenfalls birgt die größere Nähe zu Medikamenten, wie Propofol, Benzodiazepinen, Ketamin oder Opioiden, ein beachtliches Risiko. Ob in den Berufsgruppen, die mit diesen Stoffen zu tun haben, die Zahl der Erkrankungen höher ist, kann vermutet werden. Einzelne Fallberichte deuten auf eine spezielle Gefährdungssituation hin.

Die Tätigkeit der Ärztekammer wird im Heilberufsgesetz geregelt. Eine der Kernaufgaben der Ärztekammer ist die Durchführung der Berufsaufsicht. Es gilt der Grundsatz, dass die Ärztekammer gegenüber ihren Mitgliedern einerseits zur Fürsorge verpflichtet ist, andererseits bei begründeter Annahme sanktionierende Maßnahmen einleitet oder durchführt. Wenn die Ärztekammer über die Vermutung einer Suchterkrankung informiert wird, leitet sie diese zunächst an den Suchtbeauftragten der Kammer weiter, ohne selbst berufsrechtliche Ermittlungen einzuleiten.

Ärztliche Schweigepflicht

Wenn allerdings eine sichere Patientenbehandlung gefährdet scheint oder ein Patient bereits verletzt wurden, ist eine Sanktionierung nicht zu umgehen. Doch auch dann wird kein approbationsrechtliches Verfahren eingeleitet. Sollte ein Berufsgerichtsverfahren unumgänglich sein, gibt es abgestufte Sanktionsmöglichkeiten. Sie reichen von der Rüge über den Verweis, die Entziehung des passiven Berufswahlrechts bis zu einer Geldbuße in Höhe von 50 000 Euro. Erst ganz am Ende der Eskalationsskala steht die Feststellung der Unwürdigkeit, den Arztberuf auszuüben.

Alkohol und Medikamente sind die Hauptverursacher von Suchterkrankungen. Foto: picture alliance

Die Ärztekammer Hessen hat im Jahr 2007 einen Drogen- und Suchtbeauftragten sowie einen Stellvertreter für die Berufsangehörigen ernannt. Dieser unterliegt einer eigenen ärztlichen Schweigepflicht. Seine Akten werden getrennt von der eigentlichen „Arztakte“ verwaltet, sie werden gesondert aufbewahrt, und nur definierte und in die Schweigepflicht eingeschlossene Personen haben Zugang hierzu. Der Drogen- und Suchtbeauftragte arbeitet in enger Verbindung mit der Rechtsabteilung der Kammer. Mindestens einmal jährlich berichtet er dem Präsidenten und dem Präsidium der Landesärztekammer über seine Arbeit. Auch hierbei wird die Schweigepflicht gewahrt.

Wichtige Vernetzung

Die Arbeit des Drogen- und Suchtbeauftragten umfasst den Aufbau von Versorgungsstrukturen mit gutachterlich, therapeutisch, ambulant und stationär tätigen Ärzten, die bei Bedarf zeitnah eingeschaltet werden können. Die Arbeit beinhaltet die regelmäßige Pflege der Kontakte zu Institutionen wie dem Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen (HLPuG), der approbationserteilenden Behörde des Landes Hessen, dem Regierungspräsidium, dem Versorgungswerk der Landesärztekammer, der Berufsgerichtsabteilung, der Kassenärztlichen Vereinigung, den Bezirksärztekammern sowie den Drogen- und Suchtbeauftragten der anderen Kammern und dem Ausschuss Sucht bei der Landesärztekammer Hessen sowie bei der Bundesärztekammer.

Die Vernetzung der in den verschiedenen Institutionen handelnden Personen erweist sich einerseits als Notwendigkeit, andererseits als Glücksfall. Soweit wie möglich wird nach dem Prinzip „Therapie vor Sanktionierung“ verfahren. Ist in einzelnen Fällen die Einleitung approbationsrechtlicher Maßnahmen nicht zu umgehen, kann in anderen Fällen, insbesondere wenn keine berufliche Tätigkeit unter Einfluss von Alkohol oder Drogen ausgeübt wurde und keine Patientenbelange verletzt wurden, eine ärztliche Tätigkeit möglicherweise fortgesetzt werden.

Der Drogen- und Suchtbeauftragte der Landesärztekammer übt, in Absprache mit dem Landesprüfungsamt, eine „begleitende Kontrollfunktion“ aus. Dies bedeutet, dass regelmäßige Treffen mit den Ärzten vereinbart werden, je nach Erkrankung unterschiedlich häufig. Dass diese Kontrollen ebenfalls eine therapeutische Funktion haben, ist einerseits gewollt, andererseits unvermeidbar. Somit ist die Kammer, ohne dies primär anzustreben, ein Teil des therapeutischen Konzeptes. Diese Funktion muss ernsthaft und auch qualifiziert und mit entsprechenden Zeitbudgets ausgestattet ausgeübt werden.

Nicht wenige der betreuten Ärzte legen Wert auf eine Kontinuität und Regelmäßigkeit der Begegnungen. Mittlerweile bestehen Erfahrungen bis zu mehreren Jahren nach dem Ende einer manifesten Erkrankung. Die Fortsetzung und in einigen Fällen Beibehaltung der Kontakte dienen der Förderung eines seelischen Wohlbefindens und einer stabilen Motivation einer erkrankungsgerechten Lebensweise. Bei der Gesprächsführung werden Elemente einer „motivierenden Gesprächsführung“ (Motivational Interviewing nach Miller und Rollnick) angewandt.

Wie erfährt die Landesärztekammer von dem Problem eines Mitglieds? Grundlage bildet die Mitteilung in Strafsachen, die sogenannte MiStra, durch das Gericht sowie die Staatsanwaltschaften. Dort ist in Nr. 26 die Meldepflicht für straffällig gewordene Angehörige von Heilberufen geregelt. Eine zweite Quelle sind Beschwerden von Mitarbeitern, Patienten oder Kollegen. Schließlich melden sich ebenfalls die betroffenen Ärzte selbst. Diese Meldungen werden auch anonym zugelassen.

Die Null-Promille-Grenze

Ein kleiner Prozentsatz der Meldungen erfolgt zu Unrecht. Jedoch kann durch die Aufklärung durch den Drogen- und Suchtbeauftragten in diesen Fällen oft eine Konfrontation mit Ermittlungen und sanktionierenden Maßnahmen durch approbationsrechtliche Maßnahmen vermieden werden.

Zu den regelmäßigen Aufgaben des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamtes gehört es, nach erfolgreichem Abschluss des Studiums in den akademischen Heilberufen die Approbation zu erteilen und die dazugehörigen Urkunden auszuhändigen. Damit wird die letzte Hürde vor der Ausübung der ärztlichen Tätigkeit beseitigt. Allein in Hessen geschieht das für den ärztlichen Bereich etwa 800-Mal im Jahr. Eine wesentliche Voraussetzung, nicht nur für die Erteilung, sondern auch für den Erhalt der Approbation, ist die gesundheitliche Eignung zur Ausübung des ärztlichen Berufes.

Dem HLPuG kommt hierbei die Aufgabe zu, im Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Berufsfreiheit einerseits und dem Patientenschutz andererseits zu entscheiden, ob es zum Ruhen oder gar zum Entzug der Approbation kommen muss. Die Rechtsprechung hat für die ärztliche Tätigkeit eindeutig geregelt, dass bei der Arbeit die Null-Promille-Grenze gilt. Sind die bekannt werdenden Zahlen und die der approbationsrechtlichen Verfahren noch relativ niedrig, so muss doch mit einer Dunkelziffer und damit mit einer verbundenen latenten Gefahr gerechnet werden. Dies resultiert daraus, dass einerseits jede Gefahr für das Wohl der Patienten vermieden werden muss. Andererseits müssen die Betroffenen bei Bekanntwerden einer Suchterkrankung mit einer Stigmatisierung rechnen. Nicht zuletzt müssen sie approbationsrechtliche Maßnahmen befürchten, die im Falle einer Entzuges ein Berufsverbot darstellen und sich somit als existenziell bedrohlich auswirken würden.

Möglichst frühe Intervention

Die Landesärztekammer Hessen und das HPLuG haben daher nach Wegen gesucht, dieser Problematik bestmöglich zu begegnen. Herausgekommen ist eine Zusammenarbeit, die es den Betroffenen ermöglichen soll, ihre Erkrankung aktiv und von sich aus anzugehen, kompetente Hilfe in Anspruch zu nehmen. So soll einerseits nicht nur die Dunkelziffer gesenkt werden, sondern auch die Gefahr eines Approbationsentzuges soweit wie möglich reduziert werden. Das hohe Rechtsgut der körperlichen Unversehrtheit der Patienten überwiegt letztendlich das Recht der Berufsausübung, alles andere wäre mit der ärztlichen Ethik nicht zu vereinbaren.

Entscheidendes Kriterium ist eine möglichst frühe Intervention. Wichtig ist aufzuzeigen, dass während des Ruhens der Approbation, im Einzelfall sogar ohne Approbation, dann mit einer Berufserlaubnis ausgestattet, ärztlich gearbeitet werden darf. Hierdurch kann die existenzielle Gefahr für die Ärztin/den Arzt gemildert werden (§ 8 BOÄ).

Dieses Vorgehen weist besonders dringlich auf die Notwendigkeit einer funktionierenden Zusammenarbeit zwischen Kammer und Approbationsbehörde hin. In gemeinsamen Sitzungen, an denen die Betroffenen, ihre Partner oder Anwälte teilnehmen, beraten Kammer und HLPuG, ob und welche Maßnahmen nötig, aber auch ausreichend sind, die ärztliche Tätigkeit mit dem Patientenschutz zu vereinbaren.

Hierzu dienen unterschiedliche Instrumentarien: Von der berufsbegleitenden Supervision über begleitende Therapien bis hin zum regelmäßigen Vorlegen von Laborwerten sowie auch der Einschränkung der beruflichen Bewegungsfelder. Maßnahmen zur Durchsetzung reichen von der freiwilligen Selbstverpflichtung durch einen Vertrag über Auflagen im Rahmen einer Berufserlaubnis. Diese Auflagen werden mit auflösenden Bedingungen verbunden. Die Details werden bei diesen Verfahren individuell und abgestuft eingesetzt. Dieses Verfahren ist für die Kammer und das HLPuG aufwendig. Die bisher gemachten Erfahrungen zeigen aber, dass sich der Aufwand lohnt.

Im Bemühen um die Sicherstellung einer qualifizierten Patientenversorgung einerseits und dem Angebot einer therapeutischen Hilfe andererseits ist ein strukturiertes Modell der Versorgung entwickelt worden. Dieses beinhaltet zunächst eines:

  • Schweigepflichtentbindung gegenüber dem Drogen- und Suchtbeauftragten. Diese bezieht sich auf die Tatsache der wahrgenommenen Behandlung sowie auf das Übermitteln von Ergebnissen eventueller Drogenscreenings und Laboruntersuchungen. Sie betrifft nicht die Inhalte der Therapie.
  • In einzelnen Fällen, in denen es geboten erscheint, wird der Therapeut festgelegt.
  • Es wird eine Vereinbarung über ein Rückfall-Management getroffen.
  • Je nach Konstellation und Suchtmittel werden Drogenscreening-Untersuchungen veranlasst. Die Kosten hierfür tragen die Ärzte selbst.
  • Die Betreuung durch den Drogen- und Suchtbeauftragten ist für das Mitglied der Kammer kostenfrei.
  • Hilfeangebot zur Organisation von ambulanten beziehungsweise stationären Therapien. Hilfen bei dem Kontakt mit dem Versorgungswerk, Versicherungen oder Arbeitgebern.

Sicherheit für die Patienten

Der Arztberuf genießt ein hohes Ansehen, das einhergeht mit einer großen Verantwortung. Daher ist eine Suchtmittelabhängigkeit mit einer ärztlichen Tätigkeit grundsätzlich nicht vereinbar. Die Arbeit des Drogen- und Suchtbeauftragten bei der Landesärztekammer Hessen ist in der Lage, die Patientensicherheit zu erhöhen. Sie vermindert individuelles Leid und sozialen Absturz. Die Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen übernimmt hierbei eine wichtige Funktion.

Menschen, die ihr Verhalten ändern wollen, brauchen Zeit und Motivation. Die Begleitung durch die Ärztekammern ist nicht nur eine kollegiale Notwendigkeit und eine Serviceleistung, sondern auch im Zuge der Aufgabenstellung der Körperschaft des öffentlichen Rechts, Patientensicherheit zu gewährleisten, eine hilfreiche Einrichtung. Wünschenswert wäre, den Anteil freiwilliger Meldungen von Ärztinnen und Ärzten zu erhöhen.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2013; 110(21): A 1028−32

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Siegmund Drexler, Drogen- und Suchtbeauftragter der Landesärztekammer Hessen,
Im Vogelsgesang 3, 60488 Frankfurt am Main
dr.drexler@muelheim-aerztehaus.de

Christof Diefenbach, Leiter Hessisches Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen

Dr. med. Siegmund Drexler, Drogen- und Suchtbeauftragter der Landesärztekammer Hessen

Claudia Schön, stellvertretende Justiziarin, Rechtsabteilung Landesärztekammer Hessen

Hilfe für Suchtkranke Ärzte

Strukturierte Interventionsprogramme für suchtkranke Ärztinnen und Ärzte bieten bis auf Bayern, Berlin und Niedersachsen 14 Landesärztekammern an. Die Bundesärztekammer hat die jeweiligen Ansprechpartner und weitere Informationen auf ihrer Homepage zusammengestellt: www.bundesaerztekammer.de/downloads/Interventionsprogramme.pdf

Darüber hinaus können sich betroffene Ärzte auch an Selbsthilfegruppen wenden:

  • www.aerztegesundheit.de
  • www.asahilfe.de
  • www.anonyme-Alkoholiker.de
  • www.blaues-kreuz.de
  • www.kreuzbund.de
  • www.freundeskreise-sucht.de
  • www.guttempler.de

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