POLITIK

Alt Rehse – ehemalige Führerschule der Deutschen Ärzteschaft: Ein Ort des Lernens und Gedenkens

Dtsch Arztebl 2013; 110(21): A-1026 / B-891 / C-892

Gerst, Thomas

Das Gutshaus in Alt Rehse soll zu einem Lern- und Gedenkort werden. Öffentliche Mittel gibt es aber nur, wenn sich auch die Ärzteschaft engagiert. Der KBV-Vertreterversammlung am 27. Mai liegt dazu eine Beschlussvorlage vor.

Bei der Restaurierung soll die neoklassizistische Fassade, die das ursprünglich 1862 im neugotischen Stil erbaute Gutshaus 1939 erhielt, wiederhergestellt werden. Fotos: Gutshaus Alt Rehse gGmbH

Eine mecklenburgische Seenlandschaft, schilfgedeckte Fachwerkhäuser, Idylle pur – Täterort Alt Rehse. Hier ließ die NS-Ärzteführung am Tollensesee seit dem Sommer 1934 die Führerschule der Deutschen Ärzteschaft errichten. Das Schlossgebäude wurde aufwendig renoviert, mehrere neue Gebäude errichtet. Das zum Gutsbesitz gehörende Dorf wurde abgerissen und durch 20 Wohnhäuser an gleicher Stelle ersetzt. Zur Eröffnung am 1. Juni 1935 reiste der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, in Begleitung seines Stabsleiters Martin Bormann an. Die Feier wurde über alle Radiosender übertragen. Die Führerschule war als nationalsozialistische Kaderschmiede vor allem für NS-Gesundheitsfunktionäre und linientreue Jungärzte konzipiert. In mehrwöchigen Kursen sollten die Teilnehmer mit zentralen Themen der NS-Gesundheitspolitik vertraut gemacht werden.

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Alt Rehse steht an der Spitze eines umfassenden Systems der Beeinflussung und Gleichschaltung der Ärzteschaft, die sich weitgehend ohne Widerspruch in den Dienst der verbrecherischen Strategien zur Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenhygiene stellte. Dies ist der geeignete Ort, um sich mit Fragen nach dem Selbstverständnis der Ärzteschaft in dieser Zeit, aber auch mit medizinethischen Fragen der Gegenwart auseinanderzusetzen.

Seit dem Jahr 2001 engagiert sich der Verein „Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse e.V.“ (EBB) vor Ort, um die Geschichte der „Führerschule“ historisch-kritisch aufzuarbeiten und durch eine Ausstellung und begleitende Bildungsarbeit in die Öffentlichkeit zu tragen. Vorsitzender des Vereins ist Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, von 2000 bis 2004 Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Ihm geht es vor allem darum, in Alt Rehse einen Lern- und Gedenkort dauerhaft zu etablieren. Ort der Bildungs- und Erinnerungsarbeit soll der ehemalige Gutshof werden, ursprüngliches Zentrum von Gut und Dorf Alt Rehse. Das stark renovierungsbedürftige Gebäude wurde vom Verein EBB Alt Rehse erworben und in die gemeinnützige Gutshaus Alt Rehse gGmbH als Trägergesellschaft eingebracht.

Beteiligung der Ärzteschaft

Angestrebt wird eine Aufnahme in die Gedenkstättenförderung, um den Gutshof in der Gestalt von 1939 renovieren und restaurieren zu können. Die Verhandlungen mit der Landesregierung in Schwerin darüber seien sehr weit vorangeschritten, es gebe positive Signale, sagt Richter-Reichhelm. Voraussetzung für eine Förderung mit Bundes- und Landesmitteln sei jedoch, dass sich die Ärzteschaft in einem gewissen Rahmen beteilige und längerfristige finanzielle Verpflichtungen der öffentlichen Hand ausgeschlossen seien. Richter-Reichhelm hofft auf eine entsprechende Patronatserklärung seitens der KBV, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

Die KBV sieht sich in der Verantwortung und bringt zur Vertreterversammlung (KBV-VV) am 27. Mai eine Beschlussvorlage ein; diese sieht einen Eintritt der KBV in die Gutshaus Alt Rehse gGmbH und eine finanzielle Beteiligung im Zeitraum von 2013 bis 2017 vor. Stimmt die KBV-VV dem Beschluss zu, ist Richter-Reichhelm optimistisch, dass Mittel aus der Gedenkstättenförderung fließen und bald mit dem Bau begonnen werden kann.

Thomas Gerst

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