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116. Deutscher Ärztetag: Botschaft aus Hannover

Dtsch Arztebl 2013; 110(23-24): A-1125 / B-977 / C-973

Stüwe, Heinz

Deutsche Ärztetage gehören eigentlich abgeschafft. Warum sollen Ärztinnen und Ärzte in öffentlicher Sitzung dokumentieren, dass sie in wichtigen Fragen der Gesundheitspolitik unterschiedlicher Meinung sind? Warum sollten die ärztlichen Spitzenrepräsentanten ihre Strategie zur Durchsetzung ärztlicher Belange offenlegen? Ist all das nicht ein gefundenes Fressen für jene, die mit ärztlichen Anliegen nicht viel am Hut haben?

Nach dem 116. Deutschen Ärztetag in Hannover lassen sich solche Fragen beantworten. Das Parlament der Ärzteschaft hat sich eingehend mit der Zukunft der Krankenversicherung befasst. Am Ende stand wie vor einem Jahr ein klares Votum für den Erhalt des dualen Systems. Es wurden Anforderungen formuliert, die eine generationengerechte, demografiefeste und sozial gerechte Krankenversicherung erfüllen sollte. Und es wurde eine Reformskizze beschlossen, die Vorschläge für eine Weiterentwicklung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung umfasst. Dabei gab es Widerspruch, es gab auch Stimmen, es sei nicht Sache von Ärztinnen und Ärzten, sich zu Finanzierungsfragen zu äußern. Zwischenzeitlich schien es fraglich, ob es überhaupt zu einem Beschluss kommt. Das machte die Beratungen (siehe dieses Heft und www.aerzteblatt.de/aerztetag2013) für die nichtärztliche Öffentlichkeit umso interessanter, manchmal sogar spannend.

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Die letztlich deutliche Mehrheit – ein persönlicher Erfolg für den Präsidenten der Bundesärztekammer – verleiht den Reformvorschlägen Gewicht, auch wenn sie kein geschlossenes Konzept darstellen, das eins zu eins in Gesetzesform gegossen werden kann. Die Botschaft ein Vierteljahr vor der Bundestagswahl lautet: Die Ärzteschaft warnt vor einer Bürgerversicherung, weil sie den Wettbewerb um Qualität, den Wettbewerb um die beste medizinische Versorgung in einer Einheitsversicherung gefährdet sieht. Dabei sehen Ärztinnen und Ärzte Wettbewerb nicht als Wert an sich an. „Ökonomie ist ein Mittel zum Zweck, nicht aber der Zweck an sich“, hatte Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages, zur Eröffnung gemahnt. Es geht also nicht um die Verteufelung ökonomischer Methoden beim Einsatz knapper Mittel. Ökonomie darf nur nicht das ärztliche Handeln prägen. „Wie viel Markt verträgt die Medizin?“, fragen sich immer häufiger auch Patienten. Deshalb ist es gut, dass sich der Ärztetag ernsthaft mit der Ökonomisierung des Gesundheitswesens a

Heinz Stüwe, Chefredakteur
useinandergesetzt hat. Es dient der Glaubwürdigkeit des Berufsstands.

Die härtesten Kontroversen gab es vor und während des 116. Deutschen Ärztetags über die ambulante Weiterbildung. Dabei war das Ziel nie strittig, dass mehr junge Ärztinnen und Ärzte in den Praxen weitergebildet und diese Stellen auch bezahlt werden müssen. Über den Weg dorthin kam es zu einer Konfrontation zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Marburger Bund. Am Ende eines zähen argumentativen Ringens stand eine Einigung, die von allen Beteiligten mitgetragen wird. Nun können in diesem elementar wichtigen Gebiet der ärztlichen Selbstverwaltung die für die Weiterbildung zuständige Bundesärztekammer und die KBV, die der jungen Ärztegeneration die Arbeit in der Niederlassung nahebringen will, gemeinsam gegenüber der Politik auftreten.

Hat es der Sache geschadet, dass die intensive Diskussion großenteils im öffentlichen Forum des Ärztetags stattfand? Wohl kaum. Hannover hat erneut gezeigt: Wenn es den Deutschen Ärztetag nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

Heinz Stüwe
Chefredakteur

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