DEUTSCHER ÄRZTETAG

Ökonomisierung der Medizin: Die Grenzen des Marktes

Dtsch Arztebl 2013; 110(23-24): A-1134 / B-986 / C-982

Hibbeler, Birgit

Das Gesundheitswesen darf sich nicht allein an ökonomischen Vorgaben orientieren. Sonst sind grundsätzliche ärztliche Prinzipien in Gefahr. Der Deutsche Ärztetag fordert eine Rückkehr zu Freiheit und Verantwortung in der Therapie.

Die Logik der Ökonomie verändert die Ärztinnen und Ärzte. Davon ist der Medizinethiker Giovanni Maio überzeugt.

Der Freiburger Medizinethiker Prof. Dr. med. Giovanni Maio sprach vielen Delegierten aus der Seele. Eindringlich warnte er auf dem 116. Deutschen Ärztetag vor einer zunehmenden Kommerzialisierung der Medizin. Nach Ansicht Maios wird die Ökonomie dann zum Problem, wenn ihre Logik nicht nur auf Strukturen und Handlungsbedingungen angewendet wird, sondern auf den Inhalt der Medizin selbst. Maio: „Die Frage ist also: Wie weit ermöglicht die Ökonomie ärztliches Handeln und ab wann bestimmt die Ökonomie ärztliches Handeln?“

Anzeige

Aus Sicht des Medizinethikers laufen die Ärztinnen und Ärzte Gefahr, sich durch den wirtschaftlichen Druck zu verändern und „Zug um Zug die eigentlich fremde Logik der Ökonomie zu ihrer eigenen Logik zu machen“. Sie würden „umprogrammiert“. Die Logik der Ökonomie widerspreche aber mitunter ärztlichen Idealen, zum Beispiel wenn Patienten mit einer aufwendigen Behandlung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten unrentabel würden. „Eine Medizin, die Patienten meidet, kann sich aber nicht mehr Medizin nennen“, sagte Maio unter dem Beifall des Plenums. Es seien gerade die Schwachen und alten Patienten, die in dem System zu kurz kämen.

Der Deutsche Ärztetag sandte dann auch eine eindeutige Botschaft an die Politik: Die Delegierten forderten, das Gesundheitssystem statt nach rein ökonomischen Prinzipien stärker an den Bedürfnissen der Patienten auszurichten. „Seit Jahren steigt die Zahl der Behandlungsfälle in Klinik und Praxis, die Zahl der tatsächlich zur Verfügung stehenden Arztstunden aber ist rückläufig. Zugleich nimmt der ökonomische Druck durch fortwährende Unterfinanzierung im ambulanten Bereich wie auch in der Klinik zu“, heißt es in dem Leitantrag „Menschen statt Margen in der Medizin“, der mit großer Mehrheit verabschiedet wurde. Die Folge dieser Entwicklung sei eine Verdichtung von Arbeit, Überlastung und Demotivation von Ärztinnen und Ärzten.

Auch Maio thematisierte diese Entwicklung in seinem Referat zum Auftakt der Plenarsitzung im Hannover Congress Centrum. „Befriedigung durch ärztliche Arbeit ist nur dann möglich, wenn die Ärzte nicht das Gefühl haben, dass sie eingesetzt werden, um Gewinne zu erzielen“, sagte er. Durch die Ökonomisierung empfänden viele Ärzte eine Sinnentleerung ihres Tuns. Den Ärzten würden immer mehr administrative Aufgaben aufgebürdet, wie die Kodierung der Fallpauschalen oder immer mehr Bürokratie in der Qualitätssicherung. Entlastung an anderer Stelle erfolge aber nicht. „Durch diese Verdichtung der Arbeit finden Gespräche mit den Patienten immer mehr in den Zeiten statt, in denen die Ärzte ihr Arbeitspensum erledigt haben, und dies eben oft genug außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit“, erläuterte Maio. Kommunikation und Beziehungsaufbau geraten in den Hintergrund. „So spart die Medizin nicht das Überflüssige ein, sondern sie spart am Kern ihrer Identität.“ Die Arzt-Patienten-Beziehung sei kein „idealistisches Sahnehäubchen“. Gerade die Ökonomisierung führe zu einer Abwertung nicht direkt messbarer Qualitäten, wie das „In-Beziehung-Treten“. Die Medizin sei aber kein industrieller Produktionsprozess. Außerdem, kritisierte Maio, den Ärzten werde neben der medizinischen auch die ökonomische Verantwortung, zum Beispiel für das Krankenhaus, in dem sie arbeiteten, zugeschrieben. „Dadurch werden Ärzte in gewisser Weise erpressbar“, monierte Maio.

Das vorhandene Geld sinnvoll einsetzen: Dafür plädierte Ellis Huber (oben). Grundsätzliche Kritik am Tagesordnungspunkt I und der Kombination der Themen kam von Wulf Dietrich (unten).

Der Medizinethiker stellte zugleich klar, es gehe nicht darum, wirtschaftliches Handeln und Effizienz zu verteufeln. „Das ökonomische Denken ist eine Notwendigkeit und auch im Interesse der Beitragszahler“, sagte er. Eine unangemessene Übertragung ökonomischen Denkens auf die Medizin gefährde die Humanität. Daher forderte Maio: „Es wird von Ärzten immer wieder erwartet, dass sie lernen, ökonomisch zu denken, aber es ist noch wichtiger, dass Ökonomen lernen, medizinisch zu denken.“ Sie müssten wissen, wo ökonomisches Denken angemessen sei, aber auch, wo man dem medizinischen Denken wieder den Platz frei machen müsse.

Begrenzte Mittel sind Realität

In der Diskussion im Plenum wurde deutlich, dass die große Mehrheit der Delegierten die Sorge vor einer Ökonomisierung der Patientenversorgung teilt. Martin Grauduszus, Nordrhein, verwies auf die ärztliche Berufsordnung, nach der Ärztinnen und Ärzte hinsichtlich ihrer ärztlichen Entscheidungen keine Weisungen von Nichtärzten entgegennehmen dürften. „Das ist aber heute tägliche Realität“, kritisierte er. Die Ärzte hätten sich durch ökonomische Vorgaben in einen Aktionismus treiben lassen, der unärztlich sei. „Wir brauchen ein neues Selbstbewusstsein“, forderte er.

Doch welche Konsequenzen sollen die Ärzte aus der Kritik an der Kommerzialisierung ziehen? „Professor Maio hat deutlich gemacht, wie die Soziodynamik der Unterwerfung des ärztlichen Berufs unter ökonomische Prinzipien abläuft. Jetzt stellt sich die Frage: Was nun?“, gab Dr. med. Ellis Huber, Berlin, zu bedenken. Die Begrenzung der finanziellen Mittel für das Gesundheitswesen sei eine selbstverständliche Realität – genau wie in jedem privaten Haushalt. „Wie managen wir dieses System so, dass die vorhandenen Ressourcen sinnvoll und zielgerichtet eingesetzt werden?“ – das sei die entscheidende Frage. Dieser dürften sich auch die Ärzte nicht verweigern, sondern müssten dafür Verantwortung übernehmen. Das Geld müsse vor allem in ärztliche Arbeit und in Gesundheitsförderung fließen, nicht in Bürokratie.

Prof. Dr. med. Wulf Dietrich, Bayern, übte grundsätzliche Kritik am ersten Tagesordnungspunkt des Ärztetages. Es sei falsch gewesen, das Referat „Wie viel Markt verträgt die Medizin?“ des Medizinethikers Maio mit einer Entscheidung über ein künftiges Konzept von privater und gesetzlicher Krankenversicherung in einem gemeinsamen Punkt zu verknüpfen. Das sei unpassend und solle wohl eher gegen ein schlechtes Gewissen helfen, wenn man sich für den Fortbestand der privaten Krankenversicherung ausspreche, vermutete Dietrich.

Kritik an Chefarztboni

Schließlich kam auch das Thema Bonuszahlungen für Chefärzte zur Sprache. Dr. med. Eva Müller-Danneker, Berlin, sagte dazu: „Ich erwarte von Chefärzten, dass sie sich nicht korrumpieren lassen.“ Ärzte seien Anwälte ihrer Patienten. Wie auch schon auf dem 115. Deutschen Ärztetag in Nürnberg sprachen sich die Delegierten in Hannover gegen Bonuszahlungen aus, die rein auf ökonomische Zielgrößen ausgerichtet sind. „Eine derartige Kopplung ärztlich-medizinischer Gesichtspunkte und ökonomischer Erwägungen widerspricht dem ärztlichen Berufsethos“, heißt es in einem Antrag des Vorstandes der Bundesärztekammer, der mit großer Mehrheit angenommen wurde.

„Unbedenklich sind demgegenüber Bonuszahlungen, welche nicht an die Erreichung von ökonomischen, sondern von qualitätsbezogenen Zielen im ärztlich-medizinischen Bereich anknüpfen“, so der Beschluss. Die Kritik richte sich insofern nicht generell gegen Zielvereinbarungen und Bonusregelungen mit leitenden Krankenhausärzten. Der 116. Deutsche Ärztetag begrüßt, dass gemäß den Empfehlungen nach § 136 a Sozialgesetzbuch V im Chefarztvertragsmuster der Deutschen Krankenhausgesellschaft neben ökonomischen Kriterien, die im Übrigen streng unter Beachtung des ärztlichen Berufsrechts gestellt werden, nun ausdrücklich auch ärztlich-medizinisch orientierte Kriterien für Zielvereinbarungen hervorgehoben werden.

Dr. med. Birgit Hibbeler

video.aerzteblatt.de

„Wie viel Markt verträgt die Medizin?“ – eine Umfrage auf dem Ärztetag:

www.aerzteblatt.de/video54581

Fazit

TOP I: Gesundheits- und Sozialpolitik – Markt und Medizin

  • Das Gesundheitswesen darf sich nicht an rein ökonomischen Prinzipien ausrichten, sondern muss in erster Linie das Wohl der Patienten im Blick haben.
  • Bonuszahlungen für Chefärzte, die sich allein an dem Erreichen ökonomischer Ziele orientieren, sind mit dem ärztlichen Ethos nicht vereinbar.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige