THEMEN DER ZEIT

Sterbehilfe: Diskurs selbst schafft Akzeptanz

Dtsch Arztebl 2013; 110(26): A-1314 / B-1150 / C-1138

Gerst, Thomas

Experten diskutierten bei einer Tagung in Alt Rehse über aktuelle Probleme der Medizin am Lebensende.

Die Grenze zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe wird markant, wenn der mutmaßliche Wille herangezogen wird. Foto: picture alliance

The road to hell is paved with good intentions“ – dies könnte leitmotivisch über der Veranstaltung „Euthanasie, Palliation, Sterbehilfe. Die alte und neue Debatte über Euthanasie und die Medizin am Lebensende“ stehen, die Anfang Juni in der „Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse“ nahe Neubrandenburg stattfand. Wenn es rechtsverbindliche Regelungen zur aktiven Sterbehilfe gibt, befindet man sich offenbar sehr rasch auf einer schiefen Ebene, auf der es kein Halten mehr gibt. Dies machten beispielsweise die Ausführungen von Dr. Michael Wunder, Mitglied des Deutschen Ethikrats, deutlich.

Anzeige

Schrittweise Ausweitung

Gerade der Blick auf die Niederlande zeige, wie automatisch in einem gut gemeinten Gleichheitsbestreben die Regelung zur Sterbehilfe Schritt für Schritt ausgeweitet werde und auf immer mehr Gruppen Anwendung finde. „Es gibt keine stabile Grenze“, betonte Wunder mit Verweis auf die Entwicklung im Nachbarland. Euthanasie gelte in den Niederlanden als ein Zeichen persönlicher Freiheit; nicht zuletzt deshalb sei die Euthanasie dort im Jahr 1999 straffrei gestellt und 2002 gesetzlich erlaubt worden. „Wenn es einmal erlaubt ist, gibt es aber immer wieder Grenzfälle“, führte Wunder aus. So formuliert das Groningen-Protokoll von 2004 die Kriterien, nach denen aktive Sterbehilfe bei nicht einwilligungsfähigen Neugeborenen und Kindern bis zwölf Jahre geleistet werden darf, ohne strafrechtlich belangt zu werden. Inzwischen gebe es in den Niederlanden Diskussionen um die Einbeziehung von weiteren Bevölkerungsgruppen in die straffreie aktive Sterbehilfe, etwa von sterbewilligen 16- bis 18-Jährigen oder von Demenzkranken. Diskutiert werde über die frei erhältliche Euthanasiepille und mobile Euthanasieteams. Die Zahl der gemeldeten und dokumentierten Euthanasiefälle in den Niederlanden sei im Zeitraum von 2005 bis 2010 kontinuierlich gestiegen, von 2 325 auf 3 136 jährlich. In einer Grauzone – statistisch nicht erfasst – werde die palliative Sedierung verstärkt eingesetzt. Wunder sieht hier die Gefahr einer um sich greifenden terminalen Behandlungsweise ohne ausreichende Dokumentation.

Wunder empfiehlt gleichwohl den Deutschen etwas Zurückhaltung bei der Beurteilung der niederländischen Verhältnisse. Auch hierzulande seien im Grunde aktive und passive Euthanasie nicht mehr scharf voneinander abgrenzbar, wenn der mutmaßliche Wille herangezogen werde. Habe man früher unter passiver Sterbehilfe die Unterlassung oder den Abbruch medizinischer Maßnahmen, wenn der Sterbeprozess unmittelbar bevorstand, verstanden, so finde heute passive Sterbehilfe bereits bei schwerwiegenden Erkrankungen statt – unabhängig vom Krankheitszustand. Wunder konstatiert die Tendenz zur Ausweitung der absetzbaren Maßnahmen.

Gegen präzise Regelungen

Doch wie soll die ärztliche Selbstverwaltung mit diesem Sachverhalt umgehen? „Was ist besser: geregelte Normen, die notwendigerweise immer mehr zu einer Ausweitung führen, oder schweigen, im Wissen darum, dass es mehr oder weniger legitimierte Tötung gibt?“, fragte auf der Tagung in Alt Rehse der Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Wolfgang Klitzsch. Es komme darauf an, die Anzahl der Verstöße möglichst gering zu halten; und wenn man davon ausgehe, dass der Diskurs über die Sterbehilfe allein schon Akzeptanz schaffend sei, gebe es gute Argumente dafür, es dabei zu belassen, dass nicht alles klar geregelt sei. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies nach Klitzsch: „Klarheit in der Dogmatik und Barmherzigkeit im Einzelfall.“

Auch der Präsident der Bundesärztekammer fürchtet die schiefe Ebene, wenn der ärztlich assistierten Suizid zum öffentlichen Thema wird. „Wenn Sie einmal in diese Debatte einsteigen, werden Sie auf einem niedrigeren Niveau wieder herauskommen“, erklärte Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Vor dem Hintergrund der Entwicklung in den Niederlanden wendet er sich gegen ein präzises Regelungswerk. Als ein Kernproblem sieht auch er aktuell den Vorgang der palliativen Sedierung. Hier müsse sichergestellt sein, dass sich diese nicht zu einer verschleierten Form der Euthanasie entwickele.

Thomas Gerst

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

advokatus diaboli
am Mittwoch, 26. Juni 2013, 07:17

Sterbehilfe: Diskurs hierüber ist und bleibt notwendig!

„Wenn Sie einmal in diese Debatte einsteigen, werden Sie auf einem niedrigeren Niveau wieder herauskommen“, erklärte Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery auf einer Tagung und er fürchtet die „schiefe Ebene“, wenn der ärztliche Suizid zum öffentlichen Thema gemacht wird.

Mit Verlaub: Die ärztliche Suizidassistenz ist längst zum öffentlichen Thema geworden und ein solches ist nachhaltig zu begrüßen, auch wenn diesbezüglich der Präsident der BÄK eine andere Vorstellung hegt.

Gerade der öffentliche Diskurs trägt dazu bei, dass die Arztethik neue Impulse erhält und so im Zweifel ein Niveau erreicht, welches insbesondere dem hohen Wert des Selbstbestimmungsrechts der schwersterkrankten und sterbenden Patienten, aber eben auch der Gewissensfreiheit bundesdeutscher Ärztinnen und Ärzte gerecht wird.
Die ärztliche Selbstverwaltung – allen voran die BÄK - sollte sich einem öffentlichen Diskurs nicht verweigern und zu der Einsicht gelangen, dass das „Grundgesetz der ärztlichen Sittlichkeit“ so „sittlich“ nun wahrlich nicht ist, gelingt es doch gerade der BÄK, die verfasste Ärzteschaft „nur“ mit einem im ärztlichen Berufsrecht geregelten ethischen Zwangsdiktat auf einen neopaternalistischen Ethikkurs zu halten, auch wenn einzelnen Landesärztekammern das Verdienst zukommt, dem strikten Kurs der BÄK nicht gefolgt zu sein. Allein dies dürfte für den Präsidenten der BÄK Anlass genug sein, sich einer intensiven Debatte zu öffnen, denn das „Grundgesetz ärztlicher Sittlichkeit“ ist in einer liberalen Gesellschaft brüchiger denn je geworden und wie es scheint, haben bereits einige Landesärztekammern in ihren Debatten ein Niveau erreicht, in der jedenfalls das hohe Selbstbestimmungsrecht der Patienten, aber auch die Grundrechte der Ärztinnen und Ärzte wertgeschätzt werden.

Der Präsident der BÄK möge daran erinnert werden, dass der „Sterbehilfe-Diskurs“ schon seit Jahrzehnten geführt wird und er selbst hierzu gelegentlich einen Beitrag geleistet hat, so etwa auf einer Tagung des Deutschen Ethikrats. Der Deutsche Ethikrat hat sich am 27. September 2012 sowohl in öffentlicher als auch nicht öffentlicher Sitzung (erneut!) mit den Fragen der Suizidbeihilfe auseinandergesetzt und u.a. dabei den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur gesetzlichen Regelung der gewerbsmäßigen Suizidbeihilfe in den Blick genommen und der Deutsche Ethikrat hält im Übrigen eine weitere gesellschaftliche Debatte für dringend erforderlich.

Nun wird man/frau schwerlich behaupten können, dass der Deutsche Ethikrat mit seiner Forderung nach einer weiteren gesellschaftlichen Debatte ein gesellschaftliches Klima schaffe, bei dem am Ende des Diskurses ein „niedrigeres Niveau“ in Gestalt eines „sozialverträglichen Frühablebens“ zu befürchten ansteht, auch wenn der Deutsche Ethikrat die mangelnde Sensibilität in der medialen Öffentlichkeit angemahnt hat.

Ohne Frage muss der Sterbehilfe-Diskurs qualifiziert geführt werden und mit Verlaub, gerade manche Ärztefunktionäre verkünden nicht selten in Sonntagsreden (Glaubens-)Botschaften, die zu verkünden zwar gestattet sind, aber nicht stets den Geboten der Wissenschaftlichkeit entsprechen.

Ein breiter gesellschaftlicher Diskurs scheint notwendiger denn je zu sein, auch wenn das Staatsvolk in der Frage der Liberalisierung der Sterbehilfe-Regelungen schon längst entschieden ist: es geht vorrangig um das selbstbestimmte Sterben aus der Innenperspektive des schwersterkrankten und sterbenden Patienten und hierzu ist es notwendig, dass der parlamentarische Gesetzgeber ein präzises Regelungswerk auf den Weg bringt, welches den verfassungsrechtlichen Anforderungen entspricht.

Das ein präzises Regelungswerk – moderat ausgedrückt – dem Präsidenten der BÄK nicht gelegen kommen würde, löst nicht nur Verwunderung, sondern letztlich auch Bestürzung aus. Ärztinnen und Ärzte streben nach Rechtssicherheit und immerhin votiert ein Drittel der Ärzteschaft für eine liberale Regelung, so dass der Präsident der BÄK gut beraten wäre, seinen höchst individuellen Widerstand gegen eine Liberalisierung der Sterbehilfe-Regelung als dass zu begreifen, was er ist: eine persönliche Gewissensentscheidung, die nun nicht notwendigerweise von allen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, geschweige denn von den Bürgerinnen und Bürgern als innerlich verbindlich zu internalisieren sei!

Nicht ein gesellschaftlicher Diskurs befördert ein „niedrigeres Niveau“, sondern allenfalls die rechtsirrige Vorstellung, ein berufsethisches Zwangsdiktat halte die verfasste Ärzteschaft auf einem arztethischen Grundkurs, der letztlich einem Zentraldogma in der katholischen Kirche gleichkommt und die Grundrechte der Ärzteschaft nicht ernst nimmt.

Nun mögen allen voran die Ärztefunktionäre schon mal gerne den „Hufeland“ oder „Hippokrates“ geben; dies ist solange „unverfänglich“, wie nicht mit diesem Bekenntnis zugleich der vermessene Anspruch verbunden wird, qua kollektiver Mehrheitsentscheidung die individuelle Gewissensfreiheit einer gesamten Berufsgruppe beugen zu wollen, so dass es scheinbar gilt, der „moralischen und ethischen Verrohung“ der Ärzteschaft Vorschub zu leisten.

Abermals mit Verlaub: Die deutsche Ärzteschaft, aber auch das gemeine Staatsvolk, bedarf keiner ethischen und moralischen Zuchtmeister, die sich anschicken, bedeutsame Freiheitsrechte sowohl der Ärzte als auch der schwersterkrankten Patienten vorzeitig zu „Grabe zu tragen“ und hierbei auch noch versuchen, einen öffentlichen Diskurs unterbinden resp. kritisieren zu wollen, der vorgeblich nur in einem „niedrigeren Niveau“ enden würde.

Vielmehr sollte gerade die BÄK bemüht und willens sein, angesichts der unterschiedlichen Regelungen in den einzelnen ärztlichen Landesberufsgesetzen zum „Verbot der ärztlichen Suizidassistenz“ zumindest intraprofessionell eine weitere Debatte zu führen, in der den bedeutsamen Fragen einer „Zwangsethik“ nachgegangen wird und hierbei es tunlichst nicht verabsäumen sollte, die rechtsethischen Grundsätze insbesondere des Verfassungsrechts in den Blick zu nehmen. An profundem Sachverstand ermangelt es nicht, wie sich unschwer u.a. aus der Besetzung der eigens bei der BÄK eingerichteten Zentralen Ethikkommission ablesen lässt, auch wenn erneut kritisch nachgefragt werden soll, warum eigentlich dieses Gremium bis dato noch keine offizielle Stellungnahme zur Sterbehilfe-Problematik abgegeben hat?

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige