Supplement: Praxis Computer
Nützliche Werkzeuge in der Genomanalyse: DNA-Chips
Dtsch Arztebl 1998; 95(45): [51]


Genomforschung und -informatik suchen nach Möglichkeiten, die bei der Entschlüsselung der
Erbinformation anfallende
Datenflut zu strukturieren,
auszuwerten und zu speichern. Dabei werden unterschiedliche
Verfahren und Werkzeuge
eingesetzt.
Eine große Herausforderung für die heutige biologische und biotechnologische Forschung liegt in der
Entschlüsselung der kodierten Information lebender Zellen. Neben dem reinen "Lesen" dieser Information durch
die Analyse der molekularen Zusammensetzung der als "Informationsspeicher" agierenden Makromoleküle, wie
Desoxyribonukleinsäuren (DNS, englisch abgekürzt DNA), Ribonukleinsäuren (RNS) und Proteinen, gilt es
darüber hinaus, die zellulären Strategien zur biologisch sinnvollen Umsetzung dieser Informationen aufzuklären.
Die Komplexität dieses Systems wird beim Betrachten der Vielzahl unterschiedlich differenzierter Zelltypen
eines Organismus besonders deutlich. Ausgestattet mit einem identischen Informationsgehalt entwickeln sich die
Zellen entweder einem genetisch determinierten Programm folgend oder als Reaktion auf veränderte Signale der
Umwelt zu morphologisch und funktional spezialisierten Einheiten. Andererseits können geringste
Abweichungen im Informationsgehalt einzelner Gene Auswirkungen auf ganze Kaskaden molekularer
Interaktionen nach sich ziehen und so zu schwersten Erkrankungen führen.
Biologische Forschung kann somit in weiten Feldern wie eine Informationswissenschaft angesehen werden.
Biologische Informationen über einzelne Gene oder deren Wechselwirkungen mit anderen Biomolekülen werden
diagnostische Anwendungen revolutionieren und sind von teilweise immensem kommerziellen Wert. Die für das
Jahr 2001 prognostizierte Entschlüsselung der drei Milliarden Nukleinsäurebasenpaare des humanen Genoms,
der Gesamtheit aller menschlichen Erbanlagen, ist in Sicht und wird das Verständnis über die Unterschiede
zwischen kranken und gesunden Zellzuständen novellieren. Die Analyse kompletter Genome wird unter anderem
neue Erkenntnisse über Zellwachstumsprozesse, Entwicklungsvorgänge, Zelldifferenzierungsverläufe und
Zellalterungsfortgänge liefern.
Biologische Forschung als
Informationswissenschaft
Die Geschwindigkeit, mit der biologische Information gesammelt wird, ist in einem hohen Maß von den
Werkzeugen der Forschung abhängig. Ein relativ neues und dynamisches Instrument sind hierbei mikroskopisch
kleine Raster auf ebenen Arealen aus unterschiedlich langen DNA-Fragmenten, die als DNA-Chips oder
Microarrays bezeichnet werden. Die Basis für die Funktion dieser Chips liegt in der DNA-Doppelhelix, die
immer aus zwei komplementären Einzelsträngen gebildet wird. Allen DNA-Chips ist gemeinsam, daß ein DNAStrang auf der Oberfläche fixiert wird und aus einer aufgebrachten Lösung sein markiertes Komplement mit sehr
hoher Spezifität an sich binden kann. Dieser Vorgang wird als Hybridisierung bezeichnet.
Neben den DNA-Hybridisierungchips wird das Schlagwort DNA-Chip auch in anderen Forschungsvorhaben
gebraucht. Neben hochdichten Rastern von DNA auf einer planaren Oberfläche gibt es auch Bestrebungen, in
kleinsten Reaktionskammern aus Silizium die Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) zur Verfielfältigung von
DNA einzusetzen. Weiterhin gibt es Entwicklungen, in denen Biomoleküle wie Bakteriorhodopsin zur
"biodigitalen" Speicherung von Information genutzt werden. Für alle diese Anwendungen kann der nicht
geschützte Terminus DNA-Chip verwendet werden.
Verschiedene
Forschungsrichtungen
In der gegenwärtigen Forschung gibt es mindestens zwei große Entwicklungsrichtungen, innerhalb derer DNAChips als Microarrays realisiert werden. Eine Forschungsrichtung wird maßgeblich von der Firma Affymetrix
(Santa Clara, USA) bestimmt, die mit - aus der Computerindustrie stammenden - lithografischen Verfahren und
einer lichtgerichteten DNA-Synthese Raster aus vielen verschiedenen einzelsträngigen DNA-Molekülen auf
Siliziumoberflächen erzeugt. Die auf der Siliziumoberfläche synthetisierten DNA-Sonden sind typischerweise
sehr kurz und weniger als 25 Nukleotide lang. Der Rekord liegt bei einer Dichte von circa 30 000 Sonden auf
einem quadratischen Träger mit einer Kantenlänge von 1,28 cm.
Nach der Hybridisierung mit fluoreszenzmarkiertem DNA-Material leuchten verschiedene Punkte in dem
erzeugten Raster auf. Durch die Information darüber, welche DNA-Sequenz durch einen leuchtenden Punkt im
Raster repräsentiert wird, lassen sich beispielsweise Mutationen oder genetische Defekte durch An- oder
Abwesenheit des leuchtenden Signals eindeutig bestimmen.
Die zweite Forschungsrichtung unterscheidet sich vom Affymetrix-Ansatz im wesentlichen dadurch, daß die auf
der Oberfläche immobilisierten DNA-Fragmente mit bis zu mehreren tausend Nukleotiden erheblich größer sind.
Im Gegensatz zur lichtgerichteten In-situ-Synthese auf der Siliziumoberfläche werden diese Sonden vor der
Immobilisierung hergestellt und danach mit hochpräzisen Robotern auf Oberflächen wie Nylon, Glas oder
Silizium aufgebracht. Dabei können simultan mehrere 10 000 spezifische DNA-Fragmente parallel auf einer
Fläche immobilisiert werden, die dann in einem einzigen Experiment eine Antwort darüber geben, ob und wie
stark die korrespondierenden Gene in einem bestimmten Zellzustand exprimiert sind.
Dies ist von essentieller Bedeutung für die im Feld der Biotechnologie boomende Forschungsrichtung der
Pharmakogenetik. So wird es mit hochdichten DNA-Chips beispielsweise möglich, die Regulation einer Vielzahl
von Genen oder aller Gene eines Organismus vor und nach Gabe eines Medikamentes zu untersuchen.
Verwendung komplementärer Techniken
Die zur Zeit etablierten Techniken arbeiten durchaus komplementär. Es ist nicht vorhersehbar, ob sich eine der
Technologien in wenigen Jahren durchgesetzt haben wird. In einen vernünftigen biologischen Kontext gestellt,
vermögen DNA-Chips signifikante quantitative Informationen über wichtige zelluläre Prozesse zu liefern. In der
Forschung werden diese Techniken unter anderem bereits für die Bestimmung der Regulationsfaktoren des
Brustkrebsgens BRCA1 und im Bereich der HIV-Diagnostik eingesetzt. Da die in diesen Experimenten erzielten
Ergebnisse sehr vielversprechend aussehen, ist die Zulassung der Verfahren für diagnostische Zwecke in den
USA beantragt.
Holger Eickhoff
Anschrift des Verfassers: Dr. Holger Eickhoff, Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik, Ihnestraße 73,
14195 Berlin, Tel 0 30/84 13 14 05, Fax 84 13 13 80, E-Mail eickhoff@mpimg-berlin-dahlem.mpg.de
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