RECHTSREPORT

Stammzellentransplantation bei einer 72-Jährigen

Dtsch Arztebl 2013; 110(31-32): A-1525 / B-1345 / C-1329

Berner, Barbara

Auch eine 72-Jährige hat Anspruch auf Kostenübernahme bei einer stationären Behandlung für eine allogene Stammzellentransplantation. Dies hat das Sozialgericht (SG) Hamburg entschieden. Die Versicherte litt an einer Reifungsstörung der Blutzellenreihen im Knochenmark. Nachdem die Erkrankung in eine akute Leukämie überging, stellte das Krankenhaus die Indikation für eine Stammzellentransplantation. Die Übernahme der Behandlungskosten wurde von der Krankenkasse abgelehnt mit dem Hinweis, das Verfahren sei für eine 72-Jährige nicht ausreichend erprobt und nur im Rahmen einer klinischen Studie durchführbar.

Nach Auffassung des Gerichts ist allein entscheidend, ob die Krankenbehandlung im Einzelfall medizinisch erforderlich sei. Dabei ist das Gericht dem Gutachten des medizinischen Sachverständigen gefolgt, wonach für die Patientin eine therapeutische Alternative mit vergleichbaren Erfolgsaussichten vorlag. Aus der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, wonach sich aus dem Recht auf Leben und körperlicher Unversehrtheit ergebe, dass bei Vorliegen einer lebensbedrohlichen Erkrankung auch neue Behandlungsmethoden von den Kassen zu bezahlen seien, wenn eine allgemein anerkannte Behandlung nicht zur Verfügung stehe und durch die neue Behandlungsmethode eine nicht ganz fernliegende Aussicht auf Heilung oder wenigstens spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf bestehe, kommt es im vorliegenden Fall aber nicht an. Vielmehr ist die streitige stationäre Behandlung medizinisch erforderlich und entspricht dem allgemeinen Stand der medizinischen Erkenntnisse. Die allogene Stammzelltherapie ist keine Behandlungs- und Untersuchungsmethode, sondern ein hochentwickeltes und in allen wesentlichen Teilschritten standardisiertes Behandlungsverfahren. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass die Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie als Korridor für eine obere Altersgrenze den Bereich von 60 bis 70 Jahren angeben und das Alter der Patientin die Empfehlung um zwei Jahre überstieg. Diese S1-Leitlinien sind nicht als verbindliche Vorgabe, sondern als systematisch entwickelte, wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Entscheidungshilfen zu verstehen, die als Orientierungshilfen dienen. Von diesen kann in begründeten Fällen abgewichen werden. Dass die Überschreitung der Richtwerte hinsichtlich des Alters der Patientin kein Ausschlusskriterium für die Knochenmarkstammzellentransplantation darstellt, zeigen auch vom Gutachter dargelegte Zahlen des Europäischen Krebsregisters, wonach 2011 bereits 16 Prozent aller allogenen Stammzelltherapien bei Patienten in der oben genannten Altersgruppe der Versicherten durchgeführt wurden. Die geplante Behandlung entspricht demnach dem Stand der medizinischen Erkenntnisse. (SG Hamburg, Urteil vom 17. Januar 2013, Az.: S 35 KR 118/10) RAin Barbara Berner

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