POLITIK

US-amerikanisches Gesundheitswesen: Fast jeder Zweite ist Organspender

Dtsch Arztebl 2013; 110(42): A-1942 / B-1718 / C-1682

Schmitt-Sausen, Nora

In den USA wird jeder Bürger, der einen Führerschein macht oder neu beantragt, automatisch gefragt, ob er zum Spenden bereit sei.

Mehr als 100 Millionen US-Amerikaner sind registrierte Organspender. Dennoch ist der Mangel an Organen auch jenseits des Atlantiks groß.

Wie in Deutschland ist in vielen europäischen Ländern die Organspendebereitschaft niederschmetternd gering. Nicht so in den USA. 45 Prozent der erwachsenen Bevölkerung der Vereinigten Staaten sind bereit, sich nach ihrem Tod Organe entnehmen zu lassen. In Zahlen heißt das: 108 von 240 Millionen amerikanischen Erwachsenen sind registrierte Spender (Stand: 2012, Quelle: Donate Life America).

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Große Aufklärungskampagne

Der Erfolg kam nicht über Nacht. Seit vielen Jahren arbeiten die USA massiv daran, ihre Bürger als Spender zu gewinnen. 1996 wurden auf Geheiß des amerikanischen Kongresses Informationen zur Organspende an 70 Millionen Haushalte verschickt. 2001 initiierte der damalige Gesundheitsminister Tommy Thompson die große Aufklärungskampagne „Gift of Life“. Es wurde stark in die Infrastruktur des amerikanischen Spender- und Transplantationssystems investiert. Einflussreiche Allianzen nationaler und regionaler Organisationen sorgen seit 2006 dafür, die Amerikaner für das Thema zu sensibilisieren.

Die Initiativen zeigen Wirkung. Innerhalb weniger Jahre ging die Zahl der registrierten Spender deutlich nach oben: 69,3 Millionen im Jahr 2007, 94,6 Millionen im Jahr 2010. Ein Meilenstein wurde 2011 erreicht. Die USA überschritten die 100-
Millionen-Spender-Marke. Das Ziel, die Zahl der registrierten Spender bis Ende 2012 auf 120 Millionen zu vergrößern, konnte allerdings nicht erreicht werden.

Ihr Ja oder Nein zur Organspende geben die Amerikaner unbürokratisch. Jeder Bürger, der einen Führerschein macht oder neu beantragt, wird automatisch gefragt, ob er zum Spenden bereit sei. Mehrere Millionen Amerikaner werden auf diese Weise jährlich vor die Wahl gestellt. Bei positiver Antwort wird auf dem Führerschein gut sichtbar ein kleines rotes Herz abgebildet.

Das Land kann sich auf der vergleichsweise hohen Spenderbereitschaft allerdings nicht ausruhen. Im Gegenteil: Der Bedarf an Organen kann nicht annähernd gedeckt werden. Die Warteliste steigt seit Jahren rapide an und dies deutlich schneller als die Spenderrate. Viele Gesundheitsexperten sehen im Organmangel eine „nationale Krise“. Aktuell warten in den USA 120 000 Menschen auf ein Organ. Im Durchschnitt sterben täglich 18 Amerikaner, weil sie vergeblich auf eine Spende hoffen. Alle zehn Minuten wird ein neuer Name auf die Warteliste gesetzt. Am dringendsten benötigt werden Nieren. Statistisch betrachtet kommen in den USA auf eine Million Einwohner 26 Organspender, in Deutschland sind es nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation 14,7 (Stand 2011). Im Jahr 2012 haben nach offiziellen Angaben 28 000 Amerikaner ein fremdes Organ erhalten.

Die Suche nach neuen Mobilisierungswegen geht weiter: Im vergangenen Frühjahr sorgte eine Aktion des Social Media-Riesen Facebook für Schlagzeilen. Facebook kreierte ein Tool, um den persönlichen Spenderstatus mit seinen Freunden teilen zu können und sich auf einfache Weise mit offiziellen Registrierungsstellen zu verlinken. Das Ergebnis: Allein am ersten Tag des Experiments ließen sich mehr als 13 000 US-Bürger online als Organspender registrieren. „So etwas haben wir noch bei keiner Kampagne zur Steigerung der Spenderzahlen erlebt“, analysierte Andrew Cameron von der Johns-Hopkins-Universität, die an der Aktion beteiligt war. Die Forscher sehen in Social Media-Kampagnen Potenzial, um mehr Amerikaner zur Organspende zu motivieren.

Kontroverse Vorschläge

Zu den weitaus kontroverseren Vorschlägen, wie man den Organmangel im Land bekämpfen kann, zählt, ob es Gefangenen erlaubt werden sollte, Organe zu spenden. Dies ist im überwiegenden Teil des Landes verboten. Immer wieder wird auch die Option diskutiert, Familien von Verstorbenen Geld zu zahlen, wenn sie der Organentnahme bei ihrem Angehörigen zustimmen.

Einige wohlhabende Amerikaner verlassen sich jedoch nicht auf solche und ähnliche Initiativen. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und reisen zur Organ-Transplantation ins Ausland.

Nora Schmitt-Sausen

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