POLITIK

Arzt-Patient-Beziehung: Vertrauen über Jahrzehnte weggespart

Dtsch Arztebl 2013; 110(42): A-1940 / B-1716 / C-1680

Ankowitsch, Eugenie

Vor rund 20 Jahren hielt der Wettbewerb in das deutsche Gesundheitswesen Einzug. Jahre später offenbart sich eine Nebenwirkung: Neben Kosten wurde auch das Vertrauen in die Arzt-Patient-Beziehung weggespart.

Kann ich meinem Arzt vertrauen oder nicht? Ist die Therapie sinnvoll oder durch wirtschaftliche Interessen bestimmt? Diese Frage stellen sich inzwischen offenbar einige Patienten. „Viele Menschen in Deutschland bekommen geradezu Angstzustände bei dem Gedanken, ins Krankenhaus zu müssen“, behauptete Sonia Mikich auf einer Tagung der Robert-Bosch-Stiftung zum Thema „Das Patienten-Arzt-Verhältnis im Schatten des Marktes“ in Berlin. Der Fernsehjournalistin jedenfalls ist im Laufe ihrer Leidensgeschichte „das Urvertrauen in Andere“ abhanden gekommen. Mit diffusen Bauchschmerzen wird sie im Sommer 2011 in ein Krankenhaus eingeliefert und erlebt einen Strudel aus Diagnosen, Operationen, Bevormundung, mangelnder Information und Kontrollverlust – ihren „persönlichen Ground Zero“, wie sie es nennt.

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Der Fehler liegt im System

Mikich ist sich sicher, dass sie nicht einfach nur Pech gehabt hat. „Alle Gespräche und Korrespondenzen zu diesem Thema haben denselben Kammerton: Im Krankenhaussystem läuft etwas gewaltig schief“, sagte sie. Der Journalistin geht es, wie sie sagt, nicht um „Ärzte-Bashing“. Sie sieht den Fehler im System. Einem System, das „paradoxerweise auf der einen Seite finanzielle Anreize für ein Übermaß an medizinischen Leistungen bietet und andererseits durch Budgetierung verhindert, dass alle Patienten eine sinnvolle und notwendige Behandlung erhalten“, sagte Prof. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung. Einem System, das die Basis einer jeden Behandlung, nämlich die Patienten-Arzt-Beziehung, ins Wanken bringt.

Viele Patienten fühlen sich entmündigt und allein gelassen mit der Unsicherheit, wie es weitergeht. Ärzte, die ihre Profession mit dem Anspruch antreten, Menschen zu heilen und Leben zu retten, sind mitunter überfordert und fügen sich resigniert den ökonomischen Zwängen. Das ist die vorläufige Bilanz einer Entwicklung, die nach Ansicht Jüttes ihren Anfang vor 20 Jahren genommen hat.

Mehr Markt und Wettbewerb

Tatsächlich markierte das Gesundheitsstrukturgesetz aus dem Jahr 1992 einen gesundheitspolitischen Paradigmenwechsel, mit dem verstärkt wettbewerbliche Steuerungsinstrumente in das Gesundheitswesen eingeführt wurden. „Besonders unglücklich war es, dass im Vorfeld eine relevante gesellschaftliche Debatte über die Einführung des Wettbewerbs in das deutsche Gesundheitswesen nicht stattgefunden hat“, kritisierte Dr. Wolfgang Klitzsch, Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein.

Das Gesetz von 1992 schaffte die Grundlage für einen weiteren bedeutenden Einschnitt im Gesundheitswesen: Die Einführung der Diagnosis Related Groups, kurz DRGs, für den klinischen Bereich zehn Jahre später im Jahr 2003. „Im DRG-System ist jede Lücke im organisatorischen Ablauf, die früher auch der Begegnung, der Kommunikation und der Begleitung gewidmet werden konnte, unter dem Gesichtspunkt eindimensionaler Effizienzsteigerung verschwunden“, sagte Klitzsch.

Aus Sicht des Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, reicht die Entwicklung hin zu mehr Markt und Wettbewerb im Gesundheitswesen noch weiter zurück, in die 70er Jahre. Mit den späteren Reformen hätten sich die Prozesse lediglich bestätigt und intensiviert. Er warnte aber davor, die Ökonomie grundsätzlich zu verteufeln. „Es ist naiv, einer vernunftorientierten Ökonomie ihre Berechtigung abzusprechen. Ohne Ökonomie kann es keine gute Medizin geben“, sagte der BÄK-Präsident bei der Tagung der Robert-Bosch-Stiftung.

Montgomery identifizierte aber auch mit der Ökonomisierung verbundene Tendenzen, die seiner Ansicht nach zu einer Deprofessionalisierung des Arztberufs führen und die von Vertrauen und Verantwortung geprägte Patienten-Arzt-Beziehung zerstören würden.

Zeit für den Patienten

Die Chance, die Patienten-Arzt-Beziehung schlagartig zu verbessern, sieht Sonia Mikich im Gespräch. „Gute Ärzte sind nicht Bausteine eines wirtschaftlich getriebenen Systems. Beratung sollte das Fundament ihres Handelns sein. Das heißt: ausreichend Zeit zu investieren und sich der faktischen Asymmetrie zwischen Arzt und Patient bewusst sein“, forderte sie. Solange aber vor allem Operationen am besten vergütet würden, werde die Zeit dort eingespart, wo sich am wenigsten verdienen lässt: beim Patientengespräch.

Eugenie Ankowitsch

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