POLITIK

Gescheitertes Präventionsgesetz: Ein neuer Anlauf lohnt sich

Dtsch Arztebl 2013; 110(43): A-2004 / B-1771 / C-1734

Kunstmann, Wilfried

Es gab gute Ansätze im Gesetzentwurf, die bei einem neuen Gesetzgebungsverfahren berücksichtigt werden könnten.

Auf den letzten Metern der zurückliegenden Legislaturperiode ist das Gesetz zur Förderung der Prävention im Bundesrat gescheitert. Es sah vor, die Mittel für primärpräventive Maßnahmen von derzeit etwa 210 auf 500 Millionen Euro pro Jahr aufzustocken (von 3,02 auf sieben Euro je Versicherten). Insbesondere hätte sich damit das Ausgabenvolumen für die primäre Prävention in Lebenswelten von derzeit real 23 auf 140 Millionen Euro und das für die betriebliche Gesundheitsförderung von bislang 42 auf ebenfalls 140 Millionen Euro erhöht. Der Gesetzentwurf zielte auf eine stärkere Orientierung von Präventionsmaßnahmen an konsentierten Gesundheitszielen, eine Zertifizierung der verhaltensbezogenen Angebote durch die Krankenkassen, eine bessere Steuerung über ärztliche Präventionsempfehlungen sowie eine Koppelung von Bonusleistungen an den Erfolg der Maßnahmen.

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Insbesondere die ärztliche Präventionsempfehlung war von der Bundesärztekammer begrüßt worden. Schließlich werden die Präventionskurse der Krankenkassen bislang überwiegend von finanziell weniger bedürftigen Gesundheitsbewussten genutzt. Die Kurse sind vor allem zu einem Marketing-Instrument im Kassenwettbewerb geworden, über das sich günstige Versicherungsrisiken binden oder anziehen lassen. Mit der ärztlichen Präventionsempfehlung könnte hingegen eine zielgruppengenauere Steuerung zu den Präventionskursen erreicht werden. Schichtenunabhängig suchen mehr als 80 Prozent der Versicherten mindestens einmal pro Jahr ihren Arzt auf, wodurch eine gute Ansprachemöglichkeit für Prävention gegeben ist.

Des Weiteren lassen sich durch eine Ankoppelung der Präventionsempfehlung an die bestehenden Kinder-Vorsorgeuntersuchungen gesundheitlich belastete Kinder und Jugendliche frühzeitig erreichen. Eine Ausweitung der Kinderuntersuchungen bis zum vollendeten 10. Lebensjahr, wie im gescheiterten Gesetzentwurf vorgesehen, könnte ebenfalls in diesem Sinne Wirkung entfalten.

Bei einem nächsten Anlauf für ein Präventionsgesetz ist es nach Ansicht der Bundesärztekammer (BÄK) unerlässlich, den Arzt als Experten für Prävention zu stärken. Auch sollte an der im gescheiterten Entwurf vorgesehenen quantitativen und qualitativen Ausweitung der Kinderuntersuchungen sowie der Gesundheitsuntersuchungen für Erwachsene festgehalten werden. Die Präventionsempfehlung durch Haus-, Kinder- wie auch Betriebsärzte, die auf zuvor entdeckten gesundheitlichen Belastungen aufsetzt, würde darüber hinaus eine bessere Verzahnung ärztlicher Präventionsmaßnahmen mit den Kursangeboten der Krankenkassen ermöglichen. Diese wiederum sollten zukünftig einer stärkeren externen Qualitätskontrolle unterzogen werden.

Für Änderungen des Gesundheitsverhaltens bedarf es der Information, Beratung und Motivation auf der einen und unterstützender Lebenswelten auf der anderen Seite. Verhalten und Lebensverhältnisse bedingen sich gegenseitig. Der Arzt kann in der Prävention die Funktion eines Gesundheitsberaters und -coaches wahrnehmen, der eng mit anderen Diensten kooperiert. Ein entsprechendes Fortbildungs-curriculum wird von verschiedenen Landesärztekammern seit 2008 angeboten.

Dr. rer. medic. Wilfried Kunstmann
Bundesärztekammer

„Ärzte können Menschen motivieren“

Auf dem BÄK-Symposium zur Versorgungsforschung „Prävention: Wirksamkeit und Stellenwert“ betonte die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK) die Rolle des Arztes für die Gesundheitsförderung. „Durch Ärzte lassen sich auch die Menschen motivieren, die die Gesundheitsförderung bislang nicht nutzen – entweder, weil sie sich keine Gedanken über ihre Gesundheit machen, oder weil sie glauben, sich Präventionsangebote nicht leisten zu können“, sagte Dr. med. Martina Wenker am 11. Oktober in Berlin. Zudem habe der Arzt auch die Möglichkeit abzuklären, welches Präventionsangebot für den einzelnen sinnvoll sei – denn nicht alles, was vermeintlich gesundheitsfördernd sei, fördere wirklich die Gesundheit. Wenker betonte zudem, dass die bereits implementierten Präventionsangebote evaluiert werden müssten. Denn es mangele nicht an Angeboten, sehr wohl aber an einer nachgewiesenen Wirksamkeit.

Ein Beispiel nannte Prof. Dr. med. Ute Thyen von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein: „Wir wissen nicht genau, was während der Früherkennungsuntersuchungen für Kinder passiert“, sagte das Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK. Doch es müsse etwas Positives sein, denn die Akzeptanz der Untersuchungen sei sehr hoch. Um die Wirkfaktoren zu verstehen, bedürfe es einer Evaluation der Untersuchungen. Das Problem sei jedoch, dass niemand eine Studie finanzieren werde, die über 25 Jahre laufe. „Deshalb müssen wir die Routinedaten der Krankenkassen nutzen“, so Thyen. „Und wir brauchen zumindest eine gute Prozessevaluation.“

Die Prävention sei in Deutschland ein noch weitgehend unkoordiniertes Geschehen, das auf verschiedene Akteure, auf Krankenkassen, Bundesländer oder medizinische Einrichtungen verteilt sei, befand Dr. Wolfgang Haß von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Problematisch sei zudem, dass sich randomisierte, kontrollierte Studien, der Goldstandard in der Medizin, nur begrenzt auf die Prävention übertragen ließen. Es müsse jedoch auch nicht immer der Goldstandard sein, meinte Haß. So könnten in der Prävention, je nach Untersuchungsgegenstand, auch andere Studientypen die besten sein. fos

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