THEMEN DER ZEIT

Organspende in Deutschland: Wege aus einer angespannten Situation

Dtsch Arztebl 2013; 110(45): A-2118 / B-1872 / C-1826

Siegmund-Schultze, Nicola

Die Rate der postmortalen Organspenden ist seit Bekanntwerden schwerer Regelverstöße gesunken. In der Debatte um Wege aus der Krise werden nun Grundsatzfragen wieder intensiv thematisiert.

Foto: laif

Als das erste deutsche Transplantationsgesetz 1997 in Kraft trat, hatte die postmortale Organspende mit 12,5 Spendern pro Million Einwohnern einen Tiefstand erreicht. Das Gesetz sollte Sicherheit schaffen in medizinethischen Kernfragen und das Vertrauen in die Transplantationsmedizin verbessern – der Beginn einer neuen Ära. Nur langsam stieg die Zahl der postmortalen Organspender, sie blieb aber mit maximal 16 Spendern pro Million Einwohnern im Vergleich zu anderen europäischen Ländern immer im unteren Mittelfeld. Dann traten 2012 erstmals größere Gesetzesänderungen in Kraft: die Entscheidungslösung, bei der die Bevölkerung regelmäßig schriftlich über Organtransplantation informiert und gebeten wird, sich zur Frage der Organspende zu erklären. Ziel sei, die Bereitschaft zur Organspende zu fördern (1). Eine weitere wichtige Änderung: die flächendeckende Implementierung von Transplantationsbeauftragten an Kliniken mit postmortalen Spendern.

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In dieser neuen Ära gilt vielen nun der 16. Juli vergangenen Jahres als Stunde null. Damals erfuhren die Mitglieder der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) bei der 21. Jahrestagung in Berlin von systematischen Verstößen gegen Richtlinien zur Transplantation.

Starke Auffälligkeiten

Die Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) bei der Bundesärztekammer (BÄK) hatte am Universitätsklinikum Göttingen falsche Angaben zum Krankheitszustand und zu den Laborwerten von Leberkranken festgestellt, offenbar mit dem Ziel, dass eigene Patienten bei der Zuteilung von postmortalen Organen bevorzugt würden. Von Auffälligkeiten bei 26 von 91 Organempfängern war die Rede, eine bis dahin in Deutschland unbekannte Größenordnung systematischer Regelverstöße.

Politik und Ärzteschaft reagierten damals prompt. Im August 2012 vereinbarte das Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam mit allen an der Transplantationsmedizin beteiligten Institutionen und Organisationen einen Katalog von Sofortmaßnahmen, darunter die Prüfung aller 24 Lebertransplantationsprogramme. Anfang September diesen Jahres machte die PÜK ihren Bericht öffentlich (2, 3). Bei 218 der 1 180 geprüften von insgesamt 2 303 Lebertransplantationen (meist 2010/11) stellten die Kommissionen schwerwiegende Richtlinienverstöße fest. Betroffen waren lediglich vier Zentren: die Universitätskliniken Leipzig, München rechts der Isar, Münster und Göttingen. Dort hatte sich die Zahl der Verstöße von 26 auf 79 von 105 geprüften Fällen erhöht.

Nachdem über die Ereignisse berichtet wurde und Staatsanwaltschaften ermittelten, zeigten mehrere Umfragen in der Bevölkerung, dass die Zustimmung zur Organspende sank. Die Zahl der postmortalen Organspender nahm im August und September 2012 sprunghaft ab, sie sank über das gesamte Jahr um 12,8 Prozent im Vergleich zu 2011 und könnte sich in diesem Jahr Hochrechnungen zufolge noch einmal um 14 Prozent im Vergleich zu 2012 vermindern, wie Dr. jur. Rainer Hess, Interimsvorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), jetzt beim 22. DTG-Kongress in Frankfurt/Main berichtete (Grafik 1). Den starken Abfall führt die DSO im Wesentlichen auf das Bekanntwerden von Fehlverhalten zurück, das sowohl die allgemeine Öffentlichkeit wie das Klinikpersonal beeinflusst haben könnte: „Es hat weniger Zustimmung bei den Angehörigen gegeben, aber auch weniger Meldungen aus den Kliniken“, sagt Birgit Blome, Sprecherin der DSO.

Grafik 1
Postmortale Organspender in Deutschland (Veränderungen zum Vorjahr in %)

Die Rate postmortaler Organspender hatte schon 2012 mit 12,8 Spendern pro Million Einwohner etwa den Stand von 1997 erreicht, am Ende dieses Jahres könnte sie möglicherweise darunter liegen. Erhöht hat sich die Zahl der pro Spender entnommenen und transplantierten Organe, berichtet Hess: auf durchschnittlich 3,5 pro Spender.

„Der Transplantationsskandal hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie dramatisch die Organspendebereitschaft durch Missstände und Fehlverhalten an einzelnen Zentren beeinflusst werden kann“, sagte Priv.-Doz. Dr. med. Frank Ulrich, Universitätsklinik Frankfurt/Main, einer der beiden Tagungspräsidenten. Es gelte, das Vertrauen von Bevölkerung und Patienten zurückzugewinnen und zu festigen: mit Qualität und Transparenz.

Über das Spannungsfeld zwischen den vertrauensfördernden Effekten, die eine Offenlegung von Prüfergebnissen zu Regelkonformität und Versorgungsqualität einzelner Zentren haben kann, und dem Risiko einer rufschädigenden Wirkung für Ärzte oder einzelne Krankenhäuser wird in der Transplantationsmedizin seit langem diskutiert.

„Man hätte auch innerhalb der Fachgesellschaft früher aktiv und offener über Fehlverhalten diskutieren und reagieren müssen“, meint der Vorsitzende der Ethikkommission der DTG, Prof. Dr. med. Richard Viebahn vom Knappschaftskrankenhaus in Bochum. Zugleich drohe das Fachgebiet durch zunehmenden Regulierungsdruck in einem hochkomplexen Alltag für den ärztlichen Nachwuchs unattraktiv zu werden.

Ursachenforschung nötig

Ein Teil der DTG-Mitglieder hätte jetzt, ein Jahr nach Bekanntwerden vermutlich gravierenden Fehlverhaltens, gern über Art, Ursachen und Folgen der Richtlinienverstöße im offiziellen Rahmen der Jahrestagung intensiver diskutiert. Der DTG-Vorstand verwies auf Stellungnahmen der Fachgesellschaft, zum Beispiel vom Anfang des Jahres: Es müsse „ergründet werden, warum gegen die Regeln und ethischen Grundsätze in der Transplantation im jetzt sichtbaren Ausmaß verstoßen werden konnte, ohne dass dies zu früherem Zeitpunkt auffallen musste“, heißt es dort (4). Derzeit ruht die DTG-Mitgliedschaft bei zehn Personen.

Aufarbeitung der Verstöße

„Es erstaunt mich, dass der Aufarbeitung des Transplantationsskandals beim Jahrestreffen nicht viel Raum gegeben wurde, denn auch ein Teil von uns Ärzten ist verunsichert“, sagt ein Transplantationsmediziner, der in einer universitätsmedizinischen Kommission mögliches Fehlverhalten geprüft hatte. Gerade darin, dass viele von ihnen als Gutachter oder in Untersuchungsgremien arbeiten oder tätig waren, sahen andere einen Hinderungsgrund für die Debatte: wegen der geforderten Neutralität in laufenden Verfahren und möglicherweise unbedachten Äußerungen in einer spontanen Diskussion.

Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation (StäKO) bei der BÄK, Prof. Dr. jur. Hans Lilie von der Universität Halle, kündigte nächste Schritte der StäKO im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Richtlinienverstöße an: Die StäKO werde in Kürze in einer zweitägigen Klausurtagung zusammen mit betroffenen Zentren und externen Experten wissenschaftliche Fragestellungen bestimmter Richtlinienverstöße aufarbeiten und daraus gewonnene Erkenntnisse in die Weiterentwicklung von Richtlinien einfließen lassen. Die Richtlinienarbeit gehöre zum Aufgaben- und Kompetenzbereich des Gremiums, nicht aber deren Auslegung in Einzelfällen, zu denen die StäKO in der letzten Zeit vermehrt Anfragen erhalten habe, erklärte Lilie. „Diesen ärztlichen Verantwortungsbereich kann und möchte die StäKO nicht übernehmen“, sagte Lilie, die Fragen gehörten in die interdisziplinären Transplantationskonferenzen. Grundsätzlich aber müsse die Transplantationsmedizin anerkennen, dass im Gegensatz zu anderen Fachgebieten hier der Arzt nicht die Freiheit habe zu entscheiden, zu welchem Zeitpunkt er die dem Patienten zugedachte Behandlung vornimmt. Viebahn regt an, künftig für Fallkonstellationen, bei denen eine von den Richtlinien abweichende Indikationsstellung sinnvoll sein könnte, externe Audits oder Transplantationskonferenzen einzurichten. So könnten Ausnahmeentscheidungen nachvollziehbar gemacht werden, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt.

Ethikkodex verabschiedet

Die Notwendigkeit, sich strikt an die Regeln zu halten, aber auch Transparenz und die sachgerechte Information der Öffentlichkeit sind Kernpunkte eines von der DTG-Ethikkommission erarbeiteten Transplantationskodex, den die Mitglieder nun verabschiedet haben. Der Kodex vermerkt auch, dass vor Abschluss der Hirntoddiagnostik keine speziellen Maßnahmen erfolgen dürfen, die ausschließlich das Ziel einer Organentnahme oder -allokation haben.

Der Kodex weist außerdem auf Perspektiven hin, die vor dem Hintergrund des eklatanten Organmangels vermehrt diskutiert werden: Die Lebendspende sei zwar dem Gesetz nach subsidiär zur postmortalen Spende. Der Mangel an Organen aber – für postmortale Nieren beträgt die durchschnittliche Wartezeit fünfeinhalb Jahre – und die demografische Entwicklung könnten zur Neubewertung führen. Dies dürfte vor allem bei Nieren eine Option sein (Grafik 2). Zur besseren Einschätzung von Spenderrisiken nach Nephrektomie untersucht ein neuer Forschungsverbund klinische und pychosoziale Ergebnisse bei Spendern unter Einschluss von Daten, die vor der Nephrektomie erhoben werden (5).

Grafik 2
Anteil der Lebendspenden an den Nierentransplantationen in Deutschland

Es müsse intensiver aber auch über Lebendspenden von Teilen nicht paariger Organe wie der Leber nachgedacht werden, fordert Prof. Dr. med. Peter Neuhaus von der Charité Berlin. Und die Abwägung zwischen Dringlichkeit und Erfolgsaussicht bei der Leberallokation bedürfe dringend einer Neubewertung. Dafür hatten kürzlich auch Experten bei einer Anhörung des Deutschen Ethikrats plädiert.

Offenbar sehen sich Ärzte angesichts des Organmangels, des steten Trends zu einem größer werdenden Anteil von vorgeschädigten postmortalen Organen und einer stärkeren Gewichtung der Dringlichkeit gegenüber der Erfolgsaussicht der Behandlung zunehmend im Spagat, wenn sie über die Aufnahme von Patienten auf die Warteliste entscheiden sollen oder darüber, ob ein konkretes Organangebot für einen bestimmten Patienten geeignet ist.

Kritik an Allokationskriterien

Die aktuellen Entwicklungen führen bei den Lebertransplantationen zu einem deutlichen Rückgang der Kurzzeitergebnisse, aber auch des Langzeitüberlebens in Deutschland (6, 7). Hatten vor 20 Jahren an der Charité Berlin transplantierte Patienten, die zum Zeitpunkt der Operation älter als 55 Jahre waren, ein vergleichbares 20-Jahresüberleben wie eine gematchte Kontrollgruppe der Normalbevölkerung, dürften die Ergebnisse künftig deutlich schlechter ausfallen, heißt es in der Zusammenfassung einer aktuellen Auswertung der Charité von insgesamt 313 Patienten (8). Für die schlechter werdenden Ergebnisse seien das bei der Leberallokation dominierende Kriterium der Dringlichkeit und die „politisch gewollte ‚Entmachtung’ der Chirurgen bei der Auswahl und beim ‚Matching’ von Spender und Empfänger verantwortlich“. DTG-Generalsekretär Prof. Dr. med. Bernhard Banas aus Regensburg wollte offenbar bei diesen Diskussionen Missverständnissen vorbeugen: Die Problematik könne jedenfalls nicht zum „Vorbeiarbeiten“ am Transplantationsgesetz führen.

Die Transplantationsmediziner – das wurde bei der DTG-Tagung deutlich – setzen große Hoffnungen auf die Implementierung eines nationalen Transplantationsregisters, einer einheitlichen und umfassenden Datenerhebung im gesamten Prozess. Bis Ende des Jahres soll dem Bundesministerium für Gesundheit dazu ein Gutachten vorliegen. Eine gesetzliche Verankerung wird erwartet (9). Nur eine umfassende wissenschaftliche Datenbasis könne Grundlage sein für die Gerechtigkeitsfrage, anhand welcher Kriterien Erfolg zu messen und zu bewerten sei, sagte Prof. Dr. med. Christian P. Strassburg von der Universität Bonn: Sollte sich der Erfolg an der unmittelbaren Lebensrettung, an der erwarteten Überlebenszeit, der Lebensqualität, dem individuellen oder dem systemischen Nutzen orientieren? Fragen, die die Gesellschaft beantworten müsse.

Erstmals in Deutschland gibt es zur Gewichtung der Erfolgsaussicht gegenüber der Dringlichkeit eine Umfrage in der Bevölkerung, wenn auch als Pilotstudie mit 200 Besuchern einer Ambulanz am Klinikum rechts der Isar, TU München (10). Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass ähnlich wie in anderen Ländern Chancengleichheit oberste Priorität hat und bei der Frage nach gerechter Zuteilung von Organen die unmittelbare Lebensrettung. 69 Prozent bejahten die Aussage: „Die Abwendung der unmittelbaren Lebensgefahr (Dringlichkeit) ist ein wichtigeres Argument als die langfristigen Erfolgsaussichten.“ 57 Prozent lehnten die Aussage ab, rare Spenderorgane sollten nicht an Kranke vergeben werden, bei denen das Ergebnis unsicher ist. 78 Prozent stimmten dem Satz zu: Patienten ohne andere Überlebenschance sollten, auch wenn die Hälfte dennoch sterben wird, vordringlich transplantiert werden, da jeder eine Überlebenschance erhalten soll.

„Der Trans­plantations­mediziner hat nicht die Frei­heit zu ent­schei­den, zu welchem Zeit­punkt er die Be­hand­lung vor­nimmt.“ Hans Lilie, Jurist, Universität Halle

Um Fragen, ob mögliche Verstöße gegen Richtlinien der BÄK strafrechtliche Relevanz durch Verletzung der Chancengleichheit auf der Warteliste haben können, geht es am Landgericht Göttingen. Dort hat im Sommer der erste Strafprozess im Zusammenhang mit Richtlinienverletzungen begonnen. Dem angeklagten 46-jährigen ehemaligen Oberarzt wird versuchter Totschlag vorgeworfen. In elf Fällen seien Falschangaben zu Patienten gegenüber der Organvermittlungsstelle gemacht und Laborwerte manipuliert worden mit dem Ziel, dass die eigenen Patienten auf der Warteliste für eine Leber nach vorn rückten und schneller ein Organ erhielten. Dadurch habe der Angeklagte bewusst in Kauf genommen, dass andere, schwer kranke Patienten nicht regelkonform bei der Leberallokation berücksichtigt wurden und möglicherweise starben. Dies begründe den Vorwurf des versuchten Totschlags, so die Anklage.

Eine der juristisch interessantesten Kernfragen ist, ob der Straftatbestand des versuchten Totschlags erfüllt sein kann, auch wenn sich aus der Warteliste kein einzelner als Benachteiligter ergibt, sondern sich die Benachteiligten möglicherweise auf eine kleine Gruppe vermutlich Geschädigter eingrenzen lassen (11). Denn die Warteliste hat keine feste Rangfolge, sondern wird zum Zeitpunkt eines Organangebotes in Übereinstimmung mit den ET-Regularien und den nationalen Richtlinien der Mitgliedsländer als sogenannte Match-Liste erstellt.

In drei Fällen wird dem Mediziner – er sitzt seit Januar diesen Jahres in Untersuchungshaft – vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Er habe Lebern transplantiert, obwohl die Indikation gefehlt und es teilweise sogar Kontraindikationen gegeben habe, so die Anklage. Ambulant stabile Organempfänger seien über die ungünstige Nutzen-Risiko-Relation nicht adäquat aufgeklärt worden und an den Folgen der Transplantation gestorben. In diese Richtung zielen auch die drei Nebenklagen ab. Der beschuldigte Arzt dagegen spricht von „schicksalhaft tödlichen Verläufen“. Von mehreren Gutachtern sind erhebliche Zweifel an Indikationen zur Organtransplantation oder am richtigen Zeitpunkt der Behandlung geäußert worden, sie monieren eine teilweise äußerst lückenhafte Dokumentation von Diagnosen und Entscheidungsprozessen, haben aber Probleme, Fragen nach einem Vorsatz direkt zu beantworten.

Ob das Gericht am Ende des auf 42 Verhandlungstage angesetzten Mammutprozesses Vorwürfe im Sinne der Anklage als erwiesene Straftat bewerten wird, ist zur Zeit noch vollkommen offen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

@ Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4513

Diskussionen beeinflussen Intensivärzte

Der Hirntod ist Voraussetzung für die postmortale Organspende in Deutschland. Deshalb kommt Ärzten und Pflegepersonal von Intensivstationen eine Schlüsselrolle bei der Organspende zu. Die Mitte letzten Jahres bekanntgewordenen schweren Richtlinienverstöße könnten die Einstellung des Fachpersonals zur postmortalen Organspende beeinflusst haben, so lautet die Arbeitshypothese von Wissenschaftlern aus dem Bereich Intensivmedizin, Anästhesiologie und Pneumologie.

Vor diesem Hintergrund befragte das Team alle Teilnehmer (n = 4694) des 12. Kongresses der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin im Dezember 2012. 1 045 Fragebögen konnten ausgewertet werden, darunter zwei Drittel von Ärzten.

81 Prozent befürworteten die eigene Organspende im Falle des Hirntods: 84 Prozent der Mediziner und 75 Prozent des Pflegepersonals. Einen Organspendeausweis hatten 47 Prozent des medizinischen und 44 Prozent des pflegerischen Personals. 46 Prozent der Befragten gaben an, bei entsprechender Indikation selbst ein Organ annehmen zu wollen, davon lehnten aber 16 Prozent eine postmortale Spende eigener Organe ab. Hauptgründe waren die Ablehnung des Hirntodkonzepts, Angst vor Missbrauch in der Transplantationsmedizin und die Verletzung des Körpers durch Organspende. Die Diskussionen im vorangegangenen Jahr hatten bei 48 Prozent der Ärzte und 41 Prozent der Pflegekräfte zu einer vorwiegend negativen Veränderung ihrer Einstellung zur Organspende geführt. Als wesentliche Gründe für die geringe postmortale Organspende wurden unzureichende Aufklärung, Organisationsmängel in der Transplantationsmedizin und Ängste genannt. Bessere Informationen – ein Viertel sah hier auch Bedarf für Ärzte –, Transparenz, Vertrauen in gute klinische Praxis und allgemeine Strukturverbesserungen dürften die notwendige Basis für Verbesserungen der Organspende sein, folgern die Autoren (12).

Die Rate der postmortalen Organspenden ist seit Bekanntwerden schwerer Regelverstöße gesunken. In der Debatte um Wege aus der Krise werden nun Grundsatzfragen wieder stärker thematisiert.

1.
Gesetz zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz, vom Juli 2012. Bundesgesetzblatt 2012; 33: 1504–5
2.
Richter-Kuhlmann E: Prüfung der Lebertransplantationszentren. Deutliche Verstöße in vier Zentren. Deutsches Ärzteblatt 2013; 37: A 1663–4 VOLLTEXT
3.
Bundesärztekammer, Berlin: Kommissionsberichte Teile I–IV; 2013; über die Homepage der Bundesärztekammer:
http://www.baek.de
4.
Appell an die Deutsche Transplantationsmedizin. Deutsche Transplantationsgesellschaft. Stellungnahme vom 07.01.2013; www.d-t-g-online.de
5.
Multizentrischer Forschungsverbund zur Untersuchung des Outcomes von Nierenlebendspendern (SOLKID). Burgmer M, Wolters H, Suwelack B, Universitätsklinikum Münster, Kontakt über e-Mail:
lebendspende@ukmuenster.de
6.
Schlitt HJ, Loss M, Scherer MN, et al.: Current developments in liver transplantation in Germany: MELD-based organ allocation and incentives for transplant centres. Z Gastroenterol 2011; 49: 30–8 CrossRef MEDLINE
7.
Seehofer D, Schöning W, Neuhaus P: Lebertransplantation mit postmortalen Organen. Chirurg 2013; 84: 391–7 CrossRef MEDLINE
8.
Schöning W, Büscher N, Rademacher S, Andreou A, Kühn S, Neuhaus R, Guckelberger O, Puhl G, Pascher A, Seehofer D, Neuhaus P: Twenty-year longitudinal follow-up after orthotopic liver transplantation: a single-center experience of 313 consecutive cases. Abstr. V51: 22. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft 24.–26.10.2013 in Frankfurt/Main
9.
Richter-Kuhlmann E: Transplantationsmedizin. Weitere Gesetzesänderungen stehen an. Deutsches Ärzteblatt 2013; 27–28: A 1356 VOLLTEXT
10.
Golluscio R, Tobiasch M, Wagner KS, Umgelter A: Outcome optimization or urgency – what matters more in the allocation of donor livers. A survey among outpatients of a medical university department. Abstr. V32: 22. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft 24.–26.10.2013 in Frankfurt/Main
11.
Siegmund-Schultze N: Strafprozess gegen Transplantationsmediziner. Die Justiz betritt Neuland. Deutsches Ärzteblatt 2013; 31–32: A 1468–9 VOLLTEXT
12.
Söffker G, Bhattarai M, Welte T, Quintel M, Klue S: Einstellung des intensivmedizinischen Fachpersonals zur postmortalen Organspende in Deutschland. Med Klin Intensivmed Notfmed 2013; doi 10.1007/s00063-013-0271-x
Grafik 1
Postmortale Organspender in Deutschland (Veränderungen zum Vorjahr in %)
Grafik 2
Anteil der Lebendspenden an den Nierentransplantationen in Deutschland
1.Gesetz zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz, vom Juli 2012. Bundesgesetzblatt 2012; 33: 1504–5
2.Richter-Kuhlmann E: Prüfung der Lebertransplantationszentren. Deutliche Verstöße in vier Zentren. Deutsches Ärzteblatt 2013; 37: A 1663–4 VOLLTEXT
3.Bundesärztekammer, Berlin: Kommissionsberichte Teile I–IV; 2013; über die Homepage der Bundesärztekammer:
http://www.baek.de
4.Appell an die Deutsche Transplantationsmedizin. Deutsche Transplantationsgesellschaft. Stellungnahme vom 07.01.2013; www.d-t-g-online.de
5.Multizentrischer Forschungsverbund zur Untersuchung des Outcomes von Nierenlebendspendern (SOLKID). Burgmer M, Wolters H, Suwelack B, Universitätsklinikum Münster, Kontakt über e-Mail:
lebendspende@ukmuenster.de
6.Schlitt HJ, Loss M, Scherer MN, et al.: Current developments in liver transplantation in Germany: MELD-based organ allocation and incentives for transplant centres. Z Gastroenterol 2011; 49: 30–8 CrossRef MEDLINE
7.Seehofer D, Schöning W, Neuhaus P: Lebertransplantation mit postmortalen Organen. Chirurg 2013; 84: 391–7 CrossRef MEDLINE
8.Schöning W, Büscher N, Rademacher S, Andreou A, Kühn S, Neuhaus R, Guckelberger O, Puhl G, Pascher A, Seehofer D, Neuhaus P: Twenty-year longitudinal follow-up after orthotopic liver transplantation: a single-center experience of 313 consecutive cases. Abstr. V51: 22. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft 24.–26.10.2013 in Frankfurt/Main
9.Richter-Kuhlmann E: Transplantationsmedizin. Weitere Gesetzesänderungen stehen an. Deutsches Ärzteblatt 2013; 27–28: A 1356 VOLLTEXT
10.Golluscio R, Tobiasch M, Wagner KS, Umgelter A: Outcome optimization or urgency – what matters more in the allocation of donor livers. A survey among outpatients of a medical university department. Abstr. V32: 22. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft 24.–26.10.2013 in Frankfurt/Main
11.Siegmund-Schultze N: Strafprozess gegen Transplantationsmediziner. Die Justiz betritt Neuland. Deutsches Ärzteblatt 2013; 31–32: A 1468–9 VOLLTEXT
12.Söffker G, Bhattarai M, Welte T, Quintel M, Klue S: Einstellung des intensivmedizinischen Fachpersonals zur postmortalen Organspende in Deutschland. Med Klin Intensivmed Notfmed 2013; doi 10.1007/s00063-013-0271-x

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jrentzsch
am Donnerstag, 5. Dezember 2013, 20:56

Mathematik?

Die Interpretation der Grafik 1 ist für mich nicht nachvollziehbar; das sind die Zahlen: 2011 196 weniger, 2012 154 weniger und 2013 146 weniger postmortale Organspender im Vergleich zum Vorjahr. Das bedeutet: 1. bereits vor 2012 gab es einen Abwärtstrend und 2. der Abwärtstrend nimmt ab, statt zu ?

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