POLITIK: Das Interview

Interview mit Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates: „Die Pflegepolitik muss zur Chefsache werden“

Dtsch Arztebl 2013; 110(46): A-2182 / B-1922 / C-1866

Hibbeler, Birgit; Osterloh, Falk; Ollenschläger, Philipp

Fotos: Georg J. Lopata

Zusätzliche Stellen in der Pflege und eine Reform der Ausbildung – das sind Forderungen von Andreas Westerfellhaus an die neue Bundesregierung. Es geht ihm vor allem um mehr Wertschätzung für seine Berufsgruppe.

Sie haben die alte Bundesregierung dafür kritisiert, zentrale Probleme der Pflege nicht angepackt zu haben. Trauen Sie der großen Koalition mehr zu?

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Westerfellhaus: Was bleibt mir anderes übrig? Tatsächlich ist die Hoffnung auf einen Neubeginn mit einer neuen Koalition nicht unberechtigt. Gerade die SPD hat sich im Wahlkampf zu notwendigen Entwicklungen in der Pflege geäußert. Ich hoffe, dass sie nun zu diesen Aussagen auch steht.

Union und SPD sind sich offenbar darüber einig, dass der Beitrag zur gesetzlichen Pflegeversicherung erhöht wird. Ist es richtig, als erstes über Geld zu reden?

Westerfellhaus: Da sprechen Sie einen ganz wunden Punkt an. Bei mir gehen da leider Gottes schon wieder alle Lampen auf Rot. Nicht weil ich verkenne, dass auch eine Finanzierungsregelung wichtig ist. Wenn hier aber schon wieder prioritär über technische Fragen in einem Teilbereich der Pflege gesprochen wird, dann wiederholt sich genau der Fehler, der in den vergangenen Jahren gemacht wurde.

Was müsste die neue Bundesregierung vorrangig anpacken?

Westerfellhaus: Die zentrale Frage ist doch: Wer soll die dringend notwendigen Leistungen erbringen? Wir haben einen eklatanten Fachkräftemangel. Das gilt übrigens nicht nur in der Altenpflege, sondern auch für die Krankenhäuser. Wenn wir dieses Problem nicht in den Griff bekommen, wird keine Reform Erfolg haben. Letztendlich müssen sich alle Maßnahmen auf dieses Thema ausrichten. Wir sind die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen und erwarten von der Politik mehr als Absichtsbekundungen. Die Pflegepolitik muss zur Chefsache werden.

Was kann man gegen den Fachkräftemangel tun?

Westerfellhaus: Wenn wir unsere Kolleginnen und Kollegen fragen, was sich ändern müsste, dann geht es nicht in erster Linie um eine bessere Bezahlung. Die ist zwar wichtig und richtig, aber zunächst einmal wünschen sich die Pflegefachkräfte mehr Kollegen. Es hat in den letzten Jahren wegen des Kostendrucks einen gewaltigen Stellenabbau in der Pflege gegeben. Wir haben allein in den deutschen Krankenhäusern mehr als 50 000 Pflegekräfte verloren. Die Arbeit ist nur noch im Dauerlauf zu schaffen.

Sie fordern also die Schaffung zusätzlicher Stellen in der Pflege als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel. Aber wie sollen diese Stellen denn besetzt werden, wenn es schon heute zu wenige Pflegekräfte gibt?

Westerfellhaus: Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Wir wissen, dass viele Pflegende gerade wegen der hohen Belastung in eine Teilzeittätigkeit flüchten. Manche kehren der Pflege ganz den Rücken oder gehen ins Ausland. Diese Trends gilt es zunächst zu stoppen. Das ist im Übrigen auch wichtiger, als ausländische Pflegekräfte anzuwerben. Die wird man dauerhaft nicht halten können, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

Unter jungen Menschen ist der Pflegeberuf nicht gerade beliebt. Tragen dazu nicht auch die Berufsverbände bei, wenn sie immer jammern und klagen?

Westerfellhaus: Das ist sicher ein Spagat. Aber es muss möglich sein, kritische Punkte zu benennen. Was nützt es, wenn wir jungen Menschen etwas vormachen und sie schon nach wenigen Wochen in der Ausbildung bemerken, dass die Realität ganz anders ist?

Sie fordern eine Reform der Pflegeausbildung. Warum?

Westerfellhaus: Die Unterscheidung in Krankenpflege, Altenpflege und Kinderkrankenpflege ist nicht mehr zeitgemäß. Wir wollen eine generalistische Pflegeausbildung von drei Jahren. Nach dieser Basisausbildung kann dann eine weitere Spezialisierung erfolgen, etwa in Pädiatrie, Geriatrie oder Palliativmedizin. Ein solches Modell hat auch eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe in der letzten Legislaturperiode vorgeschlagen. Dies gilt es nun endlich umzusetzen.

Aber sind die Anforderungen an die Pflege im Krankenhaus nicht höher als in einem Pflegeheim?

Westerfellhaus: Höher würde ich nicht sagen. Sie sind anders. Gerade in der stationären Altenpflege hat sich einiges geändert. Da gibt es viele schwer kranke Patienten, manchmal beatmet oder mit chronischen Wunden. Auf der anderen Seite nimmt der Anteil demenziell Erkrankter im Akutkrankenhaus zu. Darauf sind bisher weder die Pflegenden noch die Ärzte eingestellt. Die gemeinsame Basisausbildung macht das System durchlässiger und attraktiver. Wichtig ist mir außerdem, dass diejenigen, die das wollen, eine akademische Grundqualifikation erwerben können.

Warum studiert der, der einen akademischen Abschluss will, nicht einfach Medizin?

Westerfellhaus: Weil wir keine Ärzte sein wollen. Und auch keine „Ärzte light“. Wir brauchen die Akademisierung, weil die Pflege komplexer ist als früher. Prozesse müssen kritisch hinterfragt, Expertenstandards angewandt und überprüft werden. Das pflegerische Aufgabenprofil unterscheidet sich vom ärztlichen. Die beiden Berufsgruppen ergänzen sich und können nur gemeinsam die Patientenversorgung sicherstellen. Richtig ist allerdings, dass wir eine fehlende berufsrechtliche Ausgestaltung der Aufgaben haben.

Wie sollte die Aufgabenverteilung geregelt werden?

Westerfellhaus: Wir wollen ein „Berufsgesetz Pflege“. Darin soll nicht nur die Basisausbildung vorkommen. Auch die weitere Spezialisierung soll bundeseinheitlich geregelt werden. Festzulegen wäre außerdem, mit welcher Qualifikation eine Pflegekraft welche Aufgaben übernehmen kann – in Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen, aber auch innerhalb der eigenen Profession. So bekämen wir mehr Rechtssicherheit. Ich hoffe, dass sich eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe darauf einigen wird. Bei den Eckpunkten zur Ausbildung ist das ja auch gelungen.

Sie denken bei einer „berufsrechtlichen Ausgestaltung“ also nicht an eine Berufs- oder Weiterbildungsordnung, wie man sie von den Ärztekammern kennt?

Westerfellhaus: Langfristig schon. Eine Berufsgruppe, die nach größerer Autonomie strebt – wie wir das tun – muss in die Lage versetzt werden, sich selbst zu verwalten. Die Profession selbst weiß am besten, welche Qualifikation für welche Aufgaben notwendig ist. Das ist genau das Konstrukt, das die Ärzteschaft als Erfolgsmodell bezeichnet – wie ich finde zu Recht. In Rheinland-Pfalz stehen wir bei Einrichtung einer Pflegekammer schon im Gesetzgebungsverfahren. Andere Bundesländer, in deren Zuständigkeit die Kammern ja fallen, werden sicherlich folgen.

Union und SPD verhandeln auch zum Thema Mindestlohn. In der Pflege gibt es bereits eine branchenspezifische Lösung – derzeit neun Euro im Westen und acht Euro im Osten. Wie stehen Sie dazu?

Westerfellhaus: Die Diskussion über den „Mindestlohn Pflege“ hat mich schon bei der Einführung geärgert. Es kam hier zu massiven Irritationen, weil nicht differenziert wurde. Um es klarzustellen: Der branchenspezifische Mindestlohn ist für Hilfskräfte relevant. Examinierte Pflegefachkräfte verdienen mehr. Für junge Menschen, die sich für den Pflegeberuf interessieren, ist so etwas ein fatales Signal.

Rechnen Sie damit, dass die große Koalition zügig einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff einführen wird?

Westerfellhaus: Ich kann nur sagen: Bitte nicht noch einmal ein Expertenrat. Das, was in den vergangenen Jahren ausgearbeitet worden ist, muss politisch ausgestaltet werden. Die Politik sollte dabei aber bedenken, dass man nicht einfach sagen kann: Wir machen jetzt mal was für Demenzkranke. Wir müssen sehen, wer die Versorgung übernehmen kann. Und da sind wir wieder beim Fachkräftemangel. Ich mag ja diesen Begriff eigentlich nicht, aber ich meine, wir brauchen eine „Task Force Pflege“.

Das Interview führten Dr. med. Birgit Hibbeler, Falk Osterloh und Philipp Ollenschläger.

Zur Person

Andreas Westerfellhaus (57) steht seit 2009 an der Spitze des Deutschen Pflegerates, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsverbände in der Pflege.

Westerfellhaus ist gelernter Krankenpfleger. Es folgten Weiterbildungen zum Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie sowie zum Betriebswirt. Heute ist er Geschäftsführer der Zentralen Akademie für Berufe im Gesundheitswesen in Gütersloh.

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