THEMEN DER ZEIT

Nothilfe: Streit um „Ärzteimport“ in Brasilien

Dtsch Arztebl 2013; 110(46): A-2199 / B-1935 / C-1878

Neuber, Harald

Mit Hilfe des Programms „Mais Médicos“ sollen 15 000 ausländische Mediziner in unterversorgten Gebieten tätig werden. Berufsverbände wenden sich gegen die Initiative.

Protest gegen das Regierungsprogramm: Ärzteverbände wenden sich insbesondere gegen die Rekrutierung von Kolleginnen und Kollegen aus Kuba.

Hunderttausende Menschen haben im Juni und Juli dieses Jahres in Brasilien für soziale Reformen demonstriert. Hintergrund des Aufruhrs waren hohe Ausgaben für Prestigeprojekte. Mehr als 50 Milliarden US-Dollar will die Regierung für die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr und die Olympischen Sommerspiele 2016 ausgeben. Zugleich hat ein Großteil der Bevölkerung auf dem Land und in den Favelas, den städtischen Armenvierteln, keinen oder mangelhaften Zugang zu Leistungen der sozialen Grundversorgung.

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Insgesamt fehlen 54 000 Ärztinnen und Ärzte

Mit dem Programm „Mais Médicos“ (Mehr Ärzte) erfüllte Präsidentin Dilma Rousseff von der regierenden Arbeiterpartei (PT) daher eine Hauptforderung der Demonstranten: Mit dem ambitionierten Programm sollen bis zu 15 000 Ärzte ins Land geholt werden, um Versorgungslücken in entlegenen Regionen zu schließen. Nun aber laufen brasilianische Ärzteverbände gegen die Initiative Sturm. Vor allem der „Import“ von Kollegen aus Kuba sorgt für Widerspruch.

Die Regierung Rousseffs versucht, mit Mais Médicos ein Ungleichgewicht zu beheben: Die Versorgung mit Ärzten beschränkt sich maßgeblich auf die urbanen Zentren. In den weitläufigen ländlichen Gebieten des brasilianischen Südens, vor allem der unzugänglichen Amazonas-Region, stehen hingegen kaum Ärzte zur Verfügung. Diese Unterversorgung spiegelt sich auch in den landesweiten Statistiken wider. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge kommen in Brasilien auf 1 000 Einwohner gerade einmal 1,8 Ärzte. In Deutschland sind es 3,6 Mediziner. Das Programm Mais Médicos versucht, das Problem nach Angaben des brasilianischen Gesundheitsministeriums daher in zwei Schritten anzugehen. Zunächst soll die Versorgung bislang unzureichend ausgestatteter Gegenden verbessert werden, indem die Zahl der Ärzte angehoben wird. Mittelfristig aber werden strukturelle Reformen notwendig sein, gesteht auch die Regierung ein: Sie spricht von insgesamt 54 000 fehlenden Ärzten.

Einführungslehrgang: Ärzte aus Kuba in einer Klinik in Brasilia. Fotos: picture alliance

Bei brasilianischen Ärzteverbänden trifft das Notprogramm dennoch auf harschen Widerspruch. Ende August reichten der „Brasilianische Ärzteverband“ und der „Medizinische Bundesrat“ vor dem Obersten Gerichtshof Klage gegen die Initiative ein. Die Anwerbung ausländischer Ärzte verstoße gegen gesetzliche Bestimmungen, weil die Anwärter für Mais Médicos den sonst zwingenden Zugangstest nicht absolvieren müssten. Die Klage gegen die „unzulässige Ausübung des Medizinberufs“ verhinderte das Programm zwar nicht, sorgte aber für eine einwöchige Verzögerung.

Die Regierung muss mehr für die Ausbildung tun

Neben dem Disput über die Qualifikation der ausländischen Ärzte weisen einige brasilianische Verbände vor allem die Anwerbung von 4 000 kubanischen Ärzten zurück. Von den 10 000 Reais (knapp 3 400 Euro), die diese monatlich verdienen, wird ihnen von einem staatlichen kubanischen Vermittler nur knapp ein Drittel ausgezahlt. Dass auch dieses Gehalt das Einkommen in Kuba noch um ein Vielfaches übersteigt, beschwichtigte die Kritiker nicht. Als die ersten kubanischen Mediziner in Brasilien landeten, empfingen brasilianische Kollegen sie wenig freundlich, indem sie am Flughafen „Stümper“ und „Sklaven“ skandierten.

Während der Weltärztebund sich der kritischen Position einiger brasilianischer Berufsvereinigungen anschloss, verteidigen die WHO und die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) das Vorgehen. Man sehe das Programm „mit Enthusiasmus“, und es sei richtig, kurzfristig Ärzte ins Land zu holen, um die Engpässe zu überbrücken. Mittelfristig müsse Brasiliens Regierung jedoch auch mehr für die Ausbildung im eigenen Land unternehmen, heißt es in einer Erklärung von WHO und PAHO. Die UN-Organisationen hatten zuvor mit den brasilianischen Partnern vereinbart, dass keine Mediziner aus Ländern abgeworben werden, deren Versorgung unter der Quote von 1,8 Ärzten pro 1 000 Einwohner liegt. Mit der Anwerbung kubanischer Mediziner hat man bei der WHO und ihrer lateinamerikanischen Partnerorganisation daher keine Probleme. In dem Karibikstaat liegt die Quote bei 6,7 Ärzten auf 1 000 Einwohner.

Brasilianische Bewerber haben Vorrang

Der vor allem um die kubanischen Ärzte geführte Disput ist nur vor dem Hintergrund der politischen Auseinandersetzungen in Lateinamerika sowie der starken sozialen Segmentierung der Gesellschaften zu verstehen. Linksgerichtete Staatsführungen, etwa in Bolivien, Ecuador und Venezuela, haben zuletzt massiv auf den Ausbau der Sozialsysteme gesetzt und dabei mit Kuba zusammengearbeitet. „Die kubanischen Ärzte sind dafür bekannt, dass sie bis in die entlegensten Winkel kommen“, sagte der Regionalleiter der Welthungerhilfe, Dirk Guenther, der Deutschen Presse-Agentur. Auch als die venezolanische Führung unter dem inzwischen verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez mehr als 30 000 Ärzte und Pflegekräfte aus Kuba ins Land holte, um in den Armenvierteln eine Gesundheitsversorgung anzubieten, liefen Ärzteverbände und Vertreter der politischen Opposition dagegen Sturm. Von einer „Kubanisierung“ des Landes war die Rede.

In Brasilien wiederholt sich nun diese Debatte, und Präsidentin Rousseff versucht, auf die Kritiker einzugehen. Es würden nur ausländische Kräfte ins Land geholt, wenn sich kein brasilianischer Bewerber finde, sagte sie. Zudem sei der Ärztemangel eines der Hauptthemen bei den Demonstrationen im Sommer gewesen. Auch wenn dies die Kritiker nicht beschwichtigt, geben Umfragen der Politikerin recht. Nach einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts CNT/MDA befürworten knapp 74 Prozent der Befragten das Programm Mais Médicos.

Weniger diplomatisch als Rousseff äußerte sich vor diesem Hintergrund Valter Pomar, Vorstandsmitglied der regierenden PT und Befürworter des Ärzteprogramms. Den Vorwurf des Lohndumpings weist Pomar vehement zurück. „Wir haben brasilianischen Ärzten umgerechnet mehr als 5 000 US-Dollar monatlich zuzüglich Sonderleistungen für Unterkunft geboten“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt. Nach Angaben des brasilianischen Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung lag der Durchschnittsverdienst von Medizinern in den Jahren 2009 bis 2012 bei gut 2 850 Euro. Mit den Bewerbungen habe man dennoch gerade einmal sieben Prozent des Notbedarfs decken können. Hinter dem Disput sieht er ein grundsätzliches soziales Problem. Das Medizinstudium in Brasilien sei bislang für Interessenten aus sozial benachteiligten Familien kaum zugänglich, zudem nutzten zu viele Ärzte ihre Anstellung im öffentlichen Gesundheitssystem, um parallel private Dienstleistungen anzubieten und ihr Gehalt zu steigern. „Das Einkommen eines brasilianischen Arztes kann durchaus höher sein, als das eines Kollegen in Europa oder den USA“, so Pomar. Das Programm Mais Médicos aber zeige schon jetzt, „dass mit weniger Mitteln eine bessere Versorgung zu gewährleisten ist“. Das störe viele Berufsvertreter, die vor allem ein hohes Einkommen zum Ziel hätten. Im übrigen seien die Leistungen der kubanischen Ärzte weltweit anerkannt.

Leistungen der Ärzte aus Kuba sind weltweit anerkannt

Inzwischen wurden nach Angaben der Programmleitung 2 200 ausländische Teilnehmer in einen dreiwöchigen Vorbereitungskurs aufgenommen. Der Koordinator von Mais Médicos, Mozart Salas, bestätigte gegenüber nationalen Medien, dass die Anwärter einen Sprachkurs absolvieren und in Seminaren sowie in klinischer Assistenz mit dem brasilianischen Gesundheitssystem und häufigen gesundheitlichen Problemen vertraut gemacht werden. Damit reagierte die Leitung offenbar auch auf die Kritik.

Harald Neuber

Leserkommentare

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a. skrziepietz
am Sonntag, 29. Dezember 2013, 17:51

Kann ich nicht bestätigen

meine erfahrungen mit dem jobcenter sehen anders aus. wer stellen für 400 € annimmt, macht wohl irgendwas falsch.
ArztundEuropa
am Sonntag, 29. Dezember 2013, 17:13

...und die breite Masse der Deutschen quatscht alles nach, was Ihnen vorgekaut wird...

Mein Artikel ist korrekt! Die Aussagen stimmen. Alle! Ich werde jetzt nicht zu jedem dummen Kommentar eine Gegendarstellung machen.

Also lieber Mal nachdenken, welche Konsequenzen er hat!!!
Andreas Skrziepietz
am Donnerstag, 26. Dezember 2013, 20:12

oder Eingliederungsverträge vom Jobcenter unterschreiben, dass Sie jeden 400€ Job annehmen müssen.

das stimmt so nicht. außerdem werden von den jobcentern schon längst keine stellen mehr vermittelt. das ist bei der masse der arbeitslosen gar nicht mehr möglich.

Ich verstehe auch das ganz genörgel nicht. schließlich wurden der engländer und seine kollegen doch gewählt. sie haben also das vertrauen der ärzteschaft. und bereits gegen die aip-zeit ("große chance für junge mediziner") gab es keinen widerstand - ein klarer beweis dafür, daß sie auf die akzeptanz der betroffenen stieß.
ArztundEuropa
am Donnerstag, 26. Dezember 2013, 13:45

interessanter Artikel... vielleicht kann man in Zukunft mal auf aufklärende Artikel über Deutsche Verhältnisse lesen ?

Seit Monaten verfolge ich mit großem Interesse das Thema Ärztemangel in Deutschland und habe ein wenig recherchiert....
85% der Ärzte die in Deutschland eine ärztliche Tätigkeit aufnehmen sind Aufgrund der Wartezeit durch den NC über 35 Jahre alt. Ausländische Kollegen, die nicht in Deutschland studieren, senken diesen Altersdurchschnitt.
50% aller Fachärzte müssen Ihren Beruf wieder aufgeben. Durch die Hierarchie im Dt. Krankenhaussystem gibt es nicht genug Stellen für Fachärzte. Niederlassungen sind beschränkt.
Einige Stellen wurden für Hausärzte und Psychologen geschaffen. Diese Anzahl entspricht bei weitem aber nicht die Zahl der Ausländischen tätigen Arzte.

Seit 2011 werden weiter Ärztestellen gestrichen, was durch die Ärztekammer als Ärztemangel ausgelegt wird. Mindestens 3000 weitere dt. Ärzte müssen ins Ausland, weil es für Sie keine Stellen in Deutschland gibt. Lohn-Dumping durch Ausländische Kollegen aus Nachbarländern wie Österreich und den Niederlanden und arabischen Ländern etc.. Es sei wohlgemerkt, dass diese Kollegen keinen NC brauchten, um Medizin zu studieren. Während die Deutschen "verarscht" werden, dass in Deutschland nicht jeder Arzt werden kann und für die Berufsgruppe einen NC braucht, wird aber jeder ausländische Kollege willkommen geheißen.

Deutsche Ärzte müssen umschulen oder Eingliederungsverträge vom Jobcenter unterschreiben, dass Sie jeden 400€ Job annehmen müssen. Aber wie sagte Rösler: Wir brauchen Fachkräfte in Deutschland. ( Er hat sich wohl vorher nicht informiert, dass innerhalb der EU, Deutschland die höchste Quote der Bevölkerung mit abgeschlossener Berufsausbildung hat)
Der Marburger Bund handelt für Deutsche Ärzte Tarifverträge aus, die aber nicht auf ausländische Kollegen angewandt werden.
Man sollte dabei erwähnen, dass 10 Vorsitzende des Marburger Bundes Kammerpräsidenten der Ärztekammer sind, und gleichzeitig natürlich auch Vorsitzende der Versorgungswerke, die dann die Rentengesetze auslegen dürfen wie Sie wollen.
Beschwert man sich bei Kammerpräsidenten, bekommt man zu hören, dass die Ärztekammer nichts mit den Einstellungen der Krankenhäusern zu tun hat. Ein bisschen ironisch, wenn man bedenkt, dass die Ärztekammer die Berufserlaubnisse verteilt.
Da der Herausgeber des Ärzteblatts die Bundesärztekammer ist, vertreten durch alle Kammerpräsidenten, sollte jeder Arzt überlegen, wie und warum Bundesstatistiken manipuliert werden.

In Westfalen-Lippe gibt es in den operativen Bereichen bis zu 100% Ausländische Kollegen. Diese werden aber garnicht mehr im Internet veröffentlicht.

Dieser Kommentar soll keine Ausländerfeindlichkeit schüren! Er soll die zunehmende Inländerdiskriminierung aufzeigen. Deutsche brauchen einen NC um Medizin zu studieren. Wenn Sie sich anschließend bewerben, müssen Sie in finanzieller Konkurrenz und nicht in Ihrer fachlichen Qualifikation um einen Arbeitsplatz ringen und von einem zum anderen Bundesland umziehen. Dabei haben sie hohe Rentenverluste. Die Renten werden in Nordrhein ab dem 24 Lj. berechnet. Durch die dynamisierenden Formeln und neuen Steuerreformen sinken die Anwartschaften unter den Anwartschaften der dt. Rentenversicherung!!!

Achtung an alle Kollegen. Die Rentenanwartschaften behalten sich vor, 1. welche Auskünfte Sie vergeben und 2. dass Sie bewusst falsche Auskünfte geben (unterstützt von der dt. Rechtsprechung) weil sie Autonome Anstalten sind.
(in der aber alle Ärzte pflichtversichert sind)
Wie gut, dass die Abiturienten, die einen NC besitzen, keine hohe Sozialkompetenz besitzen und das Thema der Gesundheitspolitik noch nicht ausgereizt ist.

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