POLITIK

Ambulante Versorgung: Mehr Geld für mehr Morbidität

Dtsch Arztebl 2013; 110(47): A-2254 / B-1982 / C-1920

Rieser, Sabine

Ist dort genug Geld vorhanden, wo mehr Kranke als anderswo ambulant versorgt werden? Nein, finden die LAVA-KVen – und untermauern dies mit einem Gutachten.

Sie lassen nicht locker: Sieben Kassenärztliche Vereinigungen (KVen), die unter dem Namen LAVA (länderübergreifender angemessener Versorgungsanspruch) seit längerem für eine bessere Finanzierung der ambulanten Versorgung in ihren Regionen streiten. Mitten in den Koalitionsverhandlungen präsentierten sie Anfang November in Berlin ein Gutachten, das aufzeigt, wie eine angemessenere Berücksichtigung der Krankheitslast der Versicherten in ihren Bundesländern zu erreichen wäre. LAVA will von der Koalition im Sozialgesetzbuch V festgeschrieben haben, dass die Gesamtvergütung für die ärztliche Versorgung sockelwirksam an die tatsächliche Morbidität der Bevölkerung angepasst wird.

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Derzeit steht nach Ansicht von LAVA in Regionen mit hoher Krankheitslast viel zu wenig Geld für die ambulante Behandlung zur Verfügung. „Der Wohnsitz bestimmt das Niveau der medizinischen Versorgung“, kritisierte der Vorstandsvorsitzende der KV Sachsen-Anhalt, Dr. med. Burkhard John. „Das ist ein Skandal in unserem Sozialstaat.“ John verwies zudem darauf, dass geringere Finanzmittel als anderswo es auch erschweren, junge Ärztinnen und Ärzte für eine Region zu gewinnen.

Krankheitslast: unzureichend im Honorar abgebildet

Um die Kritik von John und den anderen KV-Vorständen nachzuvollziehen, muss man die Entwicklung der letzten Jahre berücksichtigen. In ihrem Gutachten verweisen Prof. Dr. Saskia Drösler, Krefeld, und Prof. Dr. Eberhard Wille, Mannheim, darauf, dass die Krankenkassen nach dem Willen des Gesetzgebers das Morbiditätsrisiko tragen sollen. Sie tun dies nach Überzeugung der Gutachter aber nur teilweise.

Zwar wird bei den Honorarverhandlungen zwischen dem Spitzenverband der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung der Umfang des morbiditätsorientierten Behandlungsbedarfs Jahr für Jahr angepasst. Regionale Angleichungen sind zusätzlich möglich. Aber die Ausgangsbasis dafür ist nach Ansicht von Wille und Drösler unzureichend: Eine gerechte Anpassung würde voraussetzen, dass die erstmalige Festlegung des Behandlungsbedarfs die Krankheitslast zutreffend widergespiegelt hätte.

Doch die jährlichen Anpassungen beruhten nach Ansicht der Gutachter zum einen auf einem historischen und nicht einem berechneten Behandlungsbedarf und folgten zum anderen teilweise nicht fachlichen, sondern finanzpolitischen Überlegungen. „Wenn aber das Niveau des Behandlungsbedarfs unzutreffend angesetzt ist, muss auch die Fortschreibung unbefriedigend und falsch sein“, erläuterte Wille.

Hinzu kommt, dass die Krankheitslast in den Regionen unterschiedlich hoch ist. Die Versicherten in Sachsen-Anhalt weisen nach Überzeugung von Wille und Drösler tatsächlich eine sehr viel höhere Morbidität auf als anderswo. Doch obwohl sich derartige regionale Unterschiede mit gängigen Berechnungsmodellen gut darstellen ließen, würden daraus keine ausreichenden Konsequenzen gezogen.

Die ärztliche Versorgung in Sachsen-Anhalt sei deshalb deutlich unterfinanziert, erklärte Wille: „Je nach Messmethode liegen die Finanzzuweisungen zwischen 14 und 20 Prozent unter dem erforderlichen Niveau.“ Gleiches gelte auch für das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen und andere Bundesländer. Die Gesamtvergütung falle zwischen sieben und 16 Prozent zu niedrig aus.

Diese Diskrepanzen beschäftigen LAVA schon seit längerem (Kasten). Auch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland befasst sich intensiv mit regionalen Unterschieden in der Morbidität und der unterschiedlichen Inanspruchnahme von Leistungen (DÄ, Hefte 39/2011 und 43/2012). Ob die neue Bundesregierung nach neuen Lösungen suchen will, wird sich zeigen.

Sabine Rieser

SIEBEN LÄNDER, EINE FORDERUNG

Sieben Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) bilden die Interessensgemeinschaft LAVA. Mit dem Gutachten untermauern sie ihre Forderung nach mehr Finanzmitteln für die Versorgung ihrer im Vergleich älteren und kränkeren Bevölkerung. Der Vorstandsvorsitzende der KV Westfalen-Lippe, Dr. med. Wolfgang-Axel Dryden, hatte auf die Probleme bereits mit einer Bundestagspetition aufmerksam gemacht (DÄ, Heft 11/2012).

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