MEDIZIN: Referiert

Bei der WHO-Studie zum Passivrauchen fehlt die statistische Signifikanz der Ergebnisse

Dtsch Arztebl 1999; 96(3): A-130 / B-112 / C-108

zpa

Zwischen Passivrauchen und Lungenkrebsrisiko wird ein möglicher Zusammenhang diskutiert. Eine Forschergruppe um Paolo Bofetta von der Internationalen Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation führte zusammen mit zwölf Kollaborationszentren in sieben europäischen Ländern (Schweden, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Portugal, Spanien und Italien) die in Europa bisher umfangreichste multizentrische Fall-Kontrollstudie zu diesem Fragekomplex durch. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich von 1988 bis 1994.
650 Nichtraucher mit Lungenkrebs und 1 542 Nichtraucher ohne Befund bis zu einem Höchstalter von 74 Jahren wurden nach ihren Tabakrauchbelastungen zu Hause und am Arbeitsplatz befragt. Als Nichtraucher qualifizierten sich nur Studienteilnehmer, die nicht mehr als insgesamt 400 Zigaretten während ihres bisherigen Lebens geraucht hatten. Bei einem Teil der Studienteilnehmer wurden die Angaben zum eigenen Rauchverhalten durch Parallelbefragung der nächsten Verwandten überprüft, um eine fehlerhafte Klassifikation möglichst auszuschließen. Auch Störfaktoren wurden kontrolliert.
Die Ergebnisse lassen keine klare Schlußfolgerung über die Kausalität von Passivrauchbelastung und Lungenkrebsrisiko zu. Nichtrauchende Ehepartner, die mit einem rauchenden Partner zusammenlebten, hatten eine Risikoerhöhung von 1,16 (relatives Risiko 0,93 bis 1,44 bei 95 Prozent Vertrauensintervall Cl). Für Nichtraucher, die mit rauchenden Kollegen im Betrieb zusammenarbeiteten, lag die Risikoerhöhung bei 1,17 (95 Prozent Cl = 0,94 bis 1,45). Diejenigen Personen, die zu Hause und am Arbeitsplatz tabakrauchexponiert waren, hatten trotz kombinierter Belastung ein vergleichsweise niedrigeres Risiko von 1,14 (95 Prozent Cl = 0,88 bis 1,47). Sämtliche Risikoerhöhungen waren nicht statistisch signifikant.
Die Risikoerhöhungen differierten deutlich zwischen den einzelnen Studienzentren. Während in Stockholm, Lissabon und Porto bei kombinierten Belastungen am Arbeitsplatz und zu Hause mehr als eine Verdoppelung des Lungenkrebsrisikos ermittelt wurde, lag das relative Risiko in Bremen/Frankfurt, Paris und Turin mit < 1 noch unter dem Null-Risiko. An anderer Stelle der Studie sagen die im Forschungsteam vertretenen Autoren Jöckel und Wichmann, daß eine solche Korrelation auf eine Absenkung des Erkrankungsrisikos schließen läßt.
Wegen der relativ geringen Tabakrauchbelastung in Fahrzeugen und öffentlich zugänglichen Räumen konnten keine Risikoerhöhungen durch diese Belastungsquellen ermittelt werden. Auch bei Nichtrauchern, deren häusliche oder außerhäusliche Exposition am Arbeitsplatz mindestens fünfzehn Jahre vor dem Befragungszeitraum beendet war, ließ sich kein erhöhtes relatives Risiko feststellen. Dagegen suggeriert der Zusammenhang von Tabakrauchexposition während Kindheit und Jugend und Lungenkrebsrisiko sogar einen protektiven Effekt.
In neun der zwölf Kollaborationszentren wurde ein relatives Risiko von < 1 ermittelt (95 Prozent Cl = 0,64 bis 0,96). Dieses Ergebnis erreichte als einziges statistische Signifikanz. Die Autoren warnen jedoch vor einer Fehlinterpretation dieses Befundes. zpa


Boffetta P, Aguda A, Ahrens W et al.: Multicenter case-control study of exposure to environmental tobacco smoke and lung cancer in Europe. Journal of the National Cancer Institute 1998; 90: 1440 - 1449.
Paolo Boffetta, M.D., M.P.H., International Agency for Research on Cancer, 150 cours Albert-Thomas, 69372 Lyon cedex 08, Frankreich.

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