POLITIK

Medizinstudium: Gute Lehre kostet Geld

Dtsch Arztebl 2013; 110(48): A-2305 / B-2029 / C-1961

Hibbeler, Birgit

Wenn Studierende praxisorientiert unterrichtet werden sollen, braucht man Personal. Hochschulvertreter fordern von Union und SPD mehr Geld für die Ärzteausbildung.

Als die Universität Witten/Herdecke Anfang der 80er Jahre in der Medizinerausbildung neue Wege ging, wurde sie von vielen belächelt. Heute – 30 Jahre später – ist das anders. Die innovativen Lehrformen, die Witten schon früh angewendet hat, kommen an vielen Fakultäten zum Einsatz. Seit 2000 ist das Curriculum in Witten/Herdecke als „Modellstudiengang“ anerkannt. Nun wurde der Standort mit dem Fakultätenpreis des Hartmannbundes ausgezeichnet (siehe auch „Preise“ in diesem Heft).

Problemorientiertes Lernen in Kleingruppen ist ein wichtiger Baustein der Lehre in Modellstudiengängen. Foto: Universität Witten/Herdecke
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Gute Lehre ist aufwendig. Unterricht in Kleingruppen ist personalintensiver als eine Hauptvorlesung. Daher fordern der Medizinische Fakultätentag (MFT), der Verband der Universitätsklinika Deutschlands und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bessere Rahmenbedingungen für die medizinische Lehre. „Die Chancen neuer Techniken der Wissensvermittlung und veränderter Studienorganisation könnten wegen fehlender Mittel gar nicht ausgeschöpft werden“, kritisierte MFT-Präsident Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer. KBV-Vorstand Dipl.-Med. Regina Feldmann erklärte, das Medizinstudium müsse sich dem Versorgungsgeschehen anpassen. Notwendig sei die Einbindung des ambulanten Sektors.

Tatsächlich sieht es danach aus, dass Union und SPD Teile dieser Forderungen in den Koalitionsvertrag aufnehmen werden. Die Arbeitsgruppe „Gesundheit und Pflege“ hat vereinbart, dass eine Konferenz der Gesundheits- und Wissenschaftsminister von Bund und Ländern einen „Masterplan Medizinstudium 2020“ entwickeln soll – für mehr Praxisnähe, eine zielgerichtete Bewerberauswahl und zur Stärkung der Allgemeinmedizin.

In Witten/Herdecke werden die Studierenden bereits heute frühzeitig in Hausarztpraxen unterrichtet. Organisatorisch möglich ist das auch, weil die Zahl der Studienplätze an der privaten Hochschule überschaubar ist: 42 pro Jahr. Allerdings ist gute Lehre auch unter anderen Rahmenbedingungen möglich und muss nicht unbedingt in einem Modellstudiengang erfolgen. Das zeigt das Beispiel Greifswald. Der Standort landete beim Fakultätenranking des Hartmannbundes auf Platz zwei. Es handelt sich um einen Regelstudiengang mit 180 Plätzen zum Wintersemester. Das Studium – insbesondere im klinischen Abschnitt – wurde aber von Grund auf reformiert. Die klassische Semesterstruktur wurde aufgehoben. Dadurch verteilen sich die Kurse auf das ganze Jahr, so dass mehr Unterricht in Kleingruppen am Krankenbett möglich ist. Zudem bleibt den Studierenden mehr Zeit für wissenschaftliches Arbeiten.

Was ist ein gutes Medizinstudium? Sollten praktische Fertigkeiten im Vordergrund stehen? Oder methodisch-wissenschaftliche Kenntnisse – nicht zuletzt, um Informationen überhaupt beurteilen zu können? „Wir brauchen beides“, sagte der Greifswalder Studiendekan Prof. Dr. med. Rainer Rettig bei der Podiumsdiskussion „Modellstudiengang versus Regelstudiengang – wohin steuert die ärztliche Ausbildung?“ im Anschluss an die Preisverleihung. Auch für den Vorsitzenden des Hartmannbundes, Dr. med. Klaus Reinhardt, gehört neben einer fundierten theoretischen Ausbildung der praktische Unterricht dazu. Wichtig für den Arztberuf seien außerdem kommunikative Fähigkeiten. Ziel des Studiums müsse es vor allem aber auch sein, die Studierenden für eine ärztliche Tätigkeit zu motivieren.

Dr. med. Birgit Hibbeler

Modellstudiengänge

Derzeit bieten zehn der 37 Fakultäten einen „Modellstudiengang“ (§ 41 Approbationsordnung) an: Aachen, Berlin, Bochum, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Köln, Mannheim, Oldenburg und Witten/Herdecke. Eine strikte Trennung von klinischen und vorklinischen Fächern gibt es nicht, sondern es wird von Anfang an ein Praxisbezug hergestellt. Der Unterricht ist problemorientiert. Der Wissenschaftsrat wird 2014 ein Gutachten zu Modellstudiengängen vorlegen.

Innovative Lehrformen gibt es keinesfalls nur in Modellstudiengängen. Vielerorts haben sie Einzug in den Regelstudiengang gehalten.

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