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Grippewelle in England: Fataler Bettenabbau
Dtsch Arztebl 1999; 96(3): A-89 / B-73 / C-72


Eine winterliche Grippewelle stellt das Gesundheitssystem in Großbritannien vor unerwartete
Probleme. Viele Kliniken des National Health Service (NHS) haben bis auf weiteres alle nicht dringlichen
Operationen gestrichen. Der Grund dafür ist ein eklatanter Bettenmangel, der dadurch verschlimmert wird, daß
landesweit Tausende Grippe-Patienten anstatt zum Hausarzt direkt ins Krankenhaus kommen und dort Betten
belegen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre sind im NHS insgesamt mehr als 75 000 Betten abgebaut
worden.
Nach Angaben des Londoner Gesundheitsministeriums erkrankten in der ersten Januarwoche landesweit etwa 98
000 Patienten an Influenza, was einer Erkrankungsrate von 185 Fällen pro 100 000 Einwohner entspricht. Damit
kann derzeit nicht von einer "Epidemie" gesprochen werden, denn sie beginnt definitionsgemäß ab 400
Krankheitsfälle pro 100 000 Einwohner. Dennoch befinde sich das englische Gesundheitssystem bereits in einer
"schlimmen Winterkrise", konstatierte Gesundheitsminister Frank Dobson.
Ende 1998 gab es nach Angaben des Gesundheitsministeriums im NHS rund 194 000 Betten, davon 108 000
Akutbetten. Zum Vergleich: 1989 bot der staatliche britische Gesundheitsdienst noch
270 000 Betten inklusive 121 000 Akutbetten an. Zwar ist die Zahl der ambulant operierten und therapierten
Patienten in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 50 Prozent gestiegen. Dennoch fehlen dem NHS nach
Meinung internationaler Gesundheitsökonomen heute Betten.
"Jedesmal wenn kaltes Winterwetter oder andere Umstände die Einweisungszahlen hochtreiben, kommt es zu
Versorgungsengpässen", kritisierte die gesundheitspolitische Sprecherin der Konservativen Partei, Ann
Whiddecombe. Freilich: der Bettenabbau geht vorrangig auf das Konto der britischen Konservativen. Die
diversen gesundheitspolitischen Reformen unter Margaret Thatcher und John Major haben zwischen 1979 und
1997 zu dieser Entwicklung geführt. Weil es auf den Stationen auch an qualifiziertem Pflegepersonal fehlt,
wurden ausgebildete Krankenschwestern und -pfleger Mitte Dezember aus Südafrika und den Philippinen
eingeflogen. Die größte britische Krankenpflegergewerkschaft, das Royal College
of Nursing, schätzt, daß im NHS heute mindestens 20 000 Krankenschwestern und -pfleger fehlen. Schlechte
Verdienst- und Aufstiegschancen halten immer mehr Schulabgänger davon ab, Krankenpfleger zu werden.
"Wir dürfen uns von den derzeit wirklich widrigen Umständen nicht unterkriegen lassen", appellierte
Gesundheitsminister Dobson an Ärzte, Pflegepersonal und das NHS-Management. Um Versorgungsengpässen
zu begegnen, kündigte das Gesundheitsministerium die Bereitstellung von 159 Millionen Pfund (rund 445
Millionen DM) an. Dieser "Winternothaushalt" soll unter anderem dazu benutzt werden, stillgelegte Betten und
Stationen wieder zu öffnen sowie mehr ambulante Hilfsdienste einzurichten. Arndt Striegler
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