MEDIZINREPORT

Regenerative Medizin: Langer Atem vonnöten

Dtsch Arztebl 2013; 110(49): A-2372 / B-2085 / C-2015

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Das Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig entwickelt und optimiert Verfahren und Produkte für die Diagnostik, Biobanken und die Zelltherapie. Foto: Fraunhofer IZI

Bei der Umsetzung von Forschungsergebnissen in Produkte und Therapien klagen Wissenschaftler vor allem über aufwendige Zulassungsverfahren und die bürokratische Erstattungspraxis durch die Krankenkassen.

Die regenerative Medizin zählt zu den innovativsten Zukunftsfeldern der Medizin. Dennoch hat sie ein Problem: Es mangelt an Geld und Unterstützung. „Regenerative Medizin am Scheideweg: Deutsches Biotech-Potenzial ohne Perspektive?“ war bezeichnenderweise der Titel des diesjährigen Herbstforums der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin am 8. November in Berlin.

„Wir stecken derzeit quasi in einer Sackgasse“, erläuterte Prof. Dr. med. Hans-Oliver Rennekampff, Wissenschaftlicher Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin. „In der Klinik finden die innovativen Verfahren kaum Eingang in die Patientenbehandlung. Somit gibt es keine Kalkulationsdaten, keine Abbildung im DRG-System und auch keine Vergütung.“ Ein ähnlicher Teufelskreis lähmt die Industrie: Da die innovativen Verfahren nicht angewendet würden, könne man damit keinen Gewinn erzielen, für den sich lohne, in teure klinische Studien zu investieren. Ohne diese gäbe es keine evidenzbasierte Datenlage und somit auch keine Vergütung, was wiederum die Anwendung verhindere.

„Die regenerative Medizin wird zwar durch das Bundesforschungs- und das Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Diese Förderung muss aber verstärkt anwendungsorientiert sein“, mahnte deshalb Rennekampff. Zudem blockierten Gesetze und Regularien noch viel zu sehr die klinische Anwendung. Fazit: In der regenerativen Medizin brauche man einen langen Atem.

Um Verständnis für diese Regularien warb auf dem Herbstforum hingegen Dr. Ulrike Flach (FDP), derzeit noch Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium: „Dem Wunsch nach Innovation steht das Bemühen gegenüber, die Kosten zu begrenzen“, sagte sie. Nur der Zusatznutzen einer neuartigen Therapie rechtfertige eine Erstattung der Kosten durch die Solidargemeinschaft. Das noch junge Gebiet der regenerativen Medizin müsse daher möglichst schnell gute klinische Studien vorlegen.

Von der Idee bis zum Produkt vergehen oft Jahre

Dass dies in der Praxis jedoch nicht leicht ist, verdeutlichte Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig. „Viele interessante Innovationen können aufgrund einer langen Durststrecke während der klinischen Prüfung verloren gehen“, warnte er. Erst vier Produkte aus dem Bereich „Advanced Therapy Medicinal Products“, die Tissue Engineering und Zelltherapie umfassen, hätten derzeit in Europa eine arzneimittelrechtliche Zulassung erhalten. Viele Produktvorläufe befänden sich jedoch am Anfang der klinischen Prüfung. „Betrachtet man die Ideen, die Konzepte und das, was sich an Produkten am Horizont abzeichnet, boomt es innerhalb der regenerativen Medizin mehr denn je“, erklärte Emmrich.

Ähnlicher Ansicht war Dr. Ralf Sanzenbacher, zuständig für Tissue Engineering und somatische Zelltherapeutika am Paul-Ehrlich-Institut (PEI), die für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel zuständige Bundesoberbehörde: Zahlreiche Produkte würden sich derzeit am Beginn oder an der Schwelle zu klinischen Studien befinden, sagte er. Zudem würden kontinuierlich und gleichmäßig Produkte der Studienphasen I bis III bei seinem Institut eingehen. „Es ist keineswegs so, dass sich auf diesem Gebiet nichts tun würde.“

Weltkongress in Leipzig stieß auf großes Interesse

Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt verwies Emmrich auf das Ausland. Während beispielsweise in Japan auf Geheiß der Regierung große Industrieunternehmen, wie Panasonic, Kawasaki und Fuiji, mit der regenerativen Forschung kooperierten, wären in Deutschland nur kleinere und mittlere Unternehmen mit der regenerativen Medizin betraut. Diese hätten zusätzlich zu den bei Start-Up-Unternehmen üblichen Finanzsorgen Probleme mit den strengen Regularien der Produktzulassung. „Bei der regenerativen Medizin müssen zunächst klinische Prüfungen hintereinandergeschaltet werden, bis tatsächlich die Marktzulassung möglich ist. Das schaffen die kleinen Unternehmen oft nicht. Wir müssen unsere Strategie überdenken, wenn wir international wettbewerbsfähig bleiben wollen“, betonte Emmrich.

Dass das weltweite Interesse und auch das Know-how indes groß sind, zeigte die Weltkonferenz für Regenerative Medizin Ende Oktober in Leipzig. Mehr als 1 000 Teilnehmer aus ungefähr 53 Ländern diskutierten dort die Themen Stammzellforschung, Zelltherapie, Biomaterialien und Tissue Engineering. Vertreten waren auf der Weltkonferenz, die vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) und vom Translationszentrum für regenerative Medizin der Universität Leipzig organisiert wurde, auch viele Aussteller aus Wirtschaft und Technik. „Als Forschungsdisziplin ist die regenerative Medizin in hohem Maße interdisziplinär, denn sie verknüpft Ansätze der Zellbiologie, der Biotechnologie und der Pharmakologie mit Medizintechnik und Materialwissenschaften. Umso wichtiger sind solche Konferenzen wie die Weltkonferenz, die der Vernetzung der Wissenschaftler untereinander dienen“, betonte Emmrich, Präsident des Weltkongresses.

Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des Kongresses präsentierte Prof. Dr. med. Jürgen Hescheler, Direktor des Instituts für Neurophysiologie der Universität Köln, seine Forschungsarbeiten zur Entwicklung von Toxizitätsmodellen auf Basis humaner embryonaler Stammzellen. Sie sollen für alle Organe oder Organsysteme anwendbar sein, die von systemischen Giftstoffen angegriffen werden, zum Beispiel das Herz oder Nervensystem.

Ausgangspunkt für die Forschungsarbeiten ist die Tatsache, dass es derzeit keine guten Alternativen zu Tierversuchen zur Erfassung der Toxizität von Substanzen gibt, denen der Mensch über längere Zeit ausgesetzt ist. Durch klassische In-vitro-Zytotoxizitätstests können wesentliche subletale Effekte im Zusammenhang mit niedrigdosierter Exposition nicht erkannt werden. „Hinzu kommt, dass wir im Tierversuch ganz andere physiologische und biochemische Verhältnisse und damit andere Reaktionen vorfinden“, erklärte Hescheler dem Deutschen Ärzteblatt. Zum Beispiel ist die elektrische Aktivität beim Herzen der Maus anders als beim Menschen: So beträgt die Schlagfrequenz bei der Maus ungefähr 600 Schläge pro Minute, beim Menschen etwa 70 Schläge, was sich schon allein aus der unterschiedlichen Organgröße ergibt. „Deshalb sind Mäuse im allgemeinen keine guten Testsysteme für Kardiotoxizität.“

Humane Stammzellen bieten Hescheler zufolge dagegen gute Möglichkeiten zu testen, welche Substanz welchem Menschen gefährlich werden kann. Gerade Patienten mit speziellen Vorerkrankungen könnten davon profitieren. „Toxikologische Analysen an menschlichen, von Stammzellen abgeleiteten Zellen sind in der Lage, verlässliche Aussagen zum Auftreten von Nebenwirkungen in einer frühen Phase der Toxizität zu ermöglichen“, erklärte Hescheler.

Als ein Beispiel nannte der Stammzellforscher den Contergan-Wirkstoff Thalidomid, der beim Menschen zu schweren Störungen in der Embryonalentwicklung führt, die im Tierversuch zuvor nicht erkannt wurden. „Die Pharmafirma Grünenthal hat damals nach den geltenden Vorschriften zur Medikamentenzulassung gehandelt. Sie hat Thalidomid in Tierversuchen mit der Maus, der Ratte und dem Hund getestet. Doch Störungen der Embryonalentwicklung treten nur beim Primaten und bei Menschen auf. Tests an Primaten oder humanen Zellen waren aber damals nicht vorgeschrieben“, erläuterte Hescheler.

Pluripotente Stammzellen sind für ihn deshalb ideal für solche Tests. „Wir haben ein einfaches Testverfahren entwickelt, das es uns erlaubt, uns die frühe embryonale Entwicklung anzuschauen und zu erkennen, welche Gene in den frühen Entwicklungsphasen vermehrt oder vermindert abgelesen werden.“ Für Thalidomid konnte seine Gruppe nachweisen, dass genau das Gen für die Arm- und Beinentwicklung durch die Substanz praktisch auf null geregelt wurde.

Stammzellen sind ideal für Medikamententests

„Man könnte jetzt diesen Test nutzen und auf andere Medikamente übertragen. Wenn man Substanzen findet, die auch dieses Gen beeinflussen, ließen sich genaue Vorhersagen machen, ob eine solche embryonale Fehlentwicklung wie bei Thalidomid wieder auftreten könnte“, sagte er. Momentan versucht der Stammzellforscher herauszufinden, welche weiteren Gene oder Gengruppen als Biomarker für die Vorhersage anderer toxikologischer Erscheinungen benutzt werden könnten, um die Toxizität einer Substanz festzustellen.

Das Beispiel zeigt: Regenerative Medizin ist viel mehr, als Zellersatz durch Stammzellen herzustellen. Noch gibt es weltweit allerdings nicht allzu viele durchschlagende Erfolge. Sanzenbacher vom PEI ist jedoch optimistisch: „Die Bilanz ist gar nicht so schlecht, wir haben die Pipeline voll, auch wenn ein Blockbuster bisher noch fehlt.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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