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Qualitätsoffensive im Krankenhaus: Zu kurz gedacht

Dtsch Arztebl 2013; 110(49): A-2339 / B-2059 / C-1991

Flintrop, Jens

Mit einer „Qualitätsoffensive“ wollen Union und SPD die Qualität der stationären Versorgung verbessern. So steht es in der Koalitionsvereinbarung, und das nicht nur einmal: Auf den drei Seiten, die die Koalitionäre den Krankenhäusern widmen, findet man beachtliche 25-mal den Begriff „Qualität“. Diese soll künftig besser erfasst, verglichen und geprüft werden. Für schlechte Qualität gibt es dann Abzüge, gute Qualität wird hingegen finanziell belohnt.

Die Koalitionäre wählen also einen dirigistischen Ansatz, um etwaige Qualitätsprobleme in den Kliniken zu erkennen beziehungsweise zu korrigieren: „Messen, kontrollieren, sanktionieren – die Industrie hat diesen Weg des Qualitätsmanagements bereits in den 50er Jahren verlassen, weil er ineffizient ist“, kommentierte Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, Ende November beim Nationalen Qualitätskongress Gesundheit in Berlin. Modernes Qualitätsmanagement setze hingegen voraus, Betroffene zu Beteiligten zu machen. Entscheidend dafür sei vor allem das Führungsverhalten der Chefärzte in den Häusern. Die Bundesärztekammer hat deshalb bereits vor Jahren ein Curriculum „Ärztliche Führung“ aufgesetzt.

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Auslöser für die Qualitätsoffensive in den Krankenhäusern dürfte vor allem die Mengendynamik bei besonders lukrativen Krankenhausleistungen gewesen sein. Sowohl Jens Spahn (CDU) als auch Karl W. Lauterbach (SPD) hatten im Wahlkampf wiederholt betont, dass sie nicht allein einen veränderten Versorgungsbedarf in der Bevölkerung oder medizintechnische Innovationen als Grund für gestiegene Fallzahlen bei Wirbelsäulenoperationen oder auch bei Linksherzkatheteruntersuchungen ansehen. Mit strengeren Qualitätskontrollen in den Kliniken soll nun vermieden werden, dass medizinische Indikationen zu großzügig gestellt werden, um mehr abrechnen zu können.

Mit der Initiierung eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses in den Kliniken, um die Qualität langfristig zu steigern, hat das wenig zu tun. Dafür müsste vielmehr eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen werden, in der jede Ärztin, jeder Arzt, jede Pflegekraft motiviert ist, Fehler aufzuarbeiten und daraus zu lernen – eben ohne Angst vor Sanktionen. Richtig verstandenes Qualitätsmanagement ist längst noch nicht Teil der Arbeitskultur in allen Kliniken.

Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Und noch etwas weiß man aus dem Wahlkampf: Die Qualitätsoffensive soll auch eine Strukturbereinigung der Krankenhauslandschaft nach sich ziehen. Nachdem dies über niedrig angesetzte Fallpauschalen nur bedingt gelungen ist (weil die Politik vor Ort ihre Krankenhäuser zu schützen weiß), sollen nun Vergütungsabschläge für mangelhafte Qualität dafür sorgen, dass schlechte Krankenhäuser „vom Netz“ gehen. Doch Zweifel sind angebracht, ob dies gelingt. Denn die Krankenhäuser werden gerichtlich gegen solche Abschläge vorgehen; und der Nachweis, dass eine Klinik wirklich schlechtere Qualität abliefert, ist juristisch nur schwer zu erbringen. Das eine große Problem ist die Risikoadjustierung, das andere die statistische Unsicherheit, die entsteht, wenn ein Krankenhaus beispielsweise nur zwei Pankreasoperationen pro Jahr durchführt. Aber selbst wenn es gelingt, die Qualität justiziabel zu messen, bleibt die Wahrscheinlichkeit groß, dass das „falsche“ Krankenhaus schließen muss – die vielen Universitätskliniken im Ruhrgebiet werden im Zweifel eine höhere Qualität nachweisen können als das kleine Kreiskrankenhaus, das für die Versorgung in der Fläche aber dringend notwendig ist.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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