THEMEN DER ZEIT

Ärztlich assistierter Suizid: Hilfe beim Sterben – keine Hilfe zum Sterben

Dtsch Arztebl 2014; 111(3): A-67 / B-61 / C-57

Nauck, Friedemann; Ostgathe, Christoph; Radbruch, Lukas

Welche spezifischen Anforderungen stellt das Thema ärztlich assistierter Suizid an die in der palliativmedizinischen Versorgung Tätigen? Reflexionen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin

Die Gabe stark wirksamer Medikamente kann zur Symptom kontrolle notwendig sein. Foto: dpa

Der ärztlich assistierte Suizid gehört nicht zu den Aufgaben der Ärztinnen und Ärzte. Dennoch können Ärzte im Einzelfall vor einem Dilemma stehen, wenn Patienten sie um Beihilfe zum Suizid bitten. Auch dann gehört es stets zu den ärztlichen Aufgaben, sich dem schwerstkranken und sterbenden Menschen gegenüber respektvoll zu verhalten, sich mit den Wünschen und Sorgen des Patienten auseinanderzusetzen und den betroffenen Patienten die palliativmedizinischen Optionen zur Linderung ihres Leids aufzuzeigen. Einer undifferenzierten moralischen Bewertung des Suizidwunsches sollte entgegengewirkt werden. Insbesondere mit Blick auf Angehörige sollte von vorschnellen Erklärungen, Schuldzuweisungen oder der Verwendung des Begriffs „Selbstmord“ Abstand genommen werden.

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Welche spezifischen Anforderungen das Thema ärztlich assistierter Suizid an die in der palliativmedizinischen Versorgung Tätigen stellt, damit hatte sich der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) im Rahmen einer zweitägigen Klausurtagung im März 2013 befasst. Im Folgenden werden die Reflexionen zusammengefasst.

Einleitung

Der Umgang mit Anfragen nach dem ärztlich assistierten Suizid wird nicht erst seit dem Beschluss des 114. Deutschen Ärztetages zur Änderung des § 16 „Beistand für Sterbende“ der (Muster-)Berufsordnung (MBO) kontrovers diskutiert. Dieser Paragraf wurde auf dem Deutschen Ärztetag im Jahr 2011 wie folgt neu gefasst: Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patientinnen und Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“

Die Änderung der MBO im Jahr 2011 wird durch die Landesärztekammern unterschiedlich umgesetzt. Insbesondere gibt es unterschiedliche Entscheidungen darüber, ob dieser neue Satz: Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“ übernommen beziehungsweise nicht übernommen wird.

Seit 2011 hat etwa die Hälfte der Landesärztekammern ihre Berufsordnungen an die neue MBO angepasst, indem der gesamte Passus aus der MBO wortwörtlich übernommen wurde. In Westfalen-Lippe heißt es abweichend nach den beiden Eingangssätzen: „Sie sollen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ In Sachsen-Anhalt gilt folgende Formulierung: Der Arzt hat Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und Achtung ihres Willens beizustehen. Der Arzt darf das Leben des Sterbenden nicht aktiv verkürzen.“ Die Berufsordnung der Landesärztekammer Bayerns hingegen schreibt lediglich fest: Der Arzt hat Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Ähnlich hat es die Landesärztekammer Baden-Württemberg entschieden.

Die Delegiertenversammlung der Ärztekammer Berlin hat am 12. Juni 2013 wiederum einstimmig eine Neufassung1 ihrer Berufsordnung beschlossen, in welcher der § 16 „Beistand für Sterbende“ nunmehr lautet: „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Getrennt davon heißt es jetzt unter § 1 „Aufgaben von Ärztinnen und Ärzten“ im neu geschaffenen 3. Absatz: Die Mitwirkung bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe. Ärztinnen und Ärzte sollen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“

Die derzeitige Uneinheitlichkeit der Berufsordnungen in den Landesärztekammern hinsichtlich des § 16 und die damit einhergehende Unklarheit über berufsrechtliche Konsequenzen können zu einer Verunsicherung der Ärzte führen. Darüber hinaus schafft diese Uneinheitlichkeit beachtlichen Interpretationsspielraum. Der Konflikt, der diesen unterschiedlichen Umsetzungen des § 16 MBO zugrunde liegt, weist auf das grundlegende Dilemma hin, in dem sich Ärzte sowie die behandelnden Teams befinden, die einen gangbaren Weg zur Begleitung eines Patienten suchen, den sie auch dann nicht alleinlassen möchten, wenn sein Wunsch nach ärztlich assistiertem Suizid sämtliche – auch palliativmedizinische – Behandlungsangebote überlagert.

Jenseits des Erfordernisses, eine berufsrechtliche Klärung herbeizuführen, wird derzeit kein Neuregelungsbedarf gesehen, insbesondere nicht im Strafrecht.

Terminologie

Suizid ist in Deutschland strafrechtlich nicht verboten, folgerichtig ist es in Ermangelung eines eigenständigen Straftatbestandes, wie es ihn in anderen Ländern wie beispielsweise Österreich und der Schweiz gibt, die (Bei-)Hilfe zum Suizid auch nicht. In der Diskussion werden viele Begriffe – oft fälschlich – verwendet. Daher sei vor allem unter Berücksichtigung der Vorschläge des Deutschen Ethikrates aus dem Jahr 2006 zunächst eine kurze Übersicht über relevante Definitionen gegeben.

Suizid: Suizid ist laut Weltgesundheitsorganisation der Akt der vorsätzlichen Selbsttötung. Der Bundesgerichtshof geht in seiner Rechtsprechung von der Straflosigkeit der Selbsttötung aus, wenn sie frei und eigenverantwortlich gewollt und verwirklicht ist.

Tötung auf Verlangen: Tötung auf Verlangen liegt laut Strafgesetzbuch (StGB) § 216 vor, wenn jemand durch das „ausdrückliche und ernstliche Verlangen“ des Getöteten zur Tötung bestimmt wurde und den Tod gezielt aktiv herbeiführt. Die Tötung auf Verlangen ist in Deutschland verboten, in den Niederlanden („Euthanasie“), Belgien und Luxemburg dagegen unter bestimmten Bedingungen straffrei gestellt.

(Bei-)Hilfe zum Suizid: Beihilfe zum Suizid leistet, wer einem Menschen, der sich selbst tötet, dabei Hilfe leistet. Diese Hilfe kann vielfältige Formen haben, sie kann zum Beispiel darin bestehen, jemanden zu einer Sterbehilfeorganisation im Ausland zu fahren, Medikamente zu besorgen, einen Becher mit einer tödlichen Substanz zuzubereiten und hinzustellen. In Abgrenzung zur „Tötung auf Verlangen“ kommt es darauf an, dass der Hilfeleistende das Geschehen nicht in der Hand hält. Den entscheidenden Akt des Suizids muss der Sterbewillige selbst vollziehen, indem er das Getränk mit der tödlich wirkenden Substanz austrinkt, den tödlichen Schuss abfeuert. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland straflos.2

Ärztlich assistierter Suizid: Rechtlich gesehen ist auch der ärztlich assistierte Suizid zuerst einmal eine Beihilfe zum Suizid und als solche straflos. Unter Umständen können in dieser Konstellation Abgrenzungsprobleme entstehen, die bei anderen Menschen nicht auftreten, weil der Arzt eine Behandlungspflicht haben könnte, die andere Menschen nicht haben und deren Vernachlässigung zum Beispiel dazu führen könnte, einen ärztlich assistierten Suizid als Totschlag durch Unterlassen zu bewerten. In der Regel und mit Blick auf die neueren gesetzlichen Regelungen zu Patientenverfügungen und zur Bedeutung des mutmaßlichen Willens stehen diese Bedenken aber nicht im Zentrum der Diskussion.

Seine besondere Bedeutung kann der ärztlich assistierte Suizid dadurch gewinnen, dass Ärzte hier ihre besonderen ärztlichen Fähigkeiten nutzen, um dem Sterbewilligen den Weg professionell und damit wirksam zu ebnen. Da Ärzte ein eigenes Berufsrecht haben, ist der ärztlich assistierte Suizid auch aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Die (Muster-)Berufsordnung schlägt vor, den ärztlich assistierten Suizid in den verbindlichen Regelungen auf Ebene der Landesärztekammern zu untersagen.

Therapiezieländerung/Therapieverzicht/Therapieabbruch/Sterben zulassen: Nicht strafbar sind das Unterlassen, Begrenzen oder Abbrechen (Beenden) lebenserhaltender oder lebensverlängernder Maßnahmen, sofern dies dem Willen des Patienten entspricht. Dazu zählt insbesondere der Verzicht auf künstliche Ernährung, Flüssigkeitszufuhr, Medikamentengabe, Beatmung, Intubation, Dialyse, Reanimation beziehungsweise deren Abbruch vor Eintritt des Hirntodes. Der Begriff „Therapiezieländerung“ fokussiert darauf, dass nicht grundsätzlich auf alle therapeutischen Maßnahmen verzichtet wird, wie der Begriff des Behandlungsabbruchs nahelegt; vielmehr erfolgt gezielt eine Korrektur hinsichtlich des Einsatzes einer spezifischen einzelnen Therapie, während gleichzeitig selbstverständlich versucht wird, zu erreichen, dass der Patient nicht leidet.

2011 hat die Bundesärztekammer ihre Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung novelliert, in denen es seither heißt: „Ein offensichtlicher Sterbevorgang soll nicht durch lebenserhaltende Therapien künstlich in die Länge gezogen werden. Darüber hinaus darf das Sterben durch Unterlassen, Begrenzen oder Beenden einer begonnenen medizinischen Behandlung ermöglicht werden, wenn dies dem Willen des Patienten entspricht. Dies gilt auch für die künstliche Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr.“

Palliative Sedierung: Palliative Sedierung ist der überwachte Einsatz von Medikamenten mit der Absicht, das Bewusstsein zu reduzieren oder auszuschalten, um so die Belastung durch sonst unerträgliches und durch keine anderen Mittel beherrschbares Leiden zu lindern, in einer für Patienten, Familie und Behandler ethisch akzeptablen Weise. Die palliative Sedierung kann intermittierend oder kontinuierlich erfolgen und eine oberflächliche oder eher tiefe Sedierung zum Ziel haben. Die Intention besteht eindeutig in der Symptomlinderung, nicht in einer Beschleunigung des Todeseintrittes.

Behandlung am Lebensende: Die Gabe stark wirksamer Medikamente kann zur Symptomkontrolle notwendig sein. Dabei ist nicht auszuschließen, dass durch unbeabsichtigte Nebenwirkungen der medikamentösen Symptomlinderung der Eintritt des Todes beschleunigt wird. Im Vordergrund steht auch hier die Intention respektive Indikation der genutzten Maßnahmen: Handlungsleitend ist grundsätzlich der Bedarf an Symptomlinderung und nicht eine Beschleunigung des Sterbens. Diese Behandlung ist unter der Voraussetzung einer entsprechenden medizinischen Indikation in Deutschland auch berufsrechtlich zulässig, wenn sie dem ausgesprochenen oder – bei Einwilligungsunfähigkeit – vorab geäußerten oder mutmaßlichen Willen des Patienten entspricht.

Der Wunsch zu sterben

Todeswünsche können unterschiedlich ausgeprägt sein, das Kontinuum reicht von dem Wunsch, dass der Tod durch ein rasches Fortschreiten der Erkrankung bald eintreten möge, bis hin zur maximalen Form der Planung eines Suizids respektive Wünschen nach Beihilfe zum Suizid oder Tötung auf Verlangen. Der explizit geäußerte Wunsch nach assistiertem Suizid ist im klinischen Alltag selten, stellt aber eine besondere Herausforderung für das gesamte therapeutische Team dar, mit der alle in die Behandlung und Begleitung eingebundenen Berufsgruppen in großer Verantwortung und Wertschätzung umzugehen haben.

Grundsätzlich sollte in Hinblick auf vorschnelle Erklärungen eines Sterbewunsches Zurückhaltung geboten sein. Es besteht die Gefahr, die individuelle Not und Verzweiflung des Patienten nicht wahrzunehmen und es „besser zu wissen“ als der Patient. Schwer kranke Menschen, die den Wunsch zu sterben äußern, wünschen nicht zwingend den sofortigen eigenen Tod, sondern oftmals das Ende einer unerträglichen Situation. Häufig ist es die Angst, Schmerzen, Luftnot oder anderen schweren Symptomen hilflos ausgeliefert zu sein, Angst vor dem Verlust körperlicher Funktionen und Fähigkeiten, Angst, beim Sterben alleingelassen zu werden, Angst vor Vereinsamung und Verlust der Würde, Angst vor medizinischer Überversorgung oder Angst, dauerhaft der Medizintechnik (zum Beispiel durch künstliche Beatmung) ausgeliefert zu sein. Manch einer sorgt sich, anderen zur Last zu fallen. Der Wunsch zu sterben kann das aktuell wichtigste Thema für den Patienten darstellen und sollte nicht tabuisiert werden, sofern ein Patient entsprechende Äußerungen oder Andeutungen gegenüber Arzt, Pflegenden oder anderen Mitgliedern im Behandlungsteam macht.

Die Äußerung von Sterbewünschen kann als ein Zeichen des Vertrauens gewertet werden. Es kann ein vorsichtig tastender Versuch sein auszuloten, ob sich das Gegenüber auf eine solche tiefe und existenzielle Frage einlässt. Das Gespräch kann eine große Entlastung („denken dürfen“) für die Betroffenen und eine Bereicherung der Team-Patienten-Beziehung bedeuten. Der Todeswunsch ist dabei nicht absolut und ausschließlich zu sehen, sondern kann durchaus Ausdruck einer Ambivalenz sein. Dadurch kann sich die Situation ergeben, dass parallel zwei Hoffnungen – Hoffnung auf ein baldiges Ende des Lebens und Hoffnung auf mehr Leben – nebeneinander bestehen.

Ziel der Palliativversorgung ist es, durch bestmögliche Unterstützung Menschen im Sterben mehr Leben zu geben und gleichzeitig das Sterben nicht aufzuhalten, sich somit dem „Sterben wollen“ nicht entgegenzustellen. Entsprechend ist es eine wesentliche Aufgabe der Palliativmedizin, dem Patienten gegenüber Offenheit zu signalisieren und ihm zu ermöglichen, über seine Todeswünsche zu sprechen.

Resümee

Selbst bei exzellenter Palliativmedizin wird es Menschen geben, die aus der Situation ihrer schweren Erkrankung heraus Suizid begehen möchten, diesen unter Umständen aber nicht selbst durchführen können oder wollen. Die Palliativmedizin bietet aus ihrem lebensbejahenden Ansatz heraus Hilfe beim Sterben an, jedoch nicht Hilfe zum Sterben. Daher gehört es aus Sicht des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin nicht zum Grundverständnis der Palliativmedizin, Beihilfe zum Suizid zu leisten oder über die gezielte Durchführung eines Suizids zu beraten.

Für Ärztinnen und Ärzte kann es im Umgang mit schwierigen Einzelfällen zu Dilemma-Situationen kommen. Die DGP unterstützt das in der (Muster-)Berufsordnung zum Ausdruck gebrachte Verbot einer ärztlichen Mitwirkung am Suizid, sofern darunter das Verbot der Verordnung eines Medikamentes zum Ziel der Durchführung eines Suizides sowie das Verbot der konkreten Anleitung zur Suizidplanung verstanden wird. Die Landesärztekammern sollten ihre Berufsordnungen zu § 16 im oben genannten Sinne vereinheitlichen. Da das Verbot nicht zwingend an eine Sanktion gebunden ist, hat die Landesärztekammer grundsätzlich die Möglichkeit, im begründeten Einzelfall von einer berufsrechtlichen Sanktion der ärztlichen Beihilfe zum freiverantwortlichen Suizid abzusehen.

Es zählt unbedingt zu den ärztlichen Aufgaben, sich respektvoll mit Todeswünschen von Patienten – wie auch Suizidwünschen im engeren Sinne – auseinanderzusetzen. Hierzu gehört in erster Linie, mit den betroffenen Patienten, deren Angehörigen und dem eingebundenen Team die palliativmedizinischen Optionen zur Linderung von Leid zu erörtern und zu versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2014; 111(3): A 67–71

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Friedemann Nauck
Klinik für Palliativmedizin
Präsident der Deutschen Gesellschaft
für Palliativmedizin
Georg-August-Universität Göttingen
Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen
Friedemann.Nauck@med.uni-goettingen.de

Vorstand und Experten der DGP: Katja Goudinoudis, Oberhaching; Bernd-Oliver Maier, Wiesbaden; Heiner Melching, Berlin; Andreas Müller, Dresden; Friedemann Nauck, Göttingen; Christoph Ostgathe, Erlangen; Lukas Radbruch, Bonn; Achim Rieger, Berlin; Kurt Schmidt, Frankfurt am Main; Barbara Schubert, Dresden; Meike Schwermann, Alfred Simon, Göttingen; Meike Schwermann, Münster, Oliver Tolmein, Hamburg; Maria Wasner, München

Palliativmedizinische
Abteilung, Universitätsklinikum Erlangen:
Prof. Dr. med. Ostgathe

Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin, Universitätsklinikum Bonn: Prof. Dr. med. Radbruch

Klinik für Palliativmedizin, Präsident der
Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin,
Universitätsmedizin
Göttingen
Prof. Dr. med. Nauck

1In dem Bericht vom 24.6.2013 heißt es: „Die Neufassung der Berufsordnung der Ärztekammer Berlin bedarf noch der Genehmigung seitens der Senatsverwaltung.“ http://www.aekb.de/50ueberUns/20_Wer_wir_sind/20_DV/50_DV_Berichte/432_DV2013_06_12.html (last accessed on 21 November 2013)

2Da die (Bei-)Hilfe zum Suizid strafrechtlich in Deutschland nicht sanktioniert wird, geht es beim ärztlich assistierten Suizid allein darum, inwieweit entsprechende Formulierungen in den Berufsordnungen der Länder berufsrechtliche Sanktionen für Ärzte nach sich ziehen.

Entlastung für den Patienten

Wenn ein Mensch sein Leben beenden möchte, so ist das nicht nur für den Patienten und die Familie, sondern auch für das Behandlungsteam spannungsvoll und belastend. Folgende Herangehensweisen können hilfreich sein, um mit einem vermeintlichen oder geäußerten Todes- beziehungsweise Suizidwunsch angemessen umgehen zu können:

  • Darlegung, wie die bestmögliche palliativmedizinische Behandlung unter Einbindung multiprofessioneller und interdisziplinärer Angebote zur Verbesserung der vom Patienten als unerträglich empfundenen Situation aussehen könnte.
  • Dem Patienten und seiner Familie sollten konkrete Entlastungsmöglichkeiten im häuslichen beziehungsweise im stationären Umfeld durch die verschiedenen in die Palliativversorgung eingebundenen Professionen aufgezeigt werden.
  • Offene und respektvolle Kommunikation mit dem Patienten und den Angehörigen über den Todeswunsch, die Motivationen, Bedürfnisse und Ängste des Patienten.
  • Konkrete Auseinandersetzung mit den individuellen Problemen und Befürchtungen, die den Patienten belasten und den Todeswunsch motivieren.
  • Bei einem Suizidwunsch aufgrund existenzieller innerer Not sollte dem Patienten zusätzliche Unterstützung angeboten werden, zum Beispiel mittels (Krisen-)Intervention durch Psychologen/-therapeuten, Psychiater, Seelsorger, Sozialarbeiter oder andere Therapeuten.
  • Immer sollte die Beendigung respektive der Verzicht auf lebenserhaltende Therapien als Möglichkeit, den Todeszeitpunkt nicht weiter hinauszuschieben, besprochen werden.
  • Palliative Sedierung kann im Einzelfall, wenn therapierefraktäre Symptome Ursache des Sterbewunsches sind, indiziert sein. Ziel ist nicht die Beschleunigung des Todeseintrittes.
  • Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit kann für einige Patienten eine mögliche Alternative sein. Auf diese Weise das Ende des eigenen Lebens herbeizuführen, dieses Vorhaben aber auch jederzeit unter- beziehungsweise abbrechen zu können, ermöglicht diesen Patienten ein selbstbestimmtes Leben und Sterben.
  • Aufklärung über die Ziele/Möglichkeiten einer palliativmedizinischen Begleitung.

Entlastung für das Team

  • Die behandelnden Ärzte sollten einem Patienten mit Suizidwünschen (und unter Umständen seinen Angehörigen – stets unter Beachtung der Schweigepflicht) verdeutlichen, welche palliativmedizinischen Interventionen für ihn infrage kommen, wie die umfassende Hilfe beim Sterben aussehen kann und wo der Arzt aus medizinischem beziehungsweise persönlichem Selbstverständnis eine Grenze in der Hilfe zum Sterben zieht.
  • Offene Kommunikation aller beteiligten Professionen über den Umgang mit dem Todes- beziehungsweise Suizidwunsch des Patienten, bei der auch die eigene moralische Bewertung und ihre Bedeutung für den professionellen Umgang thematisiert werden sollten. Ein kategorisches „Verbot“ der moralischen Bewertung im Team übersieht, dass dadurch wieder neue Probleme geschaffen werden und einer professionellen Hilfestellung im Wege stehen.
  • Teams brauchen im Umgang mit konkret oder unterschwellig an die Teammitglieder herangetragenen Wünschen zur Suizidbeihilfe Unterstützung. Mögliche Angebote können beispielsweise Einzel-/Team-Supervision oder Debriefings sein. Das kann vor allem notwendig werden, wenn für den Patienten weder eine Therapiezieländerung noch der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit oder die palliative Sedierung eine Option darstellen, das Team sich jedoch der Aufgabe stellt, bei dem Patienten zu bleiben und ihn weiter zu begleiten.

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advokatus diaboli
am Mittwoch, 22. Januar 2014, 12:00

"Streitgespräch" ist unergiebig!

Dr. Schätzler übt mal wieder Kritik, die auch nicht dadurch gehaltvoller wird, in dem er seinen Kommentar gleich an mehrere Stellen nahezu wortgleich platziert, wobei er natürlich auf dem BLOG „Schätzlers Schafott“ trotz aller Ironie so richtig seine Bedeutung entfaltet, nachdem auch Schätzler eher von „Abdecken“ denn von Suizidhilfe spricht.
Schließlich gab es Zeiten, in denen unliebsame Streitgenossen auf dem „Scheiterhaufen“ endeten, die sich nicht „einsichtig“ zeigten. Nun bleibt uns – wem auch immer wir Dank zollen möchten – ein solches Schicksal im 21. Jahrhundert erspart, zumal in einer Rechtsordnung, in der die Grundrechte eines jeden Einzelnen (hoffentlich!) auch ernst genommen werden.

Leider verkennt Dr. Schätzler nachhaltig, dass in der anstrengenden Debatte um die ärztliche Suizidassistenz die wesentlichen Argumente bereits ausgetauscht sind und es aus meiner Sicht keinen Sinn macht, diese bei jeder Gelegenheit zu widerholen.

Hier hege ich dann auch die Hoffnung, dass diejenigen, die die Diskussion seit geraumer Zeit verfolgen, durchaus wissen, welche Argumentationslinien sowohl auf Seiten der Befürworter als auch der Gegner vertreten werden, und in diesem Sinne galt es „nur“ zu rügen, dass das Votum der DGP, die Ärztekammer mögen doch letztlich der Regelung in der ärztlichen Musterberufsordnung folgen, durchaus Befremden auslöst.

Auch die Palliativmediziner sind nicht die ethisch integeren Ärzte und ich persönlich denke, dass es einem freien Berufsstand nicht gut zu Gesichte ansteht, wenn immerhin mehr als Drittel ihrer Berufskolleginnen und Kollegen auf diese Art und Weise unausgesprochen stigmatisiert werden.

Freilich, einen „aufrechten“ ethischen Überzeugungstäter wird dieses nicht beeindrucken und da dem so ist, kann mit guten Gründen auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts verwiesen werden, wonach es offensichtlich keinen Sinn macht, sich mit den vielfältigen und höchst unterschiedlichen „Philosophien“ thematisch auseinanderzusetzen. Das Recht muss hiervon unbeeindruckt bleiben und sich seiner eigenen Grundlagen erinnern, die nun mal nicht mit der Arztethik oder einer beliebig anderen Gesinnungsethik deckungsgleich sind.

„Bei der Auslegung der Bestimmungen bedarf es deshalb keiner Auseinandersetzung mit theologischen und philosophischen Lehren über Begriff, Wesen, Ursprung des Gewissens; sie überschritte die Kompetenz des Richters und wäre auch rechtlich unergiebig, weil über viele der hier auftretenden Probleme in den zuständigen Disziplinen tiefgehende Meinungsverschiedenheiten bestehen.“ (BVerfGE 12, 45 - Kriegsdienstverweigerung I, zit. nach DFR – Das Fallrecht, online unter >>> http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv041029.html <<<, Rdnr. 28).

In diesem Sinne wäre es wünschenswert, wenn auch die Palliativmediziner (und freilich die Ärztefunktionäre) den hohen Wert des Art. 4 GG erkennen, zumal Stelle in § 2 Abs. 1 die wohl vornehmste Berufspflicht der Ärztinnen und Ärzte wie folgt umschrieben ist:

„Ärztinnen und Ärzte üben ihren Beruf nach ihrem Gewissen, den Geboten der ärztlichen Ethik und der Menschlichkeit aus. Sie dürfen keine Grundsätze anerkennen und keine Vorschriften oder Anweisungen beachten, die mit ihren Aufgaben nicht vereinbar sind oder deren Befolgung sie nicht verantworten können.“
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 19. Januar 2014, 22:57

"advokatus diaboli" ist nicht zu fassen!

Auch hier bleibt Assessor jur. Lutz Barth alias "advokatus diaboli" völlig Sinn frei ohne Argumente. Denn die hier vorgelegte, fundierte Publikation "THEMEN DER ZEIT - Ärztlich assistierter Suizid: Hilfe beim Sterben – keine Hilfe zum Sterben" (Dtsch Arztebl 2014; 111(3): A-67 / B-61 / C-57) von F. Nauck, C. Ostgathe, L. Radbruch hat "advokatus diaboli" mit Sicherheit gar nicht erst gelesen. Und was man nicht gelesen hat, kann man bekanntlich auch nicht verstehen oder angemessen kommentieren.

Das kommt Ihnen, verehrte DÄ-Leser/-innen bekannt vor? Mit seinem Kommentar: "Auch Palliativmediziner sind zur Toleranz aufgerufen!" geht "advokatus diaboli" ebenfalls mit keinem Wort formal oder inhaltlich auf die unter "News Politik" bei aerzteblatt.de dargestellten Positionen der "Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin gegen ärztliche Beihilfe zum Suizid" ein. Vgl.
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/57243/Deutsche-Gesellschaft-fuer-Palliativmedizin-gegen-aerztliche-Beihilfe-zum-Suizid

Stattdessen strotz auch sein h i e r vorliegender Kommentar von ebenso bedeutungsschwangeren wie inhaltsleeren Worthülsen, mit denen die Kommentarlandschaft durchpflügt wird, o h n e je die ärztlich-ethischen Dimensionen, die Gratwanderungen zwischen "Tötung auf Verlangen" (§216 StGB), aktiver und passiver Sterbehilfe bzw. ärztlich assistiertem Suizid nicht nur mit Worten, sondern auch mit Substanz, Taten und Handlungen begreifen zu können. Wenn es ums tätige Tun von Ärzten/-innen geht, steht der Assessor nur herum, weil das aktive Handeln seine Sache wohl nicht ist.

Wir erleben als Ärzte in Klinik und Praxis in einigen Fachbereichen fast täglich Menschen, die nicht mehr leben wollen und können, die sich selbst (und manchmal auch anderen) den Tod wünschen. Wir können und dürfen die nicht alle in den Tod schicken, weil die meisten entweder froh und glücklich sind, wenn wir ihnen therapeutisch helfen können. Oder erleichtert darüber, dass wir offen über palliative Maßnahmen und Möglichkeiten sprechen. Wir Ärztinnen und Ärzte wollen nämlich nicht mit pseudo-juristischen Argumenten zu "Abdeckern" degradiert werden.

Meine ganz persönliche Meinung: Das wie auch immer geartete "Geschäft" mit der organisierten Sterbehilfe, aber auch das private "Helfer-Syndrom" z. B. eines selbsternannten "Sterbehelfers" Peter Puppe im Beitrag von "Report Mainz" am 14. Januar 2014 ("wenn Sie wüßten, was ich alles studiert habe...nach 8 Jahren täglichem, vielfältigem Eigenstudium") sind keineswegs nur altruistisch-selbst-aufopfernd sondern immer auch ein Stück weit überheblich-selbstüberschätzend-anmaßend. Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/panorama/?sid=853241
In dem man alleine vorgibt zu wissen, was für Sterbende gut und richtig ist, dass die eigentlich medizinischen Experten ignorant, verleugnend und unwissend sind, möchte man für sich selbst auch einen gewissen taktischen Vorteil herausarbeiten. Der z. B. darin bestünde, dass man damit alle vorherigen ärztlichen Bemühungen ad absurdum führen bzw. bei verzweifelt terminal Kranken o h n e Familienangehörige relativ (selbst-)kritiklos oder auch zum eigenen Vorteil verfahren könnte.

Warum ich mir da so sicher bin?
1. Ich hatte im Jahr 2000 ein hochmalignes Non-Hodgkin-Lymphom Stadium IVa mit Hochdosis-Chemotherapie, autologer Stammzellübertragung, im Leukozyten-Nadir zweimal akut lebensbedrohliche Zustände und eine fulminante i. v. Zytostatikum-Allergie.
2. Ein Rezidiv 2007 mit retroperitonealer Lymphom-OP, Chemotherapie und Rituximab-Therapie.
3. Seit dieser Zeit habe ich vor dem Tod keine wirkliche Angst mehr - da war ich schon zu oft zu nah dran.
4. Seit dieser Zeit lebe, arbeite genieße und schreibe ich täglich so intensiv und bin mit mir selbst im Reinen wie nie zuvor. Aber mir kann auch niemand mehr etwas vormachen.
5. Seitdem merke ich auch s o f o r t, ob jemand nur irgendwie interessegeleitet daherredet, drum herumredet oder perseverierend schwafelt.
6. In Disputationen finde ich s o f o r t heraus, ob jemand eine andere, gegensätzliche Position wirklich inhaltlich und genau gelesen, verstanden und reflektiert hat.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
advokatus diaboli
am Freitag, 17. Januar 2014, 06:42

Grundlegende Fragen werden nicht thematisiert!

Es ist schon erstaunlich, dass die Autoren sich nicht näher mit der Frage auseinandersetzen, warum (!) einige Landesärztekammern die in der MBO enthaltene Verbotsregelung nicht übernommen haben.

Es ist ein "ethischer Flickenteppich" entstanden, bei dem ein allgemeines "Arztethos", welches insbesondere der BÄK vorschwebt, seine Integrationskraft verloren hat. Dies allerdings verwundert nicht, übt doch der Arzt seinen Beruf in erster Linie nach seinem Gewissen aus und nicht nach den ethischen Vorgaben einiger Ärztefunktionäre oder Palliativmediziner, die sich nicht selten von Machbarkeitsvorstellungen ihrer eigenen Disziplin leiten lassen.

Insofern ist das Plädoyer der Autoren, die Landesärztekammer mögen im Zweifel der MBO folgen, zwar nachvollziehbar, aber ethisch nicht haltbar, sehen wir mal von dem ethischen Grundstandard unseres Grundgesetzes ab, der selbstverständlich auch den Selbstverwaltungskörperschaften Grenzen aufzeigt.

Der parlamentarische Gesetzgeber ist aufgerufen, den "ethischen Flickenteppich" der Ärzteschaft zu beseitigen, in dem er Sterbehilfereglungen verabschiedet, die zugleich auch für die Ärzteschaft bindend sind, so dass kein Raum mehr für abweichende berufsrechtliche Regelungen verbleibt.

Die ärztlichen Selbstverwaltungskörperschaften, die die Regelung der MBO übernommen haben, waren sich offensichtlich nicht der Bedeutung der ärztlichen Gewissensfreiheit bewusst und insofern muss der Gesetzgeber einschreiten!

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